gegen den neuen Ort; auch hätte man Freude darüber für Wärme gegen irgend jemand am hof nehmen können, z.B. gegen ihren – Bruder, dachte' er.
jetzt kam der gestrige Gedanke, über den ich die Wette verloren, wieder hervor, in einer Nacht erstaunlich in die Höhe geschossen; der nämlich: wenn er den Fürsten zur Reise und zum Besuche beim Kammerherrn überredete und ihn noch unterwegs um ein Vorwort für Klotilde bei der Fürstin ansprach: so war es erstlich dem Stiefvater unmöglich, die Bitte für die schönste Stieftochter abzuweisen, und zweitens der Fürstin unmöglich, bei ihrem Gemahl, der das Recht der ersten Bitte ausübte, nicht allen möglichen Vorteil aus der ersten gelegenheit zu ziehen, sich ihn verbindlich zu machen. – –
– – Acht Tage darauf, da es schon dämmerte – in den Herbsttagen wirds eher Nacht –, stand der Hofkaplan Eimann auf der Warte und guckte nach der Sonne, nicht ihrer selber wegen, sondern um des Abendrots und Wetters willen, weil er morgen säen wollte: als er erschrocken von der Warte hinübersprang in sein Haus und die Hiobspost auspackte, der Konsistorialbote werde gleich da sein samt einem französischen Emigranten, und für den einen sei noch kein heller vorrätig und für den andern kein Bette...
Es kam kein Mensch. –
Ich begreif' es leicht; denn der Konsistorialbote lauerte am Pfarrhause und marschierte' sobald er oben den Hofmedikus Viktor aus Wachs am Fenster sitzen sah, spornstreichs zum dorf hinaus, gerade nach Flachsenfingen zu. Der Emigrant war zu seinem Professionverwandten Le Baut hineingegangen. –
Beide Reisende nannten sich auch noch – Jenner und Viktor, und kamen heute von ihrer scherzreichen Rennbahn zurück. – –
Vor sieben Tagen war nämlich der Fürst, der Maskentänze und Inkognito-Reisen und gemeine Sitten liebte, und der nur des Ministers geistige Masken und Inkognito verwünschte, mit Viktor zu Fuss hinter einem Kerl abgereiset, der zu Pferde mit der Redoutenkleidung und mit Redoutenerfrischungen vorausgebrochen war. Jenner trug einen Degen in der Hand, der in keiner Scheide steckte, sondern in einem Spazierstöckchen; ein Sinnbild der Hof-Waffen! Er gab sich in den Marktflecken für den neuen Regierrat Flamin aus. Mein Held, der sich anfangs zu einem reisenden Augenarzt geprägt hatte, münzte sich im dritten dorf zu einem Konsistorialboten um – bloss weil beiden der wahre Bote begegnete. Dieser Kammereinnehmer des Konsistoriums musste dem arzt – es kostete dem Fürsten nur eine fürstliche Resolution und eine Gnade – sein Sportelbuch und seinen kirchlichen Amtrock samt dem aufgenähten Blech auf diese Woche überlassen. Die Bleche sind an Boten und die Silbersterne an vornehme Röcke wie die Bleistücke an Tuchballen befestigt, damit man wisse, was am Bettel ist.
Für Büsching wäre eine solche Rekahns-Fahrt ein Fund – für mich ist sie eine wahre Pein, weil mein Manuskript ohnehin schon so gross ist, dass meine Schwester sich darauf setzet, wenn sie Klavier spielet, da der Sessel ohne die Unterlage der Hundposttage nicht hoch genug ist.
Was sah Jenner? – was Viktor? –
Der Regierrat Jenner sah unter den Beamten lauter krumme rücken – krumme Wege – krumme Finger – krumme Seelen. – "Aber krumm ist ein Bogen, und der Bogen ist ein Sektor vom Zirkel, diesem Sinnbild aller Vollendung", sagte der Konsistorialbote Viktor. Allein Jenner ärgerte sich am meisten darüber, dass ihn die Beamten so sehr verehrten, da er sich doch nur für einen Regier-Rat ausgab und für keinen Regenten. – Viktor versetzte: "Der Mensch kennt nur zwei nächsten, der Nächste zu seinem Kopf ist sein Herr, der zu seinem fuss sein Sklave – was über beide hinausliegt, ist ihm Gott oder Vieh." –
Was sah Jenner noch mehr? –
Steuerfreie Spitzbuben sah er, die sich an steuerfähigen Armen bereicherten – redliche Advokaten hört' er, die nicht, wie seine Hofleute oder die englischen Räuber, mit einer tugendhaften Maske stahlen, sondern ohne die Maske, und denen eine gewisse Entfernung von Aufklärung und Philosophie und Geschmack nach dem tod gar nicht schädlich sein wird, weil sie dann in ihrer eignen Verteidigung Gott die Einrede ihrer Unwissenheit entgegensetzen und ihm vorhalten können: "dass andere gesetz als landesherrliche und römische sie nicht verbinden können, und Gott sei weder Justinian, noch Kant Tribonian." – Er sah am kopf seiner Landrichter Brotkörbe, und am kopf ihrer Untertanen Maulkörbe hängen; er sah, dass, wenn (nach Howard) zwei Menschen nötig sind, um einen Gefangnen zu ernähren, hier zwanzig Eingekerkerte da sein müssen, damit ein Stadtvogt lebe.
Er sah verdammtes Zeug. dafür sah er aber auch auf der andern Seite in angenehmen Nächten das Vieh in schönen Gruppen in den Feldern weiden, ich meine das republikanische, nämlich Hirsche und Sauen. Der Konsistorialbote Viktor sagte ihm, er habe diesen romantischen Anblick den Jägermeistern zu danken, deren weiches Herz den fürstlichen Befehl des Wildschiessens ebensowenig hätte vollziehen können, wie die ägyptischen Wehmütter den, die Judenknaben totzumachen. Ja der Sportelbote liess sich in einer Kneipschenke gelbe Dinte und schwarzes Papier hingeben und setzte da, während der Schieferdecker auf dem dach trommelte, um Schiefer zugelangt zu bekommen, und die Gäste an die Krüge schlugen, um eingeschenkt zu kriegen, und der Wirtsbube auf einem Bierheber zum Fenster hineintrompetete, unter diesem babylonischen Lärm setzte der Sportulnbote eine der besten Bittschriften auf, welche die edle Jägerschaft noch je an den Fürsten abgelassen.
Schlechte Relation aus der Bittschrift der
Oberjägermeisterei
"