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keinem eine gefälligkeit annehmen, dem man nur einen äusserlichen, aber keinen innerlichen Dank zu sagen vermag. Aber dieses zarte Ehrgefühl, das nie mit seinem Eigennutze, wohl aber mit seiner Menschenliebe in ungleiche Treffen kam, konnte ihm seine hände nicht binden, womit er einer unglücklichen Fürstinunglücklich, wie er, durch Darben an Liebewenigstens die Schmerzen der Augen nehmen konnte; vielleicht auch jüngere Schmerzen: denn seine Gutmütigkeit gab ihm lauter Versöhnungen ein, des Fürsten mit Le Baut, mit der Fürstin, mit dem Minister. Nichts ist gefährlicher, als zwei Menschen auszusöhnenman müsste denn der eine selber sein; sie zu entzweien, ist viel sicherer und leichter.

Er fand Agnola nachmittags noch im Schlafzimmer, weil dessen grüne Tapeten (zwar nicht dem gesicht, aber) dem heissen Auge schmeichelten. Ein dichter Schleier über dem gesicht war ihr Taglichtschirm. Als sie, wie eine Sonne, ihren Schleier aufschlug: so begriff er nicht, wie er in Tostatos Bude aus diesem italienischen Feuer und aus diesen schnellen Hofaugen ein verweintes Blondinengesicht machen können. Ein teil dieses Feuers gehörte freilich der Krankheit an. Ihr erstes Wort war ein entschlossener Ungehorsam auf sein erstes; indessen stiess sie damit die Herren Pringle und Schmucker so gut vor den Kopf wie ihn; denn das ganze dreieinige collegium medicum riet ihrBlutigel um die Augen; aber diese ekelten sie. Der Medikus rückte mit Schröpfköpfen am Hinterhaupte heraus; aber ihre Haare waren ihr lieber als ihre Augen. "Muss man denn alles mit Blut erkaufen?" sagte sie mit italienischer Lebhaftigkeit. – "Die Reiche und Religionen solltens nicht werden, aber doch die Gesundheit", sagt' er englisch frei. Er foderte noch einmal ihr Blutaber sie gab es ihm erst, da er das Opfermesser änderte und ihr am Auge eine Aderlass vorschlug. Personen von stand wissen, wie Gelehrte, oft die gemeinsten Dinge nicht: sie dachte, der Doktor werde die Ader öffnen. Und weil sie es dachte: tat er es auch, mit seiner durchs Starstechen geübten Hand.

Inzwischen istwenn (nach dem Plinius) ein Kuss aufs Auge einer auf die Seele isteine Aderlass darauf kein Spass: sondern man kann, indem man eine Wunde macht, selber eine holen. Der arme Hofmedikus muss mit seinem schwimmenden freundlichen Auge, von dem vor wenigen Tagen die Träne der Liebe abgetrocknet wurde, kühn in die in eine Augenhöhle gesperrte Sonne schauen und noch obendrein sanft mit dem Finger am warmen Gesicht anliegen und aus der Quelle der Tränen helles Blut vorritzen.... Schon eh' man eine solche Operation unternähme, sollte man eine ähnliche an sich vollziehen lassender Kühlung wegen. Im grund hatte auch ihm das Schicksal diese Woche nichts gegeben als LanzettenSchnitte in seine Herzschlagader. Stellet man sich noch vor, dass ihm das ganze weibliche Geschlecht wie eine magische, weit zurückgewichne Gestalt vorkam, die einmal in einem Traume nahe an ihm geschimmert, als ein erblassender Mond am Tage, den er in einer lichten Nacht angebetet hatte: so hat man sich sein gutes schuldloses Herz geöffnet, um darin ausser einem grossen fortarbeitenden Schmerzen tausend mitleidige Wünsche für die bedauerte Fürstin zu erblicken. Ungeachtet ihrer sonderbaren Mischung von Stolz, Lebhaftigkeit und Feinheit glaubte er doch in ihr eine Änderung zu entdecken, die er halb aus seiner heutigen Beflissenheit, halb aus seinem ihr bisher so günstigen Einfluss auf den Fürsten erklären konnte, und die ihm einen grösseren Mut gegeben hätte, wenn er sich nicht von dem Zettel über dem Imperator der Kompass-Uhr mit besonderen Auslegungen seines Mutes hätte drohen lassen. Bei dem vorigen ersten Besuche war sein Mut gelähmt, weil er sich als der Sohn eines Vaters, der seinen Einfluss durch die sorge um natürliche Kinder zu befestigen schien, geflohen glaubte; denn ein Mensch voll Liebe ist neben einem voll Hass stumm und dumm.

Am mutigsten machte ihn heute ausser seinen Zänkereien, die unterlagen (als über die Blutigel etc.), noch die letzte, die siegte; man wird mutiger und glücklicher, wenn man einer Stolzen widerspricht, als wenn man ihr schmeichelt. Er sah eine Maske liegen; da er nun wusste, dass in Italien die Damen im Bette diese, wie die unsrigen die Handschuhe, als Gesichtschuhe anlegen: so verbot er ihr die Maske geradezu als Zunder der Augenentzündung. Es war keine Schmeichelei, da er ihr sagte, dass ihr die Maske mehr nehmen als geben könnte. Kurz, er bestand darauf. –

Er war vielleicht zu duldend gegen den Zweifel, den nur eine Frau erträglich und dauerhaft machen konnte, gegen den Zweifel, wen sie miteinander verwechsele, den Hofmedikus oder den Günstling; denn er sagte ihrobwohl in der sorge, zuviel zu sagen, welches bei Leuten von seinem Feuer ein Zeichen ist, dass es schon geschehen istam Ende das, was er am Anfange zurückbehalten hatte, dass ihn das Teilnehmen (empressement) des Fürsten hergeschickt; und hob diesen auf eigne Kosten empor, um so mehr, da er nichts Ausserordentliches weiter von ihm anzubringen hatte als eben, dass er ihnhergeschickt.

Dann ging er. Bei dem Fürsten liess er ihr so viel Selig- und so viel Heiligsprechungen (auf dieser Erde zwei Kontrarietäten!) zukommen, als der Anstand und sein Humor (zwei noch grössere Kontrarietäten) verstatteten. sonderbar! sie hatte trotz ihrem Feuer keine Launen. Er wusste, Jenner erlag nicht bloss dem