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-Emigranten wie den Le Bauts, die nichts Heiligers kannten als die Latrie gegen einen Fürsten, die Dulie gegen dessen Minister und die Hyperdulie gegen dessen H-, Klotildens Standerhebung verleiden sollte; aber er dachte: "Ich tue, was ich kann."

Klotildens Eltern nahmen ihn mit so viel Verbindlichkeit auf – d.h. mit so viel Höflichkeit des Körpers, mit soviel Puderzucker auf jeder Miene, mit so viel Violensirup auf jedem Wortkurz, er fand den Bericht, den Mattieu von ihrer gefälligen Denkart für ihn an Flamin erstattet hatte, so gegründet, dass er keine bessere gelegenheit hätte ausuchen können als diese, um sie von der Verpflanzung ihrer Tochter abzumahnenhätten sie ihm nicht zu danken angefangen, dass er selber dieser Verpflanzer gewesen war. Sie hatten alles erfahren oder erraten und dankten ihm für seine Verwendung, der sie wahrscheinlich eigennützigere Absichten lieben, als die Tochter tat. Es wäre lächerlich gewesen, in Klotildens Gegenwart ihr selber Flachsenfingen zu widerraten und das auszureden, wofür man ihm dankte; indes versucht' er doch etwas. Er sagte zum Kammerherrn: "seine Tochter verdiene mehr, einen Hof zu haben, als einen zu zieren; ja er verdiene bei der ganzen Sache höchstensEntschuldigung, da Klotilde gewiss den Umgang ihrer Eltern dem Hofzwang vorziehe: in diesem Falle versprech' er, den Zeiger bei dem Fürsten wieder zurückzustellen und alles ohne Nachteil zu berichtigen." Der Vater hielt diese Äusserung für ein sonderbares Ablehnen des Dankes, die Stiefmutter für irgendeine Spitzbüberei, die Tochter fürWorte. Sie sagte ein wenig kurz: "Ich glaube, es war leicht, zwischen Ungehorsam und Abwesenheit zu wählen." Denn so unbiegsam sie für ihre Stiefmutter war, so willig kam sie den Winken ihres Vaters nach, den sie mit allen seinen Schwächen und als die einzige ihm auf der Erde gewogne Seele zärtlich liebte. Viktor liess es endlich, obwohl gezwungen, gut sein; aber warum ergibt sich der Mensch schwerer in die Zukunft als in die Vergangenheit? – Die Kälte der Tochter war natürlicherweise nicht kleiner (aber aufrichtiger) als die Wärme der Eltern.... und gerade die Kälte erfrischte sein glühendes Gehirn. Diese kalte gleichgültige Gestalt war wie ein Schleier über die erhabne liebende gedeckt, die immer mit ihrem schwermütigen Blicke vor ihm schwebte, und die er nicht aushielt. Ohne Bewusstsein einer Schuld, zufrieden mit seinem Gehorsam gegen Emanuels Bitte, zog er mit seinen vom Wohlstand erdrückten Gefühlen ab, kälter gegen die Kalte. – Er wäre ein schlechter Liebhaber gewesen, wenn er gewusst hätte, was er haben wollen; denn sonst hätt' er von Klotilden, sogar im Falle ihrer Liebe gegen ihn, keine ausserordentliche Wärme gegen einen Medikus begehren können, den ihr die Eltern aufzwangen (welches einem mann noch mehr schadet als Hässlichkeit), der so unhöflich ohne ein Geburttag-Carmen aus dem Garten fortjagte, und der sie in die sieben vergoldeten Türme des Hofdienstes trotz ihrem Widerwillen, trotz allem Anschein ihres künftigen Gefängnisfiebers hineinschob. – Aber für das offne Lehn seines Herzens war eben dieser Ärger gesund....

Wenn mein guter Leser einmal von einer zu teuren Freundin einen ewigen Abschied zu nehmen hat: so nehm' er ihn zweimal. – Der erste versteht sich ohnehin, wo er in der Trunkenheit des Schmerzes, im Blutsturz des Herzens und der Augen erliegt, und wo das geliebte Bild sich mit Flammen in die weiche Seele brennt; aber dann wird er die Abgeschiedne nie vergessen können. Daher muss er einen zweiten nehmen, der schon darum kälter ist, weil heftige Empfindungen kein dal segno der Wiederholung leiden, ja er muss (wenn er am allerklügsten sein will) sie nach dem ersten tragischen Abschied an einem öffentlichen platz (z.B. bei einer Krönung), wo sie kalt scheinen muss, zu sehen suchen; ihr frostiges Gesicht überschneiet dann ihr heisses in seinem kopf, und mein guter Leser hat doch wieder so viel Verstand beisammen, dass er weiss, was er in den Hundposttagen lieset...

Wahrlich, wenn Jean Paul nicht fleissig schreibt, so tuts keineres schlug schon ein Uhr, und er hielts für ein Viertel auf Zwölfemeine Schwester will schon vor dem aufgeschwänzten rauchenden Hecht, der wie die Schlange der Ewigkeit an seinem Schwanze frisset, die hände falten und sagt immerfort: "Es wird ja alles kalt" – "Das soll es auch, nach so glühenden Kapiteln," (sag' ich) "wenn du den Leser und den Autor meinst"- Der Postund springt schon, indem ich noch über dem zwanzigsten Kapitel sitze, mit dem einundzwanzigsten in der stube herumund doch will ich verhungern, wenn ich nicht vor dem Essen noch, wie die sieben Weisen, sieben goldne Sprüche sage:

1. Wenn man beim Stiche der Biene oder des Schicksals nicht stille hält, so reisset der Stachel ab und bleibt zurück.

2. Jämmerliche Erde, die drei, vier grosse oder kühne Menschen verbessern und erschüttern können! Du bist ein wahres Teater: auf dem Vorgrund sind einige fechtende Spieler und einige Zelte aus Leinwand, im Hintergrund wimmelts von gemalten Soldaten und Zelten! –

3. Staaten und Diamanten werden jetzt, wenn sie Flecken haben, in kleine zerschnittenund da

4. die Menschen in grossen Staaten und die Bienen in grossen Stöcken Mut und Wärme einbüssen: so heftet man jetzt an kleine Länder andre