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mit einem Gesicht. Der wohlriechende Narr schoss mit der linken Hand die Drehbasse eines silbernen Joujou: dieses hängende Siegel eines Toren bewegte er entweder wie der Grönländer einen Block mit seinen Füssen, der Erwärmung wegenoder er tats, wie der Grosssultan aus gleichem Grund immer ein Schnitzmesser handhaben muss, um nicht immer jemand sterben zu lassen vor Liebeoder um, wie der Storch immer einen Stein in den Krallen hält, allezeit ein Ixions-Rad in den Händen, wie ein Spornrad an den Fersen, zu habenoder der Gesundheit wegen, um den globulus hystericus53 durch die Bewegung eines äussern zu bestreitenoder als Paternosterkügelchenoder weil er nicht wusste, warum.

Jeder war mit sich zufrieden. Als die Mutter unsern Engländer gebeten, mit seinem Akzent ihr vorzulesen, so sagte der feine Narr: "Das Englische ist wie gewisse Gesinnungen leichter zu verstehen als auszusprechen." Dieses feine Schaf hatte nämlich Überall die Gewohnheit, metaphorisch zu seinwenn ihm ein Mädchen sagte: "Ich kann mich heute der Kälte nicht erwehren", so macht' er die des Herzens darausman konnte nicht sagen: "Es ist trübe, warm, die Nadel hat mich gestochen etc.", ohne dass er dies für einen Kugelzieher nahm, der sein Herz aus dem Gewehre der Brust vorzog und vorwieses war vor seinen Ohren unmöglich, dass man nicht fein war, und aus eurem Gutenmorgen drehte er ein Bonmot- hätt' er das Alte Testament gelesen, er hätte sich über die feinen Wendungen darin nicht satt wundern können. dafür schränkte der wohlriechende Narr seinen ganzen Witz auf ein lebhaftes Gesicht einer schlug diesen Fracht- und Assekuranzbrief von tausend Einfällen vor euch auf und hielt ihn vor, aber es kam nichtsihr hättet auf den Ansagezettel von Witz in seinem feurigen Auge geschworen, jetzt brenn' er losaber nicht im geringsten! Er handhabte die satirische Waffe wie die Grenadiere die Handgranaten, die sie nicht mehr werfen, sondern nur abgebildet auf den Mützen führen.

Als der Feine sein erotisches Bonmot gesagt hatte: sah Joachime unsern Helden an und sagte mit einer ironischen Miene wider den Feinen: "J'aime les Sages à la folie."

Der Stolz des wohlriechenden auf seinen heutigen Vorzug und die scheinbare Gleichgültigkeit des feinen Narren gegen seine Hintansetzung bewiesen, dass alle beide selten im heutigen Falle waren; – und dass Joachime auf eine eigne Weise kokettierte. Sie lachte uns erhabne Mannspersonen allemal aus, wenn zwei auf einmal bei ihr wareneine allein wenigerihre Augen überliessen es unserer Eigenliebe, das Feuer darin der Liebe mehr als dem Witze zuzuschreibensie schien alles herauszuplaudern, was ihr einfiel, aber manches schien ihr nicht einzufallensie war voll Widersprüche und Torheiten, aber ihre Absichten und ihre Zuneigung bleiben doch jedem zweifelhaftsie antwortete schnell, aber sie fragte noch schneller. Heute trat sie in Beisein der drei Herrenzu andern zeiten im Beisein des ganzen bureau d'espritvor den Spiegel, zog ihre Schminkdose heraus und retuschierte das bunte Dosenstück ihrer Wangen. Man konnte sich gar nicht denken, wie sie aussähe, wenn sie verlegen wäre oder beschämt.

Die Tugend mancher Damen ist ein Donnerhaus, das der elektrische Funken der Liebe zerschlägt, und das man wieder zusammenstellt für neue Versuche; unserm an die höchste weibliche Vollkommenheit verwöhnten Helden kam es vor, als gehöre Joachime unter jene Donnerhäuser. Koketterie wird immer mit Koketterie beantwortet. Entweder letzte war es, oder zu schwache achtung für Joachime, dass Viktor die beiden Anbeter in den Augen der Göttin lächerlich machte. Sein Sieg war ebenso leicht als grosser lagerte sich auf der Stelle des Feindes: mit andern Worten, Joachime gewann ihn lieber. Denn die Weiber können den nicht leiden, der vor ihren Augen einem andern Geschlechte unterliegt als dem ihrigen. Sie lieben alles, was sie bewundern; und man würde von ihrer Vorliebe für körperliche Tapferkeit weniger satirische Auslegungen gemacht haben, wenn man bedacht hätte, dass sie diese Vorliebe für alles Ausgezeichnete, für ausgezeichnete Reiche, Berühmte, Gelehrte, empfinden. Der dürre und runzlige Voltaire hatte so viel Ruhm und Witz, dass wenige Pariser Herzen sein satirisches ausgeschlagen hätten. Noch dazu drückte mein Held seine achtung für das ganze Geschlecht mit einer Wärme aus, die sich das Einzelwesen zueignete; – auch brachte seine beliebte Gesamtliebe, ferner sein in der Trauer über ein verlornes Herz schwimmendes Auge und endlich seine wärmende Menschenfreundlichkeit ihm eine Aufmerksamkeit von Joachimen zuwege, welche die seinige in dem Grade erregte, dass er sich das nächstemal zu untersuchen vornahm, was dran wäre. – –

Das nächste Mal war bald da. Sobald ihm die Ankunft der Fürstin vom Apoteker geweissagt wardenn der war für die kleine Zukunft des Hofs ihm seine Hexe zu Endor und Kumä und seine Delphische Höhle –, so ging er hin; denn er fuhr nicht hin. "Solang' es noch einen Schuhabputzer und ein Stein-Pflaster gibt," sagt' er, "fahr' ich nicht. Aber von vornehmern Leuten wunderts mich, dass sie noch zu Fuss reisen von einem Flügel des Palasts in den andern. Könnte man nicht, so wie die Pennypost für eine Stadt, ein Fuhrwerk für seinen Palast einführen? Könnte nicht jeder Sessel ein Tragsessel sein, wenn eine Dame die Alpenreise von einem Zimmer ins andere weniger scheuete? Und verschiedene Weltumseglerinnen würden es wagen, eine Lustreise durch einen