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Moskite, und der Distelsame des schöngefärbten Kummers fliegt weit herum.

Viele Weiber sind da gut und Anhänger des Linnäus, und ihre Augen ordnen die Männer botanisch nach seinem schönen einfachen Sexualsystem; sie machen unter tugendhafter und lasterhafter Liebe einen grossen Unterschied, nämlich den des Grades oder auch der Zeit; und die Beste spricht oft darüber wie die Schlimmste, und die Schlimmste wie die Beste. Indessen gibts hier weibliche Tugend und männliche Treue in ihrer Artaber einem Pfarrer ist davon kein Begriff beizubringen; denn diese zwei Geleen oder Gallerte sind so zart und weich, dass ich sie, wenn ich sie auch von allen Stufen des Trons hinuntertragen wollte in die Kaplanei, doch so verdorben und anbrüchig hinabbrächte, dass man ihnen drunten die zwei entgegengesetzten Namen geben würde, für die wir doch schon unsre besonderen Gegenstände oben haben. Die Bürgerlichen würden unsere bejahrten Männer in der Liebe lächerlich finden, und diese euere Töchter. – Was mir aber dieses glückliche Hofleben oft versalzet, ist der allgemeine Mangel an Verstellung. Denn hier glaubt keiner, was er hört, und denkt keiner, wie er aussieht; alle müssen nach den ordentlichen Spielgesetzen, gleich den Karten, einerlei obere Seite haben und äussere Gesichtstille auf inneres Glühen decken, wie der Blitz nur den Degen, aber nicht die Scheide zerstört. – Folglich kann, da eine allgemeine Verstellung keine ist und da jeder dem andern Gift zutraut, keiner belügen, sondern jeder nur überlisten; nur der Verstand, nicht das Herz wird berückt. Inzwischen ist, die Wahrheit zu sagen, das keine Wahrheit; denn jeder hat zwei Masken, die allgemeine und die persönliche. übrigens werden die Farben, die auf den wissenschaftlichen, feinen und menschenliebenden Anstrich des Äussern verbraucht werden, notwendig vom inneren abgekratzet, aber zum Vorteil, da am inneren nicht viel ist, und das Studium des Scheins verringert das Sein; so sah ich oft im wald Hasen liegen, an denen kein Lot Fleisch war und kein Tropfen Fett, weil alles von dem ungeheuern Haarpelz weggesogen war, der nach dem tod fortgewachsen.

Wenn man den Inhalt des Trons und des platten Pöbel-Landes vergleicht, so scheinet die physikalische und moralische Erhabenheit der Menschen im umgekehrten Verhältnis mit der ihres Bodens zu stehen, so wie die Einwohner der Marschländer grösser sind als der Bergländer. Aber gleichwohl tragen jene erhabnen Leute den Staat leicht auf Schmetterlingflügeln, überschauen sein Räderwerk mit dem hundertäugigen Papillon-Auge und beschirmen mit einem Spazierstöckchen das Volk vor Löwen, oder jagen damit die Löwen in dem Volk, wie in Afrika Hirtenkinder mit einer Peitsche naturhistorische Löwen vom Weidevieh abschrecken... Lieber Herr Hofkaplan! diese Satire schmerzte mich schon auf der vorigen Seite; aber man wird hier boshaft, so wie eitel, ohne zu wissen wann, jenes, weil man zu sehr auf andere, dieses, weil man zu sehr auf sich merken muss. Nein! Ihr Garten, Ihre stube ist schöner; da gibt es keine steinerne Brust, an der man die arme und Adern der Freundschaft kreuzigt wie ein Spaliergewächs; da muss man sich nicht täglich wie ich zweimal rasieren lassen und dreimal frisieren; da darf man doch seinen gewichsten Stiefel anziehen. Schreiben Sie Ihrem Adoptivsohne balddenn ich schlage mir das fest Ihres Besuchs noch ab. – Sind viel Kindtaufen und Leichen? – Was macht der Fuchs und der taube Balgtreter? – Eben wird jetzt der Mörser statt Ihrer RattenTrommel unter mir gerührt. – – Leben Sie wohl.

Und Sie grüss' ich jetzt erst, geliebte Mutter! Meine Hand ist warm, und in meinem Herzen klopfen ein paar Seelen, weil jetzt Ihr Angesicht voll mütterlicher Wärme alle meine satirischen Eisspitzen bescheint und in warmes Blut zerschmelzt, das für Sie schlagen und für Sie fliessen will. Wie tut es so wohl, wieder zu lieben! Ihr zweiter Sohn (Flamin) ist gesund, aber zu fleissig, und gegenwärtig in St. Lüne. Grüssen Sie meine Schwestern und alles, was Sie liebt.

Sebastian."

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Er hob den Brief auf, um den Regierrat, der seine person mit haben wollte, doch mit einer Fracht abzufertigen. Indessen wurden seine und Jenners gemeinschaftliche Besuche mit ihren Teaterknoten zu ganz andern Nervenknoten der Freundschaft zwischen Jenner und ihmund zugleich machten sie den Ruf dieser Freundschaft grösser. In St. Lüne, in Le Bauts haus, wurde dreimal mehr daraus gemacht, als daran warim Pfarrhause neunmal.

Dazu kam eine Kleinigkeit, nämlich eine Schlägereieigentlich zwei. Ich habe den Vorfall vom Spitz, Viktor ihn von Flamin, dieser von Mattieu, in dessen edlem historischen Stil er hier der Nachwelt übergeben werden kann. Der Evangelist schämte sich keines Bürgerlichen, sobald er ihn zum Narren haben konnte. Daher besuchte er den Hofapoteker ohne Bedenken. Diesem, der den Kasernenmedikus Kuhlpepper wegen seiner stolzen Grobheit und wegen der untern Note46 innig hasste, hatte Mattieu längst versprochen, den Doktor zu stürzen. Da der letzte und das Podagra durch Viktor wirklich von Jenners Füssen vertrieben waren: so liess der Evangelist dem Apoteker merken, er selber würde ohne dessen Wink und Wünsche weit weniger zum Falle Kuhlpeppers beigetragen haben, als er getan. Zeuselzumal da er den Nachfahrer des Kasernenmedikus im haus hattekam nach einigen Tagen mit der gewissen Überzeugung aufs Billard, dass er aus seiner Apoteke heraus Kuhlpeppern das unsichtbare Bein untergestellet und ihn von den Tronstufen herabgeworfen. Dort war zum Unglück der Kasernenmedikus selber und der edle Matz