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an ihn, und die Hoffnung liess die Harmonikatöne wie verrinnende Echos weit über die ganze Zukunft seines Lebens fliessen....

"Viktor!" sagte jemand in langsam gedehntem Ton. Er sprang auf und kehrte seine veredelten Züge gegen denBruder seiner Klotilde und umarmte ihn gern. Flamin, in welchen alle Musik Kriegsfeuer und freiere Aufrichtigkeit warf, sah ihn staunend, fragend und unmerklich schüttelnd und mit jener Freundlichkeit an, die wie Hohn aussah, die aber allezeit blosses Schmerzen empfangener Beleidigungen war. "Warum nahmst du mich heute nicht mit?" sagte freundlich Flamin. Viktor drückte seine Hand und schwieg.

"Nein! rede!" sagte jener. – "Lass es heute, mein Flamin, ich sage dirs noch", versetzte Viktor.

"Ich will dirs selber sagen" (begann jener schneller und wärmer)

– "Du denkst vielleicht, ich werde eifersüchtig. Und siehe, kennt' ich dich nicht, so würde' ichs auch; wahrlich, ein anderer würde' es, wenn er dich hier so angetroffen hätte und alles zusammenrechnete, deine neuliche Entfernung aus unserem Gartenhaus in die Laubedein Schreiben ohne Licht und dein Singen von Liebe" –

"An Emanuel", sagte Viktor sanft

"Dein Abgeben dieses Blattes an sie" –

"Es war ein anderes aus ihrem Stammbuche", sagt' er

"Noch schlimmer, das wusst' ich nicht einmalDein Zögern in St. Lüne und tausend andre Züge, die mir nicht sogleich einfallen, dein heutiges Alleingehen" –

"O mein Flamin, das geht weit, du siehst mit einem andern Auge als dem der Freundschaft" –

Hier wurde Flamin, der sich in nichts verstellen konnte, ohne es sogleich zu werden, und der keine Beleidigung erzählen konnte, ohne in den alten Zorn zu geraten, wärmer und sagte weniger freundlich: "Es sehens schon andre auch, sogar der Kammerherr und die Kammerherrin."

Dieses zerriss Viktor das Herz. "Du Teurer, alter Jugendfreund, so sollen wir auseinander gezogen und gerissen werden, wir mögen noch so sehr bluten; es soll also diesem Mattieu gelingen (denn von dem kommt alles, nicht von dir, du Guter), dass du mich marterst, und dass ich dich martereNein, es soll ihm nicht gelingenDu sollst nicht von mir genommen werdenSiehe bei Gott," (und hier stand in Viktor das Gefühl seiner Unschuld erhaben auf) "und wenn du mich jahrelang verkennst, so kommt doch die Zeit, wo du erschrickst und zu mir sagst: ich habe dir unrecht getan! – Aber ich werde dir gern vergeben."

Dieses rührte den Eifersüchtigen, der heute überhaupt (wegen einer besonderen Ursache) gelassener war. "Sieh," (sagt' er) "ich glaube dir allemal: sag es, tust du nie etwas gegen mich?"- "Nie, nie, mein Lieber!" antwortete Viktor. – "Jetzt verzeih meiner Hitze," fuhr jener fort, "so hab' ich schon mit meiner verfluchten Eifersucht einmal Klotilden selber in Maiental gequältaber dem Mattieu tue nicht unrecht; er ist es vielmehr, der mich beruhigte. Er sagte mir es zwar, was Klotildens Eltern zu merken geglaubt, ja noch mehrsieh, ich sage dir allessie hätten sogar wegen deiner vorgeblichen Neigung und wegen deines jetzigen Einflusses, den der Kammerherr gern zu seiner Wiedererhebung benutzen möchte, von einer möglichen Verbindung mit der Tochter gesprochen, auch gegen diese, und sie ausgeforscht; aber (dir ist es doch gleichgültig) meine Geliebte blieb mir treu und sagte Nein." –

Nun war unserm Freund das vorher so glückliche Herz gebrochen; dieses harte Nein war bisher noch nicht gegen ihn ausgesprochen wordenmit einer unaussprechlichen, niederdrückenden, aber stillen Wehmut sagt' er leise zu Flamin: "Bleib du mir auch treudenn ich habe ja wenig; und quäle mich nie mehr so wie heute." Er konnte nicht mehr reden; die erstickten Tränen stürmten flutend auf sein Herz hinan und sammelten sich schmerzlich unter dem Augapfeler musste jetzt einen stillen dunkeln Ort haben, wo er sich recht ausweinen konnte, und in seinem aufgerissenen schmerzenden inneren war bloss der Gedanke noch sanft und balsamisch: "Jetzt in der Nacht kann ich weinen, soviel ich will, und niemand sieht mein zerrissenes Angesicht, meine zerrissene Seele, mein zerrissenes Glück."

Und als er dachte: "Ach Emanuel, wenn du mich heute so sähest" – konnte' er sich kaum mehr halten.

Er floh mit zurückgestemmten Tränen, gleichgültig wer es sehe oder nicht, aus dem Garten, über welchen ein düsterer Engel eine grosse Trauerfahne fliegen liess und Leichenmusik. Er stiess sich wund an einer steinernen Gartenwalze, womit man die beregneten Grasspitzen und Blümchen niederquetschter weinte noch nicht, aber auf der Warte, da wollt' er sich sättigen und tränken mit reichlichem Schmerzer wiederholte immer: "Aber sie blieb getreu und sagte Nein, nein, nein" – die Konzerttöne wehten ihm nach wie Feuer dem, der es besprochener watete durch nasse entschlummerte Fluren, die ihre Blumen verhüllten, und schneller als er strichen auf der Erde die Schattenrisse des oben vom Winde verfolgten Gewölkes dahiner stand an der Warte, hielt jede Zähre noch und rannte hinaufer warf sich auf die Bank, wo er