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konnte, vom Stangengebiss des Spieles los. Die Fürstin band sie dasmal ab, die wegen ihrer kranken Augen diese Nachtarbeit der Grossen aussetzte. Joachime war keine Klotilde, aber sie hatte doch zwei Augen wie zwei Rosensteine geschliffenzwei Lippen wie gemaltzwei hände wie gegossenund überhaupt alle Glieder-Doubletten recht hübsch.... Und damit hält ein Hofarzt schon Haus; wenn auch die einfachen Exemplare (Herz, Kopf, Nase, Stirn) keiner Klotilde zugehören. Da er nun unter dem grossen Himmel seinen Mut und auf dem Balkon, der für ihn allemal ein Sprachzimmer war, seine Zunge wiederbekamda Joachimens Ton ihn wieder in seinen zurückstimmteda sie das Schweigen der Briten antastete und er die Ausnahmen verteidigteda er jetzt am Faden der Rede sich wie eine Spinne hinauf- und hinablassen konnte und nicht mehr zu stören war durch die Fürstin, die nachgekommen war, um die entzündeten Augen in der Nacht abzukühlenund da man nur dann klagt, Langweile zu empfinden, wenn man bloss selber eine machtund da ich alles dieses hersetze, so tu' ich (glaube' ich) einem Rezensenten genug, der hinter dem Kutschkasten des Fürsten steht und nachsinnt und wissen will, woran er sich (ausser den Lakaienriemen) zu halten habe, wenn unter ihm Viktor im Wagen während des Heimfahrens des Ministers Haus nicht zum Teufel wünscht, sondern zufriedner denkt: meinetwegen! –

Dem Fürsten schlug der Umgang Viktors so gut zu, dass er sich vorstellte, er könne ihn so wenig wie ein Stiftfräulein das Ordenzeichen ausser haus vom leib tun. Er stürzte allezeit den Ordenkelch und Willkommen des warmen Sprudels einer neuen Freundschaft so unmässig hinein wie ein Gast in Karlsbad den seinen. Wenn er Langweile hatte, wurde der Medikus ersucht, zu kommen, damit sie wiche; wenn er inneren jubel spürte, wurde jener wieder angefleht, zu erscheinen, damit er den jubel mitgenösse. Nur die Zeit, wo Jenner weder Langeweile noch das Gegenteil empfand, blieb seinem Freunde ganz zu freier Verwendung. Viktor hatte vorher geschworen, leicht abzuschlagen, und auf die Leute losgezogen, die bewilligten; jetzt sagt' er aber: "Der Teufel sage Nein! Es komm' nur ein Mensch erst in die Lage!"- – Und so musste der arme Viktor lauter leere Kreise voll Schwindel im Hof-Zirkel des Trones beschreiben, unter Menschen, für deren Ton er leichter ein Ohr als eine Zunge hatte, und die er erraten und doch nicht gewinnen konnte.

Ein Jüngling, in dessen Brust die Nachtstücke von Maiental und St. Lüne hängenoder einer, der aus einem Baddörfchen anlangtoder einer, der vorhat sich zu verliebenoder einer, der in grossen Städten oder in ihren grossen Zirkeln ein müssiger Zuschauer sein muss, jeder von diesen ist schon für sich auch ein missvergnügter darin und stösset in seine kritische Pfeife so lange gegen die spielende Gesellschaft, bis sie ihn selberanwirbt. Kommen aber alle diese Ursachen gar in einem einzigen Menschen zusammen: so weiss er gegen seine Gallenblase keinen Rat und keinen Gallengang, als dass er feines Papier nimmt und an die Eimannischen in St. Lüne einen verdammt spöttischen Brief über das Gesehene ablässt.

Mein Held liess folgenden an den Pfarrer ab:

"Mein lieber Herr Adoptiv-Vater!

Ich hatte bisher nicht so viel Zeit übrig, um die Augen aufzuheben und zu sehen, was wir für einen Mond haben. Wahrhaftig, einem hof fehlts zur Tugend schonan Zeit. Der Fürst führt mich überall wie ein Riechfläschchen bei sich und zeigt seinen närrischen Doktor vor. Mich werden sie bald nicht ausstehen können, nicht weil ich etwa etwas taugeich bin vielmehr fest versichert, sie ertrügen den tugendhaftesten Mann von der Welt ebensogut wie den schlimmsten, und das bloss, weil er ein Anglizismus, ein homme de Fantaisie, ein Naturspiel wäre –, sondern weil ich nicht genug rede. Geschäftleute bekümmern sich um keinen Gespräch- und keinen Briefstil; aber bei Hofleuten ist die Zunge die Pulsader ihres welken Lebens, die Spiral- und Schwungfeder ihrer Seelen; alle sind geborne Kunstrichter, die auf nichts als Wendung, Ausdruck, Feuer und Sprache sehen. Das macht, sie haben nichts zu tun; ihre gute Werke sind Bonmots, ihre Messgeschäfte Besuchkarten, ihre Hauswirtschaft eine Spiel- und ihre Feldwirtschaft eine Jagdpartie, und der kleine Dienst eine Physiognomie. Daher müssen sie fremde Fehler den ganzen Tag in Ohren haben gegen die schlaffe Weile, wie die Ärzte die Krätze einimpfen gegen Dummheit: ein Hofstaat ist das ordentliche Pennypostamt der kleinsten Neuigkeiten, sogar von euch Bürgerlichen, wenn ihr gerade etwas rechtLächerliches getan habt. Zu wünschen wäre, wir hätten Festins, oder Spielpartien, oder Komödien, oder Assembleen, oder Soupers, oder etwas Gutes zu essen, oder irgendeine Lustbarkeit; aber daran ist nicht zu denkenwir haben zwar alle diese Dinge, aber nur die Namen davon; der Kammerpräsident würde die Achsel zucken, wenn wir nur des Jahrs viermal so glänzend fröhlich sein wollten, als Sie es des Monats viermal sind. Da unsere Woche aus sieben Sonntagen besteht: so sind unsere Lustbarkeiten nur Kalenderzeichen, Zeit Abschnitte, auf die niemand achtet, und ein Festin ist nichts als ein Spielraum der Plane, die jeder hat, das Brettergerüst seiner Hauptrolle und die Jahrzeit der fortgesetzten Intrige gegen Opfer der Liebe oder des Ehrgeizes. Hier ist jede Minute eine stechende