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eine Abendsonne tat. Jedes andere weibliche Gesicht auf der Strasse gab ihm Stiche; und der Bruder der verlornen Klotilde, den er am Fenster sah und heute gern umarmt hätte, lieh der verweinten Erinnerung neue Farben.... Leser! – die Leserin ist von selber billigerlache nicht über meinen guten Helden, der da keiner ist, wo gerade die Stärke der Seele die Stärke des Schmerzens wird; lass mich es wenigstens nicht hören. Wem der sympatetische Nerve des Lebens, die Liebe, unterbunden oder durchschnitten ist, der darf schon einmal seufzen und sagen: alles kann der Mensch auf der Erde geduldiger verlieren als Menschen.

Und doch führte abends ein Zufallnämlich ein Brief- alle seine Schmerzen noch einmal durch sein müdes Herz. Ein kleiner Brief von Emanuelaber keine Antwort auf den erst abgesandtenkam an.

"Mein immer Geliebter!

Ich habe den Tag deines Eintritts in ein neues LebensGewühl erfahren, und ich habe gesagt: mein Geliebter bleibe glücklich die Ruhe der Tugend baue wie mit einer Brust sein Herz gegen den Frost und Sturm seines neuen Lebens einseine Schmerzen und seine Entzückungen seien nicht lauter trauere sanft und still wie eine Fürstin im sanften Weiss, er geniesse sanft und still, und im Tempel seines Herzens spiele die Lust nur wie ein ungehört-irrender Schmetterling in einer Kircheund die Tugend schwebe vor ihm am nöhern Himmel über unserer Sonne und wärme und erhelle und ziehe allmählich sein Herz!

Du willst, aus liebender Bangigkeit für mein entsinkendes Leben, nicht haben, dass ich oft schreibe: so wenig glaubst du Lieber, meiner Hoffnung. O die ablaufenden Gewichte meiner Maschine fallen langsam und sanft auf das Grab hinauf- dieses Erdenleben kleidet sich in meiner Seele immer schöner an und schmückt sich zum Abschiededieser Nachsommer um mich, der wie eine Nebensonne neben dem Augustsommer steht, und der künftige Frühling nehmen mich der natur schmeichelnd aus den Armen.

So überlaubt, so überblümt der Allgütige die Kirchhofmauer des Lebens, wie wir die Mauer eines englischen Gartens, mit bedeckendem Efeu und Immergrün und gibt dem Ende des Gartens den Schein eines neuen Gesträuchs. –

So steigt schon hier im dunkeln Leben der Geist, wie der Barometer schon unter dem trüben Wetter steigt, und wird den Einfluss des lichtern schon unter den Wolken innen.

Ich folge aber deiner Liebe und schreibe dir nicht mehr als einmal im Winter, wo ich dir die grosse Nacht erzähle, in der ich meinem blinden Julius zum erstenmal sagte, dass ein Ewiger ist. – In jener Nacht, mein Geliebter, zogen mich die Entzückung und Andacht zu hoch, und das dünne Leben wollte reissen. Ich blutete lange. Im Winter, wo an die Stelle der Erden-Reize die des himmels treten49, verbiete mir das Gemälde des Sommers nicht.

O mein Sohn! – ich musste dir ja schreiben, weil meine Freundin Klotilde klaget, dass sie zum neuen Jahre aus der grünen Laube der Einsamkeit auf den drängenden Marktplatz des Hofes gezogen werdeihre Seele ist dunkel von Trauer und streckt die arme nach dem stillen Leben aus, das von ihr genommen wird. Ich weiss nicht, was ein Hof istdu wirst es wissen, und ich beschwöre dich, erlöse meine Freundin und lenke die Hand ab, die sie aus St. Lüne ziehen will. Wenn du es nicht kannst: so verlasse am hof die geliebte Seele nichtsei ihr heissester Freundziehe die Bienenstacheln der Erdenstunden aus ihrem milden Herzen. – Wenn kalte Worte wie Schneeflocken auf diese Blume fallen: so schmelze sie der Hauch der Liebe zu Tränen, die du rinnen siehestWenn über ihr Leben ein Gewitter aufsteigt: so zeig ihr den Engel, der auf der Sonne steht und über unsere Gewitter den Regenbogen der Hoffnung zieht – O dich, den ich so liebe, wird meine Freundin auch so lieben, und wenn mein Freund ihr sein sanftes Herz, sein weiches Auge, seine Tugend, seine von der natur und von dem Ewigen bewohnte Seele aufdeckt: so wird er meine Freundin vor sich glücklich werden sehen, und das erhabne Angesicht, das vor ihm in Tränen und Lächeln und Liebe zerfliesst, wird immer in seinem Herzen bleiben.

Emanuel."

Siehe, da trat in dieser glühenden Minute die erhabne Gestalt, die er gestern gesehen, wieder vor sein Herz mit den wehmütig lächelnden Lippen und mit den Augen voll Tränen; und als die Gestalt vor ihm schweben blieb und schimmerte und lächelte, so stand seine Seele vor ihr wie vor einer Verstorbenen auf, und alle Wunden fingen wieder unter dem Erheben an zu bluten, und er rief: "So weiche denn nie aus meinem Herzen, du erhabne Gestalt, und ruh' ewig auf seinen Wunden!" – Die Trostlosigkeit, die Ermattung und der Schlaf überhüllten seinen Geist, so wie seinen letzten Gedanken, nächstens nach St. Lüne wieder zu gehen und ihre Eltern zu bereden, sie nicht an den Hof zu zwingen...

Der lange Schlaf des Todes schliesst unsere Narben zu, und der kurze des Lebens unsere Wunden. Der Schlaf ist die Hälfte der Zeit, die uns heilt. Der erwachte Viktor, dessen Fieber der Liebe gestern durch die Schlaflosigkeit so sehr zugenommen, sah heute, dass sein Schmerz ungemässigt war, weil seine Hoffnung unmässig gewesen; – anfangs hatte' er gewünschtdann beobachtetdann vermutetdann gesehendann ausgelegtdann