, aber nicht umgekehrt – ein Philosoph ohne Phantasie, ohne geschichte und ohne das Vielwissen des Wichtigsten ist einseitiger als ein Politiker – wer irgendein System mehr annahm als erfand, wer nicht vorher dunkle Ahnungen desselben hatte, wer nicht vorher wenigstens darnach lechzte, kurz, wer nicht seine Seele als einen vollen warmen, mit Keimen ausgefüllten Boden, der nur auf seinen Sommer wartet, mitbringt, der kann wohl ein Lehrer, aber nicht ein Schüler der zum Brotstudium erniedrigten Philosophie sein – und kurz, es ist einerlei, welchen Ort man zur philosophischen Sternwarte besteige, einen Tron, oder einen Pegasus, oder eine Alpe, oder ein Cäsars-Lager, oder eine Leichenbahre, und sie sind fast alle höher als der Kateder im Hör- und Streitsaale.
Q siehe K
R
Rezensenten. Ein Redakteur sollte sechs Tische haben: am ersten sässen und ässen die Anzeiger des Daseins eines buches – am zweiten die Bausch- und Bogen-Anzeiger seines Werts – am dritten die Auszieher desselben – am vierten die Sprachmeister und Sprachforscher, welche unter das Publikum räsonnierende Verzeichnisse fremder Donatschnitzer austeilen – am fünften die Bekämpfer, die ein neues Buch nicht durch ein neues Buch, sondern durch ein Blättchen widerlegen – am sechsten stände die kritische Fürstenbank, auf die sich Herder, Goete, Wieland oder noch einer setzen könnten, die ein Buch so überschauen wie ein Menschenleben, welche die Individualität desselben auffassen, den Geist des literarischen Geschöpfes und des Schöpfers zugleich zeichnen, und die jene Menschwerdung und Verkörperung der göttlichen Schönheit, welche die Gestalt eines Einzelwesens annimmt, trennen von der Schönheit und dann aufdecken und verzeihen.
Diese sechs kritischen Bänke, die sechs verschiedene Literaturzeitungen liefern könnten, werden jetzt übereinander geworfen und gestalten eine. – So freimütig ich aber gegen diese Zusammenwerfung von gelehrten 1) Anzeigen, 2) Rezensionen, 3) Auszügen, 4) Sprach- und 5) Sachkritiken und 6) Kunsturteilen aufstehe: so gern bin ich bereit, zuzugestehen, dass die rezensierende Fauna und Flora der fünf Tische vielleicht ebensoviel Unkraut- Fechser ausrotte, als sie selber heraustreibt aus eignen Keimen, und ich berufe mich deshalb auf einen Privatbrief von mir, der ausser dem Verdacht der Schmeichelei ist, und worin ich sie mit einem Fliegenschwamm zusammengeselle, der, ob er gleich selber bei einem Aufguss (hier von Dinte) ganze Insekten-Heere gebiert, doch die Fliegen ausreutet. – Aber da unter den Rezensenten auch Autoren sind wie ich, wie unter den portugiesischen Inquisitoren Juden – und überhaupt da ich Schaltjahre lang darüber sprechen wollte: warum einen Schalttag lang? –
S
Streiche. "Wer seines Herrn Willen weiss und tut ihn nicht, soll doppelte Streiche leiden."- Wer leidet denn die einfachen? Der doch nicht, der den Willen nicht weiss und nicht tut? – Also folgt, dass grössere Kenntnisse die moralische Schuld nicht erschweren, sondern erst erzeugen! Denn insofern ich eine moralische Verbindlichkeit gar nicht einsehe, ist mein Verstoss dagegen ja nicht kleiner, sondern keiner.
Ich will meine eigne Akademie der Wissenschaften sein und mir die folgende Preisfrage aufgeben, die ich selber in einer Preisschrift beantworten will: "Da nur eine Handlung tugendhaft ist, die aus Liebe zum Guten geschieht: so kann nur eine sündig sein, die aus blosser Liebe zum Bösen geschieht, und die Rücksicht des Eigennutzes muss den Grad einer Sünde so gut wie den Grad einer Tugend kleiner machen. Was wäre aber auf der andern Seite noch ausser dem Eigennutz in unserer natur, was uns zum Schlimmen triebe? Und wenn Böses aus reinem Hang zum Bösen geschähe! so gäbe es ja eine zweite, obwohl entgegengesetzte Autonomie des Willens."
T
Trübsal, Trauer. jetzt, da ich diese beklemmenden Töne schreibe, die mir vorsagen, dass die natur nur Dornenhecken, die Menschen aber Dornenkronen machen: so vergeht mir die Lust, mit satirischen Dornen um mich zu schlagen, und ich möchte lieber einige aus euern Füssen oder Händen ziehen.
21. Hundposttag
Viktors Krankenbesuche – über töchtervolle Häuser –
die zwei Narren – das Karussell
Folgende Anmerkung kommt nicht aus dem Tornister des Hundes, sondern aus meinem eignen Kopf: man braucht kein Lobredner unserer zeiten zu sein, um mit Vergnügen zu sehen, dass jetzt Autoren, Fürsten, Weiber und andere die unähnlichen falschen Larven der Tugend (z.B. Bigotterie, Pietismus, zeremonielles Betragen) meistens abgelegt, und dafür den echten geschmackvollen Schein der Tugend gänzlich angenommen haben. Diese Veredelung unserer Charaktermasken, wodurch wir das Äussere der Tugend schöner treffen, ist mit einer ähnlichen des Teaters gleich zeitig, auf dem man nicht mehr wie sonst mit papiernen Kleidern und unechten Tressen, sondern mit echten agiert und tragiert. –
"Sie wurden schon gestern von der Fürstin verlangt", sagte der Fürst zum Hofmedikus, da er mit seinem ausgeleerten Gesicht kaum eingetreten war. Die Augenentzündung Agnolas hatte durch das Herbstwetter, durch die Nachtfeste, durch Kuhlpeppers tapfere Hand und durch ihre eigne – denn die roten Titelbuchstaben der Schönheit, nämlich geschminkte Wangen, wurden immer neu aufgelegtsehr zugenommen. eigentlich war Viktor zu stolz, um sich als einen blossen Arzt begehren zu lassen; ja er war zu stolz, um an sich etwas anders (und wär's Philosophie oder Schönheit) suchen zu lassen als seinen Charakter; denn sein Vater, der ebenso zartstolz war, hatte ihn gelehrt: man muss keinem dienen, der uns nicht achtet, oder den man selber nicht achtet, ja man muss von