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des weggeträumten Lenzessanft aufgelöset durch den stillen lauen Sommer, der an den Rauch altären der Berge, auf den mit Milchflor belegten Fluren und unter dem verstummenden Trauergefolge von Vögeln lächelnd und sterbend lag und beim Aufsteigen der ersten Wolke auf dem Laube verschiedViktor, sag' ich, der heute, von lauter weichen Erinnerungen wehmütig angelächelt, fühlte, dass er bisher zu lustig gewesen. Er konnte die guten Seelen um ihn nur mit liebenden schimmernden Augen anblicken, diese noch schimmernder wegwenden und nichts sagen und hinausgehen. Über seinem Herzen und über allen seinen Noten stand tremolando. Niemand wird tiefer traurig, als wer zu viel lächelt; denn hört einmal dieses Lächeln auf, so hat alles über die zergangne Seele Gewalt, und ein sinnloser Wiegengesang, ein Flötenkonzertdessen Dis- und Fis-klappen und Ansätze bloss zwei Lippen sind, womit ein Hirtenjunge pfeiftreisset die alten Tränen los, wie ein geringer laut die wankende Lawine. Es war ihm, als wenn ihm der heutige Traum gar nicht erlaubte, Klotilden anzureden; sie schien ihm zu heilig und noch immer von geflügelten Kindern geführt und auf Eistronen gestellt. Da er überhaupt für Le Bauts gespräche im Reiche der Moralisch-Toten heute keine Zunge und keine Ohren hatte: so wollt' er im grossen laubenvollen Garten dem Stamitzischen Konzert ungesehen zuhören und sich höchstens vom Zufall vorstellen lassen. Sein zweiter Grund war sein zum Resonanzboden der Musik geschaffnes Herz, das gern die eilenden Töne ohne Störung aufsog, und das die Wirkungen derselben gern den gewöhnlichen Weltmenschen verbarg, die Goetes, Raffaels und Sacchinis Sachen wahrhaftig ebensowenig (und aus keinen geringern Gründen) entbehren können als Löschenkohls seine. Die Empfindung erbebt zwar über die Scham, Empfindung zu zeigen; aber er hasste und floh während seiner Empfindungen alle Aufmerksamkeit auf fremde Aufmerksamkeit, weil der Teufel in die besten Gefühle Eitelkeit einschwärzt, man weiss oft nicht wie. In der Nacht, im Schattenwinkel fallen Tränen schöner und verdünsten später.

Die Pfarrerin bestärkte ihn in allem; denn sie hatte heimlich in die Stadt geschickt und den Sohn eingeladen und eine Überraschung im Garten künstlerisch angelegt. –

Die Pfarrleute hoben sich endlich in den belaubten Konzertsaal und dachten nicht daran, wie sehr sie von Le Bauts haus verachtet würden, das nur edle Metalle und edle Geburt, nie edle Taten für Eintrittkarten gelten liess, und das die Pfarrleute als Freunde des Lords und Mattieus hoch, aber als Schosshunde beider noch höher geschätzt hätte.

Viktor blieb im Pfarrgarten ein wenig zurück, weil es noch zu hell war, und auch weil ihn die arme Apollonia dauerte; diese guckte einsam und ungesehen im vollen Putze aus dem Fenster des Gartenhäuschens in die Luft und wiegte das Patchen steilrecht, das sie bald über ihren Kopf, bald unter ihren Magen hing. Er setzte, wie ein Spiessbürger, im Gartenhaus den Hut nicht auf, um ihren Mut durch Höflichkeit zu stärken. Ein Wickelkind ist gleichsam der Einbläser und Balgtreter der Kinderwärterin: der junge Sebastian schickte Appeln hinreichenden Entsatz gegen den ältern, und sie unterfing sich zuletzt, zu reden und anzumerken, das Patchen sei ein guter, lieber, schöner "Bastel". "Aber" (setzte sie dazu) "die gnädige Frölen (Klotilde) dürfen das nicht hören; Sie wollen haben, wir sollen ihn Viktor nennen, wenn Sie hören, dass der Vater Bastel sagt." Sie strich es nun heraus, wie Klotilde sein Patchen liebe, wie oft sie ihr den kleinen Schelm abnehme und ihn anlächle und abküsse; und die Lobrednerin wiederholte am Kleinen alles, was sie pries. Ja der erwachsene Sebastian tat es auch nach, aber er suchte auf den kleinen Lippen nichts als fremde Küsse; und vielleicht gehörten bei Appeln wieder seine unter die Sachen, die gesucht werden. Der Glücklichere verliess die Glücklichere; denn Amor schickte nun eine geschmückte Hoffnung nach der andern an sein Herz als Boten ab, und alle sagten: "Wir belügen dich wahrhaftig nicht; trau uns!"

Endlich fing Stamitz zu stimmen an, um welchen die zähe Obristkämmerei sich gewiss nichts bekümmert hätte, weil heute keine Fremde da waren, hätte sich nicht Klotilde dieses Gartenkonzert als die einzige Feier ihrer Geburtnacht erbeten gehabt. Stamitz und sein Orchester füllten eine erleuchtete Laubeder adelige Hörsaal sass in der nächsten hellsten Nische und wünschte, es wäre schon ausder bürgerliche sass entfernter, und der Kaplan flocht aus Furcht vor dem katarrhalischen Tau-Fussboden ein Bein ums andre über die SchenkelKlotilde und ihre Agate ruhten in der dunkelsten Blätterloge. Viktor schlich sich nicht eher ein, als bis ihm die Ouvertüre den Sitz und das Sitzen der Gesellschaft ansagte; in der fernsten Laube, in der wahren Sonnenferne nahm dieser Bartstern Platz. Die Ouvertüre bestand aus jenem musikalischen Gekritzel und Geschnörkelaus jener harmonischen Phraseologieaus jenem Feuerwerkgeprassel widereinander tönender Stellen, welches ich so erhebe, wenn es nirgends ist als in der Ouvertüre. Dahin passet es; es ist der Staubregen, der das Herz für die grossen Tropfen der einfachern Töne aufweicht. Alle Empfindungen in der Welt bedürfen Exordien; und die Musik bahnet der Musik den Wegoder die Tränenwege.

Stamitz stiegnach einem dramatischen Plan, den sich nicht jeder Kapellmeister entwirftallmählich aus den Ohren in das Herz, wie aus Allegros in Adagios; dieser grosse Komponist geht in immer engern Kreisen um die Brust, in der ein Herz ist, bis er sie endlich erreicht und unter Entzückungen umschlingt