gehofft – dann darauf geschworen. Jeder kleine Umstand, sogar sein Anteil an Klotildens Ernennung zur Hofdame, hatte mildes Öl der Liebe in seine Glut gegossen. "O ich Tor!" sagt' er, mit den drei Schwur- Fingern an der Stirne, und wie alle kräftige Menschen war er um desto mutiger, je mutloser er gewesen. Ja, er fühlte sich auf einmal zu leicht; – denn eine zu schnelle Kur kündigt auch bei Seelen den Rückfall an. Ein neuer Trost war der gestrige Entschluss, dass er Klotilden einen Dienst erweisen – nämlich den Hofdienst ersparen wollte. Er besann sich noch über seinen Entschluss, sie wiederzusehen – Fühltest du etwa, Viktor, dass alles, was die Liebe tut, um zu sterben, nur ein Mittel ist, um wieder zu auferstehen, und dass alle ihre Epilogen nur Prologen zum zweiten Akte sind? – Aber ein Korb Äpfel auf dem Markte machte ihn in seinem Entschlusse wieder fest. Flamin trat nämlich herein. Er fing sogleich mit fragen über das Verschwinden am Sonntag und mit Nachrichten der allgemeinen Unruhe über den teuern Flüchtling an. Viktor, durch die ganze Erinnerung wieder erhitzt und gegen den Bilderstürmer und Fiskal einer vergeblichen Liebe fast ein wenig erzürnt, gab ihm die wahre Antwort: "Du nahmest mir meine Freude zum teil, und warum sollt' ich so spät erst aufs Teater treten?" Je stärker Flamin die liebende Bekümmernis der Pfarrerin und Klotildens über seine Unsichtbarkeit malte, desto peinlicher wurde' in ihm der Wirrwarr streitender Gefühle; ohne sein zurückrufendes Gewissen wär' es ihm jetzt leichter geworden, nun dem Freunde die hoffnunglose Liebe zu bekennen, als sonst die hoffende. – Zufällig wunderte sich Flamin über die Reife der Äpfel unten auf dem Markte und verlangte einige: ein Blitzstrahl fuhr nun vor Viktors Auge über die angebornen Fruchtstücke auf Flamins Schultern, die allezeit im Nachsommer während der Apfelreife erschienen, die er aber im bisherigen Taumel vergessen hatte. Der Himmel weiss, ob nicht dem Leser selber entfallen ist, dass Flamin dieses Lagerobst (sein Muttermal) auf dem rücken trägt, das ein Sodoms- und Evas-Apfel für ihn werden kann. Konnte nicht Mattieu, der bisher an Flamin dieses Insiegel seiner fürstlichen Verwandtschaft nicht untersuchen konnte, sich auf einmal von allem überzeugen, was er aus dem Briete an den Lord nur mit diebischen Blicken erraten konnte? Und konnte' er nachher nicht zum Fürsten gehen und da für alle unsere Freunde die giftigsten Suppen einbrocken? – Da aber das Vexierbild gewöhnlich in einer Woche verblich: so brauchte Viktor ihm nur ebenso lange den Träger desselben aus den Augen zu entrücken; er trug also seinem von der natur tätowierten Freunde die Bitte vor, einmal gemeinschaftlich nach St. Lüne zu gehen, da sie vorgestern einander verfehlet hätten....
"Daraus wird nichts", sagte Flamin, der die kleinere Delikatesse hatte, die Bitte um die Begleitung wegen seiner Vorwürfe in Le Bauts Garten nicht zu benützen, und darüber die grössere vergass, eine solche Rücksicht seinem Viktor gar nicht zuzutrauen.
Dieser, in einer leidenschaftlichen Eilfertigkeit, zwei solche Übel (Klotildens Hofamt und Mattieus Besichtigung) abzuwenden, griff zum sonderbaren Mittel, dem Hofjunker die Reise- Genossenschaft anzutragen. Denn sie sahen und sprachen einander täglich in Vorzimmern und Sälen – und wahrhaft freundlich, nur konnte keiner den andern ausstehen. – "Mit Freuden!" (sagte der Evangelist) "in dieser Woche hab' ich den Kabinettdienst – aber die nächste kann ich."
Und gerade in der jetzigen wollt' es Viktor. – So viel schnelle Fehlschlagungen bestürzten diesen so, dass er, dessen sorg- und argloses Herz immer ein offener Brief mit fliegendem Siegel war, sich jetzt gegen seinen guten, teuren Freund Flamin verstellte – Er wollte wenigstens das Muttermal und dessen Deutlichkeit selber untersuchen. Er ging daher zu ihm und fand ihn gebücktschreibend und mit einem glühenden Arbeit-Gesicht. Er beschwurs ihm, Erholung und Ferien wären ihm unerlässlich, und er sollte wie ein Setzer stehend arbeiten. Dann kam er allmählich auf Flamins vollblütige Brust und auf die Frage: ob sie ohne Stechen und Drücken seine Anspannungen vertrage? Dann langte er an dem Ziele an, und er schlug vor, Flamin solle sich in jedem Falle als Lungen-Ableiter ein burgundisches Pechpflaster auf die Schulterblätter legen lassen, ja er wollt' es ihm jetzt selber tun und ihm zeigen, wie alles zu machen sei. Dadurch hoffte er noch dazu um das Apfelstück zugleich einen Vorhang zu ziehen. Aber er verstellte sich so erbärmlich – denn ihm glückten unschuldige Intrigen gegen Mädchen und scherzhafte Verstellungen aus Satire, und misslangen ernstafte –, dass sogar Flamin aufhorchte und trocken versetzte: "er habe schon ein solches Pflaster seit zwei Tagen auf: und – Mattieu hab' es ihm geraten und selber aufgelegt."
Da sass er. – Sebastian hatte weiter nichts zu tun, als in einer sonderbaren Kälte, die auf dem St. Lüner Wege nur durch einige Stiche von den alten dornigen Spätlingen seines verblühten Paradieses untermischt wurde, unbegleitet zum Kammerherrn Le Baut zu gehen, zu sagen, was zu sagen war, ins Pfarrhaus zu gucken und still wieder fortzuwandern ohne eine einzige Hoffnung.
Liebe Fortuna! lieber geköpft als skalpiert, lieber ein Unglück als zehn Fehlschlagungen; ich meine: rädere mit deinem Rade den Menschen lieber von oben als unten hinauf! –
Viktor wusste zwar noch kein Wort von der Wendung, womit er zwei solchen Hof