der arme Untertan billig dem reichen trotz aller gleichen Tapferkeit dennoch vorgezogen und allein angeworben werde, weil der arme Teufel besser mit Hunger und Frost bekannt ist – dass 3) jetzt, da auf allen Stufen des Trons wie auf Wällen Kanonen stehen (wie die Sonne ihren Glanz von tausend speienden Vulkanen empfängt) und da in einem guten staat das männliche Stammholz zu Ladstöcken abgetrieben wird, das Volk mit Nutzen in zweierlei Hausarme zerfalle, in beschützte und in schützende – Und 4) soll der Teufel den holen, der murrt. –
Als meine drei geliebten Menschen endlich vor der Kaplanei ankamen, war das ganze aufgelöste Heer ihnen heimlich nachgerückt und wollte die Hosen. Aber noch etwas Grösseres war ihnen aus Flachsenfingen nachgefahren – der blinde Lord. Kaum hatte den jungen Gast die Britin nicht höflich, sondern freudig hereingelächelt, kaum hatte Agate zum erstenmal ernstaft sich hinter die Mutter, und die alte Appel sich hinter die Kochtöpfe versteckt: so tat der aufräumende Eimann einen langen Sprung vom Fenster hinweg, an welches vier Engländer – keine Ausländer, sondern Pferde – herantrabten. Jetzt fiel erst allen die Frage ein, wo der Augenarzt sei; und Sebastian hatte kaum die Zeit, darauf zu antworten, es komme keiner nach, denn er selber operiere seinen Vater. In den engen Zwischenraum, den sich der Vater von der Wagentüre zur Stubentüre durchführen liess, musste der Sohn die Lüge drängen, oder vielmehr die Bitte um die Lüge, die die Familie Seiner Herrlichkeit anhängen sollte, "der Sohn wäre noch nicht da, sondern bloss der Okulist, dem der letzte Schlagfluss die Sprache genommen".
Ich und der Leser stehen unter einem solchen Gedränge von Leuten, dass ich ihm noch nicht einmal so viel sagen können, dass der Doktor Kuhlpepper dem Lord das linke Auge mit der plumpen Starnadel so gut wie ausgestochen; – um also das rechte des geliebten Vaters zu retten, hatte Sebastian sich auf die Kur jener Verarmten gelegt, die schon mit den Augen im Orkus wandeln, und nur noch mit vier Sinnen ausserhalb des Grabes stehen. –
Als der Sohn die teure, mit einer so langen Nacht bedeckte Gestalt, für die es kein Kind und keine Sonne mehr gab, erblickte: so schob er sein Hand, deren Puls von Mitleid, Freude und Hoffnung zitterte, der Eimannischen unter und reichte sie eilend hin und drückte die väterliche unter dem fremden Namen. Aber er musste zur Haustüre wieder hinaus, damit seine behende Retterhand auszitterte, und er hielt draussen das vor Hoffnung pochende Herz mit dem Gedanken an, dass die Operation nicht geraten werde – er sah lächelnd an dem zwölfspännigen Kadettenkorps auf und ab, damit die Rührung und die sehnsucht aus der bewegten Brust entwichen. Drinnen hatte' unterdes die Kaplänin aus dem Blinden einen noch Blindern gemacht und ihm vorgelogen quantum satis; sobald eine Lüge, pia fraus, ein dolus bonus, eine poetische und juristische fictio auszufertigen ist: so stellen sich die Weiber von selber als expedierende Sekretäre und Hofbuchdruckerinnen hinzu und helfen dem ehrlichen Mann. "Ich wünschte sehr," – sagte der Vater beim Eintritt des Sohnes – "die Operation ginge jetzt vor sich, ehe mein Sohn angekommen ist." Die Kaplänin holte den beklommenen Sohn zurück und entdeckte ihm den väterlichen Wunsch. Er trat leise unter die verlegene Gesellschaft. Das Zimmer wurde verschattet, die Starlanzette vorgeholt und das kranke Auge festgemacht. Alles stand mit banger Aufmerksamkeit um den ruhigen Blinden. Der Kaplan guckte mit einer lächerlichen Angst und Qual auf das schlafende Wochenkind, um mit ihm bei dem kleinsten Schrei sogleich aus dem Starstechzimmer hinauszulaufen. Agate und Flamin hielten sich weit vom Patienten, und beide mit gleichem Ernst. Die edle Mutter Flamins näherte sich mit ihrem von Freude und sorge und Liebe zugleich ergriffenen Herzen und mit ihren überfliessenden Augen, die dem erschütterten Herzen gehorchten. Viktor weinte bang und froh neben dem stummen Vater, aber er zerquetschte heftig jeden Tropfen, der ihn stören konnte. – So teilt jede Operation durch das Steigen der Zurüstungen dem Zuschauer Herzklopfen und Bangen mit. Nur der verhüllte Brite – ein Mensch, der sein Haupt wie ein hohes Gebirge kalt und heiter über eine Feuerzone hob – dieser hielt der kindlichen Hand ein schweigendes Angesicht ohne Zuckung vor; er blieb vor dem Schicksal gefasst und stumm, das jetzt entscheiden wollte, ob seine öde Nacht langen sollte bis ans Grab, oder nur bis an diese Minute....
Das Schicksal sagte: es werde Licht, und es ward. – Das unsichtbare Schicksal nahm eines Sohnes ängstliche Hand und schloss damit ein Auge auf, das einer schönern Nacht als dieser ungestirnten würdig war: Viktor drückte die reife Starlinse – diese auf die Schöpfung geworfene Dampfkugel und Wolke – in den Boden des Augapfels hinab; und so, da ein Atom drei Linien tief versenket war, hatte ein Mensch die Unermesslichkeit wieder und ein Vater den Sohn. Gedrückter Mensch! der du zugleich ein Sohn und ein Knecht des Staubes bist, wie klein ist der Gedanke, die Minute, der Bluts- oder der Tränentropfen, der dein weites Gehirn, dein weites Herz überschwillt! Und wenn ein paar Blutkügelchen bald deine Montgolfiers-Kugeln, bald deine Belidors-Druckkugeln werden, ach wie wenig Erde ist es, die dich hebt und drückt! –
"Viktor! du? – Du hast mich geheilt, mein Sohn?" (sagte der errettete Mensch und nahm die noch mit dem Arbeitzeuge bewaffnete Hand) – "Leg weg und