Verleumder, sondern auch dem Lobredner. Man legt den gekrönten Schauspieldirektoren der Erde Entschlüsse ins Herz und Beschlüsse in den Mund; sie wissen, was sie wollen und was sie reden, ein paar Tage später als ihr Troneinbläser. Ein Günstling ist ein Shakespeare und Dichter, der hinter den Personen, die er handeln und reden lässt, nicht selber vorguckt und vorhustet, sondern der ein Bauchredner ist, welcher seiner stimme den Klang einer fremden gibt.
Da er den andern Tag die Patientin wieder besuchte, waren die Augenhöhlen abgekühlt, obwohl die Augen nicht; Agnola sass heil in einem Kabinett voll Heiligenbilder. Mit der Unpässlichkeit der Augen war eine Quelle des Gesprächs weggenommen; und ihr Stolz vertrat zugleich seiner Empfindung und Laune den Zugang. Ob er es wohl hundertmal zu ihr in seinem inneren sagte: "Quäle dich nicht, stolze Seele, ich bin kein Günstling, ich will dir nichts nehmen, am wenigsten deinen Stolz oder fremde Liebe – o ich weiss, was es ist, keine zu erlangen": so blieb er doch (nach seiner Meinung) kalt vor ihr und zog mit der ärgerlichen Aussicht ab, dass ihm seine gute Kur die Wiederkehr abschneide; denn die andern Hofbesuche waren doch keine freimütige Krankenbesuche. Vor der fatalen Kompass-Uhr erschrak er täglich weniger, ausser wenn er eben froher war.
– Manche Leute würden eher ohne Häuser als ohne Bauern leben; Viktor lieber ohne Lebens-Luft als ohne Luftschlösser; er musste immer das Lotterielos und die Aktie irgendeines Plans in der Zukunft stehen haben, und eine Frau war meistens die Maskopeischwester in diesem Grossavanturhandel. Diesmal war er auf die Versöhnung Jenners und Agnolas erpicht. Er schloss so: sie ist auf beiden Seiten leicht – Jenner wird jetzt immer Agnolas Gesellschaft suchen, obwohl bloss aus List, um in die künftige ihrer Hofdame Klotilde mit mehr Anstand zu kommen, die er im stand ihrer Ehelosigkeit noch ohne Schaden nach seinem Gelübde lieben kann – das wird ihn, da er weder einem langen Lobe, noch einem langen Umgang widerstehen kann, unvermerkt an Agnola gewöhnen – diese, die jetzt verlassen auf der Seite des Ministers Schleunes steht, wird die vereinigte achtung Viktors und Jenners nicht ausschlagen u.s.w Ob ihn aber nur die Schönheit der Handlung, nicht auch die Schönheit der Fürstin zu diesem Mittleramt anmahnet, das kann das 21ste Kapitel noch nicht wissen; meinetwegen sei es indessen: sein verblutet-kaltes Innere, aus welchem noch das Klavier und Klotildens Name und das Morgen-Erwachen blutlose Dolche ziehen, hat ja das Getöse der Welt so nötig und jedes Übertäuben der Wunden!
Mit der Absicht solcher Friedenspräliminarien entschuldigte er seinen künftigen Ungehorsam gegen seinen Vater, der ihm das Schleunessche Haus zu suchen abgeraten; denn da die Fürstin immer hinkam, so war es der schicklichste neutrale Ort zum Friedenkongresse. O! nur ein halbes – –
Extrablatt über töchtervolle Häuser!
Das Haus von Schleunes war ein offner Buchladen, dessen Werke (die Töchter) man da lesen, aber nicht nach haus nehmen konnte. Obgleich die fünf andern Töchter in fünf Privatbiblioteken als Weiber standen, und eine in der Erde zu Maiental die Kindereien des Lebens verschlief: so waren doch in diesem Töchter-Handel- haus noch drei Freiexemplare für gute Freunde feil. Der Minister gab bei den Ziehungen aus der Ämter-Lotterie gern seine Töchter zu Prämien für grosse Gewinste und Treffer her. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er, wenn nicht Verstand, doch eine Frau. In einem töchterreichen Haus müssen, wie in der Peterskirche, Beichtstühle für alle Völker, für alle Charaktere, für alle Fehler stehen, damit die Töchter als Beichtmütter darin sitzen und von allen absolvieren, bloss die Ehelosigkeit ausgenommen. Ich habe oft als Naturforscher die weisen Anstalten der natur zur Verbreitung sowohl der Töchter als Kräuter bewundert. "ist es nicht eine weise Einrichtung," sagt' ich zum naturhistorischen Goeze, "dass die natur gerade denen Mädchen, die zu ihrem Leben einen reichen mineralischen Brunnen brauchen, etwas Anhäkelndes gibt, womit sie sich an elende Ehe-Finken setzen, die sie an fette Örter tragen? So bemerkt Linné52, wie Sie wissen, dass Samenarten, die nur in fetter Erde fortkommen, Häkchen anhaben, um sich leichter ans Vieh zu hängen, das sie in den Stall und Dünger trägt. wunderbar streuet die natur durch den Wind – Vater und Mutter müssen ihn machen – Töchter und Fichtensamen in die urbaren Forstplätze hin. Wer bemerkt nicht die Endabsicht, dass manche Tochter darum von der natur gewisse Reize in benannten Zahlen hat, damit irgendein Domherr, ein Deutscher Herr, ein Kardinaldiakonus, ein apanagierter Prinz oder ein blosser Landjunker herkomme und besagte Reizende nehme und als Brautführer oder englischer Brautvater sie schon ganz fertig irgendeinem sonstigen Tropfen übergebe als eine auf den Kauf gemachte Frau? Und finden wir bei den Heidelbeeren eine geringere Vorsorge der natur? Merket nicht derselbe Linné in derselben Abhandlung an, dass sie in einen nährenden Saft gehüllet sind, damit sie den Fuchs anreizen, sie zu fressen, worauf der Schelm – verdauen kann er die Beeren nicht –, so gut er weiss, ihr Säemann wird?" –
O mein Inneres ist ernstafter, als ihr meint; die Eltern ärgern mich, die Seelenverkäufer sind; die Töchter dauern mich, die Negersklavinnen werden – ach ist es dann ein Wunder, wenn die Töchter, die auf dem westindischen Markte tanzen, lachen, reden, singen mussten, um