vom Herrn einer Pflanzung heimgeführt zu werden, wenn diese, sag' ich, ebenso sklavisch behandelt werden, als sie verkauft und eingekauft wurden? Ihr armen Lämmer! – Und doch, ihr seid ebenso arg wie eure Schaf-Mütter und Väter was soll man mit seinem Entusiasmus für euer Geschlecht machen, wenn man durch deutsche Städte reiset, wo jeder Reichste oder Vornehmste, und wenn er ein weitläufiger Anverwandter vom Teufel selbst wäre, auf dreissig Häuser mit dem Finger zeigen und sagen kann: "Ich weiss nicht, soll ich mir aus dem perlfarbenen, oder aus dem nussfarbenen, oder etwa aus dem stahlgrünen haus eine holen und heiraten: offen stehen die Kaufläden alle"? – Wie, ihr Mädchen, ist denn euer Herz so wenig wert, dass ihr dasselbe wie alte Kleider nach jeder Mode, nach jeder Brust zuschneidet, und wird es denn wie eine sinesische Kugelbald gross, bald winzig, um in eines männlichen Herzens Kugelform und Ehering-Futteral einzupassen? – "Es muss wohl, wenn man nicht sitzen bleiben will, wie die heilige Jungfer da drüben", antworten mir die, denen ich nicht antworte, weil ich mich mit Verachtung wegwende von ihnen, um der sogenannten heiligen Jungfer zu sagen: "Verlassene, aber Geduldige! Verkannte und Verblühte! Erinnere dich der zeiten nicht, wo du noch auf bessere hofftest als die jetzigen, und bereue den edlen Stolz deines Herzens nie! Es ist nicht allemal Pflicht, zu heiraten, aber es ist allemal Pflicht, sich nichts zu vergeben, auf Kosten der Ehre nie glücklich zu werden und Ehelosigkeit nicht durch Ehrlosigkeit zu meiden. Unbewunderte, einsame Heldin! in deiner letzten Stunde, wo das ganze Leben und die vorigen Güter und Gerüste des Lebens, in Trümmer zerschlagen, voraus hinunterfallen, in jener Stunde wirst du über dein ausgeleertes Leben hinschauen, es werden zwar keine Kinder, kein Gatte, keine nasse Augen darin stehen, aber in der leeren Dämmerung wird einsam eine grosse, holde, englischlächelnde, strahlende, göttliche und zu den Göttlichen aufsteigende Gestalt schweben und dir winken, mit ihr aufzusteigen – o steige mit ihr auf, die Gestalt ist deine Tugend." –
Ende des Extrablattes
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Einige Tage darauf gab die Fürstin dem Fürsten ein Auge en medaillon mit der schönen Wendung: sie gehe diese Votivtafel dem Heiligen (das passte um so mehr, da der Fürst Januar hiess), der ihr seinen Wuntertäter zugeschickt, und der das bekommt, was er heilen lassen. Jenner sagte zu Viktor, dem er das Auge zeigte: "Der heilige Januar wird mit Ihnen, mit der heiligen Ottilia, verwechselt" – die bekanntlich die Patronin der Augen ist.
Viktor war froh, dass Mattieu zu ihm kam, um mit ihm nach St. Lüne zu gehen; denn dieser bat ihn, weil dieses ohne ihn geschehen, mit zu seiner Mutter zu gehen, "weil heute bei der Fürstin grosses Souper sei, bei seiner Mutter aber kein Mensch", d.h. kaum über neun Personen. Viktor zog also – es tat heute nichts, dass die fürstliche Augendulderin fehlte – gern in die Schleunessche Nürnbergische Konvertitenbibliotek von Töchtern hinein hinter dem zärtlichen JonatanOrest-Matz, den er überhaupt jetzt aus Schonung für ihren allgemeinen Freund Flamin toleranter behandelte. Die Menschen vergesellschaften sich wie die Ideen ebensooft nach der Gleichzeitigkeit als nach der Ähnlichkeit; und aus der Wahl der Bekannten ist ebensowenig etwas auf den Charakter des Jünglings zu schliessen, als auf einer Frau ihren aus der Wahl des Gatten. Mattieu stellte ihn seiner Mutter im Lesekabinette, da ihr gerade aus einem englischen Autor vorgelesen wurde, mit den Worten vor: "Hier bring' ich Ihnen einen ganz lebendigen Engländer." Joachime las in einem Verzeichnisse – es war kein Bücher-, sondern ein Nelkenblätterverzeichnis –, um sich einige Nelken auszusuchen, nicht um sie zu pflanzen, sondern sie nachzumachen in Seide. Sie hasste Blumen, die wuchsen. Ihr Bruder sagte aus Ironie: "sie hasste die Veränderlichkeit sogar an einer Blume." Denn sie liebte sie sogar an Liebhabern; und unterschied sich ganz vom April, der wie die Weiber in unserem Klima weit beständiger ist, als man vorgibt. Im Kabinett waren noch zwei Narren da, die mir mein Korrespondent nicht einmal nennt, weit sie, glaubt er, hinlänglich bezeichnet und geschieden wären, wenn ich den einen den wohlriechenden Narren nennte, und den andern den feinen.
Beide Narren umsummten die Schöne. Überhaupt, sooft ich Narren in grossen Partien studieren wollte, sah ich mich ordentlicherweise nach einer grossen Schönheit um; – diese umsassen sie wie Wespen eine Obstfrau. Und wenn ich sonst keine Ursache hätte – ich habe sie aber –, um die schönste Frau zu ehelichen: so tät' ichs schon darum, damit ich immer die Bienenkönigin in der hohlen Hand sitzend hielte, der der ganze närrische Immenschwarm nachbrauste. Ich und meine Frau würden dann den Kerlen in Lissabon gleichen, die, in den Händen mit einem Stänglein angeketteter Papageien, an den Füssen mit einer Kuppel nachhüpfender Affen, durch die Gassen ziehen und ihr tolles Personale feilbieten.
Der wohlriechende Narr, der heute in der Sonnenseite Joachimens war, las der Mutter vor – der feine, der in der Wetterseite war, stand neben Joachime und schien sich nichts um ihr Wetterkühlen zu scheren. Viktor stand als Übergang von der heissen Zone in die kalte da und stellte die gemässigte vor; Joachime spielte drei Rollen