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Sollt' ich dir nur meine bereueten Fehler zeigen und nie meine gegenwärtigen? – Nein, tritt her, Teurer, an meine wunde Brust, ich öffne dir das Herz darin, es blute und poche unter der Entblössung, wie es willdu deckest es doch vielleicht mit deiner väterlichen Liebe wieder zu und sagst: ich lieb' es noch. –

Du, mein Emanuel, ruhest in deiner hohen Einsamkeit, auf dem Ararat der erretteten Seele, auf dem Tabor der glänzenden: da blickest du sanft geblendet in die Sonne der Gotteit und siehest ruhig die Wolke des Todes auf die Sonne zuschwimmensie verhüllt sie, du erblindest unter der Wolke, sie verrinnt, und du stehst wieder vor Gott. – Du liebst Menschen als Kinder, die nicht beleidigen könnendu liebst Erdengenüsse wie Früchte, die man zur Kühlung pflückt, aber ohne nach ihnen zu hungerndie Gewitter und Erdbeben des Lebens gehen vor dir ungehört vorüber, weil du in einem Lebens-Traum voll Töne, voll Gesänge, voll Auen liegst, und wenn dich der Tod aufweckt, lächelst du noch über den heitern Traum.

Aber ach, mehr als ein Gewitter donnert hinein in den Lebenstraum von uns andern und macht ihn ängstlich. Wenn ein höheres Wesen in den Wirrwarr von Ideen treten könnte, der unsern Geist umgibt, und aus dem er seinen Atem holen muss, wie wir in einer aus allen Luftarten zusammengegossenen Luftart atmen wenn es sähe, welche Nährmittel durch unsern inneren Menschen gehen, denen er seinen Milchsaft abgewinnen muss, dieses Gemenge von komischen OpernBayles WörterbüchernKonzerten von MozartMessiadenKriegsoperationenGoetes GedichtenKants SchriftenTischredenMond-AnschauungenLastern und TugendenMenschen und Krankheiten und Wissenschaften aller Art – – wenn das Wesen diese Lebens-Olla-Potrida untersuchte: würde' es nicht begierig sein, zu wissen, welche widersinnige Säfte dadurch in der armen Seele zusammen gerinnen, und würde' es sich nicht wundern, dass noch etwas Festes und Gleichförmiges im Menschen bleibt? – Ach wenn dein Freund, Emanuel! bald in einem feinen Speisesaal, bald in einem Garten, bald in einer Loge, bald vor dem grossen Nachtimmel, bald vor einer Kokette, bald vor dir ist: so macht ihm dieser zweideutige Wechsel der Auftritte Schmerzen und vielleicht Flecken...

Nein, ich will meinen Emanuel nicht belügen – – O sind denn die Kleinigkeiten und die Steinchen dieses Lebens wert, dass wir darum krumme Gänge wählen, wie die Minierraupe durch die Ästchen ihres Blattes sich zu Krümmungen zwingen lässt? – Nein, alles, was ich gesagt habe, ist wahr; aber ich hätt' es nicht gesagt, wenn nicht andre Schmerzen mich auch auf jene führten; und doch hättest du es mir, du unschuldig-kindlich-erhaben-trauender Lehrer, geglaubt. Ach, du hälst mich für zu gut... o es ist ein weiter ermüdender Schritt von der Bewunderung zur Nachahmung! – Jetzt aber blick in mein geöffnetes Herz!

Seitdem ich hier im Totenhaus meiner kindlichen Freuden, in den Beeten, wo meine Kindheitjahre geblühet und abgeblühet haben, vielleicht mit zu vielen Träumen der Vergangenheit umhergehe; – und noch mehr: von dem Tage an, wo du meinem Herzen den Reiz zum Fieber-Schlage auf mein ganzes Leben gegeben, seitdem du mir das Leben aufgedeckt, worin sich der Mensch zerblättert, und den dünnen spitzigen Augenblick, auf dem er so schmerzhaft steht, seit jener Abschied-Nacht, wo meine Seele gross und meine Tränen unerschöpflich waren, rinnt eine ewige Wunde in mir, und der Seufzer einer sehnsucht, die nichts zu nennen weiss als Träume und Tränen und Liebe, liegt wie eine stockende Ader beklemmend und verzehrend in meiner Brust – – Ach, ich lache noch wie sonst, ich philosophiere noch wie sonst, aber mein Inneres sieht nur der Geliebte, dem ichs jetzt entblösse.

O Schicksal, warum schlugst du in den Menschen den Funken einer Liebe, die in seinem eignen Herzblut ersticken muss? Ruht nicht in uns allen das holde Bild einer Geliebten, eines Geliebten, wovor wir weinen, wornach wir suchen, worauf wir hoffen, ach und so vergeblich, so vergeblich? – Steht nicht der Mensch vor der Brust eines Menschen wie die Turteltaube vor dem Spiegel und girret wie diese sich heiser vor einem toten flachen Bilde darin, das er für die Schwester seiner klagenden Seele hält? – Warum frägt uns denn jeder schöne Frühlingabend, jedes schmelzende Lied, jede überströmende Freude: wo hast du die geliebte Seele, der du deine Wonne sagst und gibst? Warum gibt die Musik dem bestürmten Herzen statt der Ruhe nur grössere Wellen, wie das Geläute der Glocken die Ungewitter, anstatt zu entfernen, herunterzieht? Und warum ruft es draussen an einem schönen stillen hellen Tage, wenn du über das ganze aufgeschlagne Gemälde einer Landschaft siehest, über die Blumen-Meere, die auf ihr zittern, über die herabgeworfnen Wolkenschatten, die von einem Hügel zum andern fliehen, und über die Berge, die sich wie Ufer und Mauern um unsern Blumenzirkel ziehen, warum ruft es da denn unaufhörlich in dir: 'Ach, hinter den rauchenden Bergen, hinter den aufliegenden Wolken, da wohnt ein schöneres Land, da wohnt die Seele, die du suchst, da liegt der Himmel näher an der Erde'? – Aber hinter dem Gebirge und hinter dem Gewölke stöhnt auch ein verkanntes Herz und schauet