der Henker die weltlichen Räte mitten unter den geistlichen hat: ein halb profaner Sessiontisch ist zu keinem heiligen stuhl umzudrechseln; es ist also nichts zu wünschen – ausser der gesegneten Mahlzeit – als Verträglichkeit, damit geist- und weltliche Räte die Parteien, um welche sie sitzen, ordentlich aufspeisen können, ein paar Knochen ausgenommen, die uns Schreibern und Boten zufallen; so sah ich oft auf einem toten Pferde zugleich Stare und Raben in bunter Reibe einträchtig wohnen und hakken und zehren." – –
Mein Korrespondent versichert mich, durch diese Reden richtete der Hofmedikus mehr bei Jenner aus als der Hofprediger durch seine. Viele Parteien bekamen ihr Geld, und einige Richter ein allerungnädigstes Handschreiben.
Eh' ich mit unserem verkleideten Gespann vor St. Lüne ankomme: ist noch eines und das andre zu schreiben. An Jenners Seele waren mehre Kniedrücker als an einem Fortepiano angebracht, die das Favoritenknie, indem es sich zu beugen schien, bewegte, wie es wollte. Er war allemal der Sohn der Gegenwart und der Widerschein der Nachbarschaft. Las er im Sully, so versäumte er eine Woche lang das geheime Regierkollegium nicht und liess den Kammerpräsidenten kommen. Las er im Friedrich II., so wollt' er das Reichskontingent stellen und selber kommandieren und ging vormittags auf die Parade. Er sah mit Vergnügen das Ideal einer guten Regierung an, es sei im Druck oder in einer Rede, und oft versuchte er die Annäherung dazu, Umbesserungen, Untersuchungen und Belohnungen, ganze Wochen lang – Entaltungen ausgenommen, die doch das einzige Verdienst sind, das der Fürst ohne fremde hülfe erwerben kann. – Unter der ganzen Kreuzfahrt war er ein wahrer Antoninus Philosophus und stand in Bereitschaft, überall zu belohnen und zu bestrafen und zu verfügen; – auch fühlte er, er könnt' es tulich machen, wenn man nur nicht von ihm noch gar arbeiten und entbehren heischte; darüber ging das andre auch zum Teufel.
Anfangs gefiel ihm die empfindsame Reise – als sie vorüber war, wieder – aber in der Mitte schmeckte ihm alles, was nach dem Vorlauf ausgekeltert wurde, immer herber, und er wünschte sich statt der Dorfküchenzettel sein Viktualienzifferblatt. Auch hatte' er sich so sehr an Tapferkeit gewöhnt, dass er beim Mangel derselben – d.h. seiner Leibwache – sozusagen furchtsam wurde; daher wollt' er einmal im Finstern einen jungen Weber in der Schenke aus dem Bette heraus mit seinen Stockdegen erstechen, weil der Weber nachts das fürstliche Bette verwechselt hatte mit einem von friedlicherem Inhalt. übrigens sammelten sich jetzt alle Strahlen seiner Zuneigung im einzigen Menschen von stand, im einzigen Beherzten und Vertrauten, den er hatte, in Viktor, zum Brennpunkte. Mein Held aber hatte überall zu geniessen – wenigstens den Gedanken an St. Lüne –, überall zu essen – wenigstens auf einem Obstbaum –, überall zu lesen – und warens nur Feuersegen an der tür, alte Kalender an der Wand, Ermahnungen zur Wohltätigkeit über Almosenbüchsen –, überall zu denken – über das Reise-Paar, über die vier Jahrzeiten-Akte der natur, die jährlich wieder gegeben werden, über die tausend Akte im Menschen, die niemals wiederkehren – und überall zu lieben und zu träumen, denn eben diese Strasse hatte Klotilde so oft auf ihren Reisen nach Maiental und St. Lüne zurückgelegt, und der Freund ihres reichen Herzens fand auf diesem klassischen Wege nichts als grosse Erinnerungen, Zauber-Stellen und eine stille lange heimliche Seligkeit....
"St. Lüne!" schrie Jenner, erfreuet, dass er nur wieder einen Weltmann, Le Baut, sehen solle. Auf die Emigranten-Maske war er selber verfallen, um den Kammerherrn, bei dem er sich zuletzt für einen Fürsten-Erbfeind ausgeben wollte, besser auszuholen. Wäre in Le Bauts Seele ein höherer Adel als der heraldische gewesen – oder hätte Viktor nicht gewusst, dass der Kammerherr den Fürsten auf den ersten blick erkennen würde – und dass er es schon darum vermögen würde, weil der wahre suspendierte Konsistorialbote schon der Stadt Flachsenfingen wahrscheinlich die ganze Vermummung werde ins Ohr gesagt haben: so hätt' er ihm die noble Masque ausgeredet.
Sebastian blieb gedachtermassen weg und im Freien, wahrscheinlich aus Scham seiner Rolle und offenbar aus sehnsucht, Klotildens Sonnenangesicht, das für ihn so lange nicht aufgegangen war, in einer seinem Herzen bequemern Lage anzuschauen. "Und die Eltern werden mich gern wiedersehen," dachte' er dazu, "wenn sie mir etwas zu verdanken haben" – Klotildens Hofamt nämlich. Er fuhr, hinter dem Bettschirm der Dunkelheit lauschend, öfters zusammen, als er aus dem Pfarrhause seinen Namen und zwar mit solcher Liebe, mit solchen Wünschen seiner Antwort nennen hörte, dass er beinahe eine gegeben hätte. Aber die Pfarrleute hatten nur mit seinem Patchen gesprochen und zu solchem gesagt: "Guter liebster Sebastian! Sieh doch her, was hab' ich da?" – Wie lag das verhüllete Paradies des heurigen Frühlings in alten Resten um ihn! Wie beneidete er die Schattenköpfe im schloss, die er um die Lichter gehen sah, und den alten Pfarrmops, der ihn zu den Pfarrleuten hineinwedeln wollte und drinnen auf dem Schauplatz einer so holden Vergangenheit weiter agierte! Aber als ihn Disteln am schloss an die musivische auf dem inneren Fussboden desselben erinnerten, so war der Neider zu beneiden, und er ging mit den schönsten Träumen, die je über sein dunkles Leben gezeichnet wurden, zum Apoteker zurück.
Am andern Tage kam Jenner nach, erfreuet