haben Ihnen hier nichts anzubieten als den Geburttag unserer Klotilde. O guter Mylord, o geliebte Lordship, wie war es Denenselben bisher möglich, so lange stumm und unsichtbar zu bleiben? Eine treue Freundin, die gar nichts von den Damen Ihres Hofes an sich hat, nicht einmal die Veränderlichkeit, wünschet Sie herzlich vor ihr Auge und vor ihr Ohr – und diese Dame bin ich – und wenn ich Sie kommen sehe, werde ich doch vor Freude weinen, ich mag dabei lachen oder schmollen, wie ich will. E."
Wann erhielt er dieses Blatt voll Seele? Und welche Antwort gab seine darauf? –
– Es war am schönsten Abend, der die Ankunft des schönsten Sonntagmorgens und des magischen Nachsommers ansagte – er sah nach der Abendröte, unter welcher Maientals Berge lagen, und sein Herz schlug ihm schwer – er sah nach der Morgenröte des Vollmonds, die über St. Lüne entglimmte, und seine sehnsucht nach dortin wurde unaussprechlich – – er dachte an Klotilde, deren Geburttag morgen einfiel, und ganz natürlich ging er heute – bloss zu Bette.
19. Hundposttag
Der Friseur, der nicht lungen-, sondern singsüchtig ist – Klotilde in Viktors Traum – Extrazeilen über die
Kirchenmusik – Gartenkonzert von Stamitz- Zank zwischen Viktor und Flamin – das Herz ohne Trost
Brief an Emanuel
Der Oktober-Sonntag, womit – ich diesen Posttag voll mache, war schon um 9 1/2, morgens ein so freudiger glänzender Tag in St. Lüne, dass das ganze Pfarrhaus an den Hofmedikus dachte. – "Ach er sollte abends ins Konzert kommen!" Der Virtuose Stamitz gab eines in Le Bauts Garten. – "O lieber schon zum Mittagessen!" – "Und in meine Frühpredigt, wenn er nicht in die Kinderlehre will." Eimann hatte dabei seine neu aufgelegte Perücke am meisten im kopf, die ihm Herr Meuseler heute darauf gesetzt hatte. Dieser geschickte Perückenmacher bereisete die Diözesanen (Pfarrer), die kein eigenes Haar trugen, öfter und mit grösseren Verdiensten um ihre Köpfe als der Superintendent selber, dieser Beherrscher der Gläubigen, zu welchem die meisten Kapläne sagten: ihr Exzellenz. Hätt' er sichs abgewöhnen können, dass er zuviel sang, log und soff, der Friseur: so hätten die meisten Geistlichen ihre Toupets – diese artistischen Hahnenkämme – bei ihm machen lassen; – so aber nicht.
Da der Kaplan gern die Konfitüren des Schicksals – worunter falsche Haare gehören – mit etwas versäuerte und hopfte: so suchte er natürlicherweise sich die heutige Perücke, für deren falsche Touren er an Zahlungstatt echte abgeschnittene Haare seiner Leute gab, durch Skrupel zu versalzen, die er sich über das lange Wegbleiben Viktors machte. Er erinnerte: "Wir müssen ihn vor den Kopf gestossen haben – er schreibt nicht einmal – er ist vielleicht mit meinem Sohne zerfallen – etwas hats gesetzt – und dann sieht uns der alte Lord auch nicht mehr von der Seite an – unsere Ratten halfen ihn auch mit austreiben."
Durch solche Elegien setzte er anfangs nur sich, und zuletzt selber den Zuhörer in Angst. Er war durch nichts zu widerlegen als dadurch, dass man etwas Neues, was ihn ängstigte, hervorsuchte. Die Wetterscheide seines Gewölkes oder sein Not- und Hülfbüchlein war diesesmal ein wahres Buch, des Zeitzer Tellers "Anekdoten für Prediger", die er heute durch den Perückenmacher vom geistlichen Lesezirkel empfing. Geistliche, zumal die auf dem land, betreiben alles mit einer kleinlichen pünktlichen Ängstlichkeit, worein sie zum teil ihr regierender Wauwau und Lindwurm von Konsistorium schreckt. In dieser Lesegesellschaft war nun ein Gesetz im Gange – Kommentatoren und Herausgeber halten es –, dass jedes Leseglied die Fett- und Dintenflecke und Risse, die es im Lesebuch anträfe, vorn immatrikulieren sollte in einem Flecken-Verzeichnis und Befundzettel samt der Seitenzahl "wo". Ganz natürlich leugnete jeder, der nur halbwege ein ehrlicher Luteraner war, die unbefleckte Empfängnis des buches; und die Sommerflekken wurden also alle ordentlich einregistriert, aber keiner bestraft. Bloss der gewissenhafte Hofkaplan lud als Wüstenbock die Strafe fremder Fehler auf, indem er eine ganze Nacht jedesmal nicht schlafen konnte, sooft er im buch mehre Kleckse als im Sündenregister fand, weil er offenbar sah, er werde zum Adoptivvater des namenlosen Schmutzes gemacht und zum Käufer des buches. – – Tellers Anekdoten für Schwarzröcke waren nun gar völlig schwarze Wäsche: war nicht ein Eselohr am andern – Kleckse auf Klecksen – die Blätter ordentliche Korrekturbogen... und zwar unmetaphorisch gesprochen? – Eimann hob an: "Und wenn mir es Geld zum Fenster hereinflög'...."
Da flog Viktors Brief zum Fenster herein und sein – Verfasser zur Tür.
Freilich aber war es so: Viktor hatte vor schönem Wetter schöne Träume, vor elendem erschien ihm der Satan mit seiner Sippschaft. Das schöne SonnabendWetter und der Gedanke an den Geburttag Klotildens und des Nachsommers gaben ihm einen Morgentraum, der ein Teater war, in welchem bloss ihr holdes Bild gespielt. Eine person, die er hinter dem Schleier des Traums gesehen, stand für ihn den ganzen nächsten Tag in einem zauberischen Widerschein. Bei ihm irrten die Träume – diese Nachtschmetterlinge des Geistes – wie andre über die Nacht und den Schlaf hinaus; wenigstens vormittags liebt' er jede person im Wachen fort, die er im Traum zu lieben angefangen. Diesesmal floss gar umgekehrt die wachende Liebe in die träumende hinein, und die wirkliche Klotilde fiel mit der idealen in ein so leuchtendes Heiligenbild zusammen, dass einer