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grossen Garten zu machen in einer zugesperrten Sänfte."Viktor reisete gerade durch einen, nämlich den Schleunesschen: es war noch zu hell und zu schön, um sich wie Nähkissen an die Spieltische zu schrauben. Er sah darin eine kleine bunte Reihe gehen und Joachimen darunter. Er schlug sich zu ihnen. Joachime bezeugte eine malerische Freude über die Wolken-Gruppierung, und es stand ihren schönen Augen gut, wenn sie sie dahin hob. Da man nichts Gescheites zu reden hatte: suchte man etwas Gescheites zu tun, sobald man ans Karussell ankam. Man setzte sich darauf und liess es drehen. Viele Damen hatten gar den Mut nicht, diese Drehscheibe zu besteigeneinige wagten sich in die Sesselbloss Joachime, die ebenwo verwegen als furchtsam war, beschritt das hölzerne Turnierross und nahm die Lanze in die Hand, um die Ringe mit einer Grazie wegzuspiessen, die schönerer Ringe würdig war. Aber um sich nicht dem Abwerfen des Dreh- Rosinante blosszugeben, hatte Joachime meinen Helden wie ein Treppengeländer an sich gestellt, um sich an ihn in der Zeit der Not anzuhalten. Die Achsebewegung wurde schneller und ihre Furcht grösser; sie hielt sich immer fester an, und er fasste sie fester an, um ihrer Anstrengung zuvorzukommen. Viktor, der sich auf die Taschenspielerkünste und den Hokuspokus der Weiber recht gut verstand, fand sich leicht in Joachimens Wieglebische natürliche Magie und "Trunkus Plempsum Schallalei"; noch dazu war das wechselseitige Andrücken so schnell hin- und hergegangen, dass man nicht wusste, hatte' es einen Erfinder oder eine Erfinderin....

Da sie jetzt alle im Zimmer sind und ich allein im Garten stehe neben der Rossmühle: so will ich darüber geschickt reflektieren und anmerken, dass die Grossen, gleich den Weibern, den Franzosen und den Griechen, grosseKinder sind. Alle grosse Philosophen sind das nämliche und leben, wenn sie sich durch Denken fast umgebracht haben, durch Kindereien wieder auf, wie z.B. Malebranche tat; ebenso holen Grosse zu ihren ernstern edlen Lustbarkeiten durch wahre kindische aus; daher die Steckenpferd- Ritterschaft, die Schaukel, die Kartenhäuser (in Hamiltons mémoires), das Bilderausschneiden, das Joujou. Mit dieser Sucht, sich zu amüsieren, steckt sie zum teil die Gewohnheit an, ihre Obern zu amüsieren, weil diese den alten Göttern gleichen, die man (nach Moritz) nicht durch Bussen, sondern durch fröhliche Feste besänftigte.

Da er mit der ganzen Teatergesellschaft des Ministers bekannt war, und zweitens, da er kein Liebhaber mehr wardenn dieser hat tausend Augen für eine person und tausend Augenlider für die andern –: so war er beim Minister nicht verlegen, sondern gar vergnügt. Denn er hatte da doch seinen Plan durchzusetzenund ein Plan macht ein Leben unterhaltend, man mag es lesen oder führen.

Es misslang ihm heute nicht, ziemlich lange mit der Fürstin zu sprechen, und zwar nicht vom Fürstensie mied es –, sondern von ihrem Augenübel. Das war alles. Er fühlte, es sei leichter, eine übertriebene achtung vorzuspiegeln, als eine wahre auszudrücken. Die Besorgnis, falsch zu scheinen, macht, dass man es scheint. Daher sieht bei einem Argwöhnischen ein Aufrichtiger halb wie ein Falscher aus. Indessen war bei Agnola, die ihres Temperaments ungeachtet spröde warein eigner zurückgestimmter Ton herrschte daher in ihrer Gegenwart bei Schleunes –, jeder Schritt genug, den er nicht zurück tat.

Aber gegen die lebhafte Joachime tat er einen halben vorwärts. Nicht sowohl sie als das Haus schien ihm kokett zu sein; und die Töchter darin fand er- dies macht das Haus- den alten Litonen oder Leuten der Sachsen ähnlich, die 1/3 frei waren und 2/3 leibeigen, und die also ein Drittel ihres Guts verschulden konnten. Jede hatte noch ein Drittel, ein Neuntel, ein Kugelsegment von ihrem Herzen übrig zur freien Verfügung. Überhaupt wer noch kein Kabeljau- oder Stockfischangeln gesehen: der kann es hier lernen aus Metapherndie drei Töchter halten lange Angelruten übers wasser (Vater und Mutter plätschern die Stockfische her) und haben an die Angelhaken gespiesset Staatsuniformen oder ihre eigne GesichterHerzenganze Männer (als anködernde Nebenbuhler) – Herzen, die schon einmal aus dem Magen eines andern gefangnen Kabeljaus herausgenommen worden –: ich sage, daraus kann man ungefähr ersehen, womit man die andern Kabeljaus in der See fängt, völlig wie die Stockfische zu land, nämlich auch (jetzt lese man wieder zurück) mit roten Tuchlappenmit Glasperlenmit Vogelherzenmit eingesalzenen Heringen und blutenden Fischenmit kleinen Kabeljaus selbermit Fischen, die man halb verdauet aus gefangnen Stockfischen gezogen. – –

Viktor dachte: "Meinetwegen sei Joachime nur lebhaft oder kokett, ich laufe leicht über Mardereisen hinüber, die ich ja mit vor der Nase stellen sehe." Laufe nur, Viktor! das sichtbare Eisen soll dich eben in das bedeckte treiben. Man kann an derselben person die Koketterie gegen jeden bemerken, und doch ihre gegen sich übersehen, wie die Schöne dem Schmeichler glaubt, den sie für den ausgemachten Schmeichler aller andern hält. – Er bemerkte, dass Joachime das neue Deckenstück diesen Abend öfters angeschauet hatte; und wusste nicht recht, warum es ihr gefalle: endlich sah er, dass sie nur sich gefalle, und dass diese Erhebung ihren Augen schöner lasse als das Niederblicken. Er wollt' es übermütig untersuchen und sagte zu ihr: "Es ist