1795_Jean_Paul_049_131.txt

schade, dass es nicht der Maler des Vatikans gemacht hat, damit Sie es öfter ansähen." – "O," sagte sie leichtsinnig, "ich würde niemals mit andern hinaufsehenich liebe das Bewundern nicht." Später sagte sie: "Die Männer verstellen sich, wenn sie wollen, besser als wir; aber ich sage ihnen ebensowenig Wahrheiten, als ich von ihnen höre." Sie gestand geradezu, Koketterie sei das beste Mittel gegen Liebe; und mit der Bemerkung, "seine Freimütigkeit gefall' ihr, aber die ihrige müss' ihm auch gefallen", endigte sie den Besuch und den Posttag.

22. Hundposttag

Stückgiesserei der Liebe, z.B. gedruckte Handschuhe, Zank, Zwergflaschen und Schnittwundenein Titel

aus den Digesten der LiebeMarieCourtag

Giulias Sterbebrief

Der Leser wird sich ärgern über diesen Hundposttag; ich meines Orts habe mich schon geärgert. Der Held verstrickt sich zusehends in das Zuggarn zwei weiblicher Schleppen und sogar in die Bande der fürstlichen Freundschaft.... es braucht nur noch, dass gar Klotilde zum Wirrwarr stösset – – Und so etwas muss ein Berghauptmann, ein Eiländer den Leuten auf dem festen land hinterbringen!

Chronologisch solls noch dazu gemacht werden: ich will diesen Hundposttag, der vom November bis zum Dezember langt, in Wochen zerlegen. Dadurch wird die Ordnung grösser. Denn ich kenne die Deutschen: sie wollen wie die Metaphysiker alles von vorn an wissen, recht genau, in Grossoktav, ohne übertriebene Kürze und mit einigen citatis. Sie versehen ein Epigramm mit einer Vorrede und ein Liebemadrigal mit einem Sachregistersie bestimmen den Zephyr nach einer Windroseund das Herz eines Mädchens nach dem Kegelschnitt- sie bezeichnen alles mit Fraktur wie Kaufleute und beweisen alles wie Juristenihre Gehirnhäute sind lebendige Rechenhäute, ihre Beine geheime Messstangen und Schrittzählersie zerschneiden den Schleier der neun Musen und setzen auf die Herzen dieser Mädchen Tasterzirkel und in ihre Köpfe Visierstäbedie arme Klio (die Muse der geschichte) sieht gar aus wie der Konsistorialrat Büsching, der langsam und krumm unter einer Landfracht von Messketten, von Terzienuhren und von Harrisonschen Längenuhren und durchschossenen Schreibkalendern daherwandeltso dass ich besonders den armen Büsching beweine, sooft ich ihn nur schreiten sehe, da den guten topographischen Lastund Kreuzträger ganz Deutschland (von dem ich etwas anders erwartet hätte), jeder Amtmann, jeder dumme Schulteiss (bloss wir Scheerauer sattelten ihn nicht) gleich einer Pfänderstatue von der Kniekehle bis ans Nasenloch (der gute Mann ist kaum zu sehen, und mich wunderts nur, wie er auf den Füssen verbleibt) umhangen, besteckt und eingebauet hat mit allen verdammten Teufels-Wischenmit Dorfinventarienmit Intelligenzblätternmit Wappenwerkenmit Flurbüchern und perspektivischen Aufrissen von Schweinställen.

Sie haben sogar den Jean Pauldamit ich nur von mir selber ein Beispiel des deutschen Foliierphlegma erzähle, wiewohl ich eben dadurch eines gebeangesteckt: ist es nicht eine alte Sache, dass er das Blau der schönsten Augen, in die je ein amoroso geblickt, vermittelst eines Saussureschen Cyanometers54 genauer nach Graden angegeben und die schönsten Tropfen, die aus ihnen während der Messung fielen, richtig genug mit einem Taumesser ausvisiert hat? – Und hat nicht sein Versuch, die weiblichen Seufzer mit dem Stegmannischen Luftreinigkeitmesser einzufangen und zu prüfen, unter uns mehr als zuviel Nachahmer gefunden? – –

Woche des 22. Post-Trinitatis oder vom

3. Nov. bis 11. (exclusive)

Diese Woche versass er fast ganz beim Minister: manche Menschen kommen, wenn sie nur viermal in einem haus waren, dann wie das tägliche Fieber täglich wieder, anfangs wie die Lenzsonne jeden Tag früher, dann wie die Herbstsonne jeden Tag später. Er sah wohl, dass er bei dieser Hof- und Ministerialpartie nichts niederlegen könne, weder ein Geheimnis, noch Vermögen, noch ein Herz, weil sie ehrlichen Gerichtstellen gleichen wurde, dieso wie die Mönche ihr Eigentum ein Depositum nennen und sagen, nichts gehöre ihnenumgekehrt jedes Depositum zu einem Eigentum erheben und sagen, alles gehöre ihnen Aber er machte sich nichts daraus: "Ich komme ja nur zum Spasse," (dachte' er) "und mir ist nichts anzuhaben." – Der Minister, dem er bloss über der Tafel begegnete, hatte gegen ihn alle die Höflichkeit, die mit einem persiflierenden Gesicht und mit einem die Welt in Spionen und in Diebe einteilenden stand zu verbinden ist; aber Sebastian merkte doch, dass er ihn für einen Halbkenner in der Medizin und in den ernstaften Wissenschaftenals wären nicht alle ernstaftansehe und für einen Eingeweihten bloss im Witz und schönen Wissen. Jedoch war er zu stolz, ihm eine andere als die leere Neumondseite zuzukehren, und verbarg alles, was ihn bekehren konnte. Daher musste sich Viktor bei dem dümmsten Kanzleiverwandten, ders gesehen hätte, dadurch um alle achtung bringen, dass er, wenn der Minister mit seinem Bruder, dem Regierpräsidenten, ein interessantes Gespräch über Auflagen, Bündnisse, über die kammer anspann, entweder nicht aufmerkte, oder fortlief, oder die Weiber aufsuchte. – Auch liebte er am Fürsten nur den Menschen; der Minister nur den Fürsten. Viktor konnte bei Jenner selber über die Vorzüge der Republiken Reden halten, und dieser hätte oft im Entusiasmus (wenn die Reichgerichte und sein Magen es verstattet hätten) gern Flachsenfingen zum Freistaat erhoben und sich zum Präsidenten des Kongresses darin. Aber der Minister hasste dies tödlich und klebte