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, der seinen Traum weiss, sich ins übrige leicht findet. Deswegen muss der Traum den Lesern gegeben werden, den poetischen Lesern besondersfür andere möchte ich eine Ausgabe der Hundposttage veranstalten, wo er heraus wäre; denn unpoetische, die selber keine haben, sollten auch keine lesen.

Euch aber, euch guten, selten belohnten weiblichen Seelen, die ihr ein eigenes zweites Gewissen neben dem ersten für reine Sitten habtderen einfache Tugend in der Nähe zu einem Kranze aus allen Tugenden aufblüht, wie Nebel-Sterne durch Gläser in Millionen zerfallendie ihr, so veränderlich in allen Entschlüssen, so unveränderlich im edelsten, aus der Erde geht mit verkannten Wünschen, mit vergessenem Werte, mit Augen voll Tränen und Liebe, mit Herzen voll Tugend und Grameuch teuern erzähl' ich gern den kleinen Traum und mein grosses Buch! ...

"Eine Hand, die Horion nicht sah, fasste ihn an, eine Lippe, die er nicht sah, redete ihn an: Dein Herz sei jetzt heilig und rein, denn der Genius der weiblichen Tugend wohnt in diesem Gefilde. – Siehe, da stand Horion auf einer mit Vergissmeinnicht überzogenen Flur, auf welche der Himmel wie ein blauer Schatten herübersank; denn alle Sterne waren aus ihm genommen, nur der Abendstern stand einsam flimmernd oben an der Stelle der Sonne. Weisse Eis-Pyramiden, gestreift mit herunterrinnenden Abend röten, umrangen wie mit einem Wall aus Gold- und Silberstufen das ganze dunkle Rund – – Darin ging Klotilde, erhaben wie eine Verstorbene, heiter wie ein Mensch in der andern Welt, geführt bald von geflügelten Kindern, bald von einer verschleierten Nonne, bald von einem ernsten Engel, aber sie ging ewig vor Horion vorübersich lächelte ihn selig-liebend an unter jedem Vorüberziehen, aber sie zog vorüber. – Blumige Erhöhungen, Gräbern fast gleich, stiegen auf und nieder, denn jede wurde von einem darunter schlummernden Busen durch Atmen geregt; eine weisse Rose stand über dem Herzen, das darunter verhüllet lag, zwei rote wuchsen über den Wangen, deren zartes Erröten sich in die Erde verbarg, und oben am himmlischen Nachtblau wankte der weisse und rote Widerschein der Hügel-Blumen gleitend ineinander, sooft unten die Rosen des Herzens und der Wangen sich mit dem Hügel bewegtenVersiegende Echo, aber von ungehörten Stimmen erregt, gaben einander hinter den Bergen Antwort; jedes Echo hob die kleinen Schlummerhügel höher auf, als wenn sie ein tiefer Seufzer oder ein Busen voll Wonne erhöhte, und Klotilde lächelte seliger, von jedem Widerhalle tiefer in den Blumenboden versenktIn den Tönen war zu viel Wonne, und das aufgelöste Herz des Menschen wollte darin sterben. Klotilde sank jetzt in die Gräber bis ans Herz; nur das stille Haupt lächelte noch über der Auedie Vergissmeinnicht ragten endlich an die untergesunkenen Augen voll seliger Tränen und überblühten sieDa überkroch die Holde plötzlich ein Schlummerhügel, und unter den Blumen stiegen ihre Worte auf: Ruhe du auch, Horion! – Aber die fernern Laute verwandelten sich unter dem Begraben in dunkle Harmonikatöne... Siehe, unter dem Verstummen ging ein grosser Schatten wie Emanuel heran und stand vor ihm wie eine kurze Nacht und verdeckte die unbekannte Minute aus einer höhern Welt. Aber als die Minute und der Schatten zerflossen waren: da waren alle Hügel niedergefallenDa übergüldete der Blumen-Widerschein zusammengeflossen den wallenden HimmelDa klammerten sich an die Purpurgipfel der Eisberge weisse Schmetterlinge, weisse Tauben, weisse Schwanen mit ausgespannten Flügeln wie mit Armen an, und hinter den Bergen wurden gleichsam von einer übermässigen Entzückung Blüten emporgeworfen und Sterne und KränzeDa stand auf dem höchsten, in lichtem Glanz und Purpurlohe ruhenden Eisberg Klotilde verherrlicht, geheiligt, überirdisch entzückt, und an ihrem Herzen flatterte eine Nebelkugel, die aus aufgelösten kleinen Tränen bestand, und auf welche Horions blasses Bild gezeichnet war, und Klotilde breitete die arme auseinander." – –

Aber um zu umarmen? oder um sich aufzuschwingen? oder um zu beten? ... Ach, er erwachte zu bald und strömte in grösseren Tränen, als die nebeligen waren, aus, und eine untersinkende stimme rief unaufhörlich um ihn: Ruhe du auch!

O du weibliche Seele, die du müde und unbelohnt, bekämpft und blutend, aber gross und unbefleckt aus dem rauchenden Schlachtfelde des Lebens gehst, du Engel, den das männliche, von Stürmen erzogne, von Geschäften besudelte Herz achten und lieben, aber nicht belohnen und erreichen kann; wie beugt sich jetzt meine Seele vor dir, wie wünsch' ich dir jetzt des himmels stillenden Balsam, des Ewigen belohnende Güte! Und du, Philippine, teure Seele, tritt weg in eine verborgne Zelle und lege unter den Tränen, die du schon so oft vergossen hast, deine Hand an dein reines weiches Herz und schwöre: "Ewig bleibe du Gott und der Tugend geweiht, wenn auch nicht der Ruhe!" Dir schwör es; mir nicht, denn ich glaube' es ohne Schwur. – –

Welch' eine Paradenacht voll Sterne und Träume war das! und welch ein Galatag der natur kam auf sie! In Viktors Kopf stand nichts als St. Lüne, blau überzogen, silbern übertauet und mit dem schönsten Engel geschmückt, der heute nasse frohe Augen in den freundlichen Himmel hob und dachte: "Wie bist du heute gerade an meinem Wiegenfeste so schön!" – Sogar der Stadtsenior und seine Tochter, welche beide Hochzeit machten