1795_Jean_Paul_049_117.txt

Klotilden zum ersten Male im weissen Gewand von ferne gesehen – "Ruhe du auch, Horion!" hatte sie aus seinem Traum ihm unter dem Blumenhügel zugerufen, und er hörte es wieder. – –

Hier riss er freudig alle seine Wunden auf und liess sie frei hinbluten in Tränensie überzogen mit trüben Strömen das Angesicht, das sanft oft gelächelt hatte, aber immer gutmütig, und das andern keine abgepresset, sondern abgetrocknet hattejede Flut war eine weggehobne Last, aber das Herz wurde darauf wieder schwer und vergoss die neue. – Endlich konnte' er die Töne wieder hören, die meisten sanken unter, eh' sie an den Turm geflossen waren, kleine kamen sterbend an und zergingen in seinem dunkeln Herzenjeder Ton war eine fallende Träne und machte ihn leichter und sprach seinen Kummer ausder Garten schien aus sanft ertönenden, gebrochen-überdämmerten, dunkelgrünen Schattenwogen zu bestehener riss, von Erinnerung gestochen, das Auge davon weg: "Was geht er mich mehr an", dachte' er. Aber endlich stieg aus diesem Schatten-Eden und aus der Viole d'Amour das Lied "Vergiss mein nicht" zu seinem müden Herzen auf und gab ihm wieder den sanftern Schmerz und die vergangne Liebe: "Nein," sagt' er, "ich vergesse dein auch nicht, ob du mich gleich nicht geliebtDeine Gestalt wird mich doch ewig rühren und an meine Träume erinnernach du Himmlische, es ist ja jetzt das einzige, was mich nicht schmerzet, wenn ich denke: ich vergesse dein nicht."

Alles wurde stumm und ausgelöscht; er war allein neben der Nacht. Endlich ging er nach der langen Stille herab und nach Flachsenfingen zu, matt geweint und arm geworden. Und als er unterweges schnell zum schwarzblauen Himmel, in welchem irrende Wolken um den Mond wie Schlacken umhergeworfen waren, hinaufblickte und schnell wieder über die halb vernichtete Schattengegend, über die Schattenberge und Schattendörfer: so kam ihm alles tot, leer und eitel vor, und es schien ihm, als wär' in irgendeiner hellern Welt eine Zauberlaterneund durch die Laterne rückten Gläser, worauf Erden und Frühlinge und Menschengruppen gefärbet wärenund die herabgeflossenen hüpfenden Schattenbilder dieser Gläser nennten wir Uns und eine Erde und ein Lebenund allem Bunten liefe ein grosser Schatten hintennach. – –

Ach, ich rege vielleicht in mancher Brust längst vergessene Beklemmungen wieder auf, aber es tut uns wohlda die Leiden so viel Platz in unserer Erinnerung einnehmen –, dass dieses herbe Lagerobst milde wird durch Liegen, und dass ein geringer Unterschied ist zwischen einem vergangnen Schmerz und einer jetzigen Lust.

Der arme Viktor kam nach Mitternacht mit einem bleichen Angesicht und mit brennenden Augen im haus des Apotekers an. Er begehrte nichts, um seine gebrochne stimme nicht zu verraten. Als er seinen Alltagsüberrock im Mondschimmer hängen sah, und als er sich wie eine fremde person vorstellte, der der Rock gehörte und die ihn am Morgen so freudig auszog und jetzt so trostlos anlegte: so ergriff ein Mitleiden, das er mit sich selber hatte, wieder mit zu starkem Druck sein erschöpftes Herz. Marie kam, und er wendete nicht einmal die Zeichen dieses Mitleids von ihr weg. Sie stand betroffener sagte ihr mit der sanftesten, aus Seufzern gewebten stimme, er brauche nichtsund die gute Seele ging ohne Mut zum trösten und zu Tränen langsam hinaus, aber die ganze Nacht vergoss sie unsichtbare über die fremden und über einen Kummer, der ihr nicht gesagt war.

Warum öffnete gerade heute das Schicksal alle Adern seines Herzens? Warum liess es gerade auf diesen Tag die Silberhochzeit des Stadtseniors und die erste Hochzeit seiner Tochter mit dem Waisenhausprediger treffen? Warum, wenn doch beide Hochzeitfeste auf diesen Tag zusammenfallen sollten, mussten sie bis nach Mitternacht fortwähren, wo sie den armen Viktor in alle Brandstätten seiner Hoffnungen schauen liessen, wo er in einer lichtervollen stube aus seiner dunkeln die Liebe sah, welche hände verknüpfte, Lippen zusammendrückte und Augen und Seelen vermischte? – Zu einer andern Zeit würde' er über den Waisenhausprediger und über zwei Armenkatecheten gelächelt haben; aber heute konnte' er nur darüber seufzen, und es ist eine sanfte Schönheitlinie an seinem inneren Menschen, dass er den armen Menschen das vergönnte, was er entbehrte: "Ach ihr seid glücklich", sagte er – "o liebt euch recht, presset die klopfenden vergänglichen Herzen heiss aneinander, eh' sie der Flügel der Zeit zerschlägt, und glühet aneinander in der kurzen Minute des Lebens und wechselt eure Tränen und Küsse, eh' die Augen und Lippen im grab erfrierenihr seid glücklicher als ich, der ich das Herz voll Liebe niemand geben kann als den Würmern des Grabes, und auf dessen Sarg ein Tischler die Überschrift, die wie ich mit Erde bedeckt wird, färben soll: ihr guten Menschen, ihr habt mich nicht geliebt, 30 und ich war euch doch so gut!" –

Jedes glückliche Lächeln, jeder flötende Violinenzug, jeder Gedanke wurde jetzt seinem von Tränen umgebenen weichen Herzen zur harten spitzen Ecke, so wie einer Hand, die sich in wasser untertaucht, alles hart anzufühlen wird.

Seine grenzenlose Aufrichtigkeit, seine grenzenlose Erweichung konnte' er mit nichts befriedigen, als mit einem Briefe an seinen Emanuel, in welchen er seine ganze Seele überströmen liess.

"O teurer Geliebter!

Sollt' ich denn dirs verbergen, wenn mich Schmerzen übermannen oder Torheiten?