mein schwermütiges Auge mit dahinfliegenden Dunstströmen, mit irrenden zitternden Duftstäubchen umzingelt: so erblick' ich trübe in dem Dunst das Menschenleben abgefärbt, mit seinen zwei grossen Wolken an unserm Auf- und Untergange, mit seinem scheinbar lichten raum um uns, mit seiner blauen Mündung über uns....
Der Doktor kann auch so gedacht haben, aber nicht Vater und Sohn, die ihm entgegengehen. Flamin wird stärker von der entfernten als nahen natur, mehr von der grossen als kleinen gerührt, so wie er mehr für den Staat als die Wohnstube Gefühl hat, und sein innerer Mensch windet sich am liebsten an Pyramiden empor, an Gewittern, an Alpen. Der Kaplan geniesset bei der ganzen Sache nichts als – Maibutter, und aus seinem mund geht bei so vielem moralischen Apparate nichts als – Speichel, beides, weil er befährt, der Dampf fress' ihn an und zerbeisse seinen Schlund und Magen.
Als sie vom Hügel des nächtlichen Galopps in ein mit Nebeldampf verschüttetes Tal einschritten, zogen ihnen daraus drei Garnisonregimenter im Doppelschritt entgegen. Jedes Regiment war vier Mann stark und ebenso hoch- ohne Pulver und Schuhe – aber versehen mit fein durchbrochnen Schenkel-Manschetten, nämlich mit porösen Hosen, und überflüssigen Offizieren, weil keine Gemeine dabei waren. Da ich jetzt in meiner Beschreibung gar dazu setze, dass beide Stäbe, sowohl der Regiment- als der Generalstab, über 600 Kanonen in der tasche hatten und überhaupt einen ganzen Artillerie-Zug, und dass die Prima Plana ganz neue, im Kriege ungewöhnliche gelbe Kugeln, die eher aufkeimten als das von Wilden gesäete Schiesspulver, mit der Zunge in die Flinten steckte: so würde' ich (ich befürchte das) die Leser, zumal die Leserinnen – um so mehr, da ichs noch nicht erraten lasse, warens Soldaten-Eltern oder Soldaten-Jungen – ein wenig zu ängstlich machen, wenn ich gar eintunken und vollends den verdriesslichen Umstand, dass die Truppen auf den benebelten Hofkaplan Feuer zu geben anfingen, hinzu erzählen wollte, ohne spornstreichs schon vorher mit der Nachricht vorzusprengen, dass hinter der Armee eine Mannstimme rief: Halt!
Herausfuhr aus dem letzten Treffen der Generalfeldmarschall, der gerade noch einmal so lang war als sein Stückleutnant – mit rundem Hut, mit fliegenden Armen und Haaren stürzt' er sich wütend auf Flamin zu und erpackte ihn, um ihn umzubringen – aus Hass weniger als aus Liebe – der Doktor war es – die beiden Freunde lagen zitternd ineinander, Gesicht in Gesicht gehüllt, Brust von Brust zurückgedrückt, mit Seelen ohne Freudenworte, aber nicht ohne Freudentränen – die erste Umarmung endigte sich mit einer zweiten – die ersten Laute waren ihre zwei Namen....
Der Kaplan privatisierte neben der Armee und stand verdriesslich auf seinem Isolierschemel mit dem leeren Halse, um den nichts fiel. "Umhalset euch nur noch einen Augenblick" – sagte er und wandte sich halb um – "ich muss mich nur dort ein bisschen an die Haselstaude stellen, will aber gleich wieder da sein und auch auf meiner Seite den Herrn Doktor mit tausend Freuden umarmen." – Aber Horion verstand den Unwillen der Liebe, er flog aus des Sohnes Armen in die des Vaters und verweilte lange darin und machte alles wieder gut.
Mit befriedigter Liebe, mit tanzenden Herzen, mit schwelgenden Augen, unter dem aufgeblühten Himmel und über den Schmuck der Erde – denn der Frühling hatte sein Schmuckkästchen aufgeschlossen und blühende Juwelen in alle Täler und auf alle Hügel und bis weit an die Berge geworfen – wandelten beide selig dahin, und die britische Hand presste die deutsche. Sebastian Horion konnte nichts sagen zu Flamin, aber er sprach mit dem Vater, und jeder gleichgültige laut machte den mit Blut und Liebe überhäuften Busen freier.
Die drei Regimenter hatte jeder aus dem kopf verloren; aber sie waren selber dem Generalfeldmarschall gehorsam nachmarschiert. Sebastian, zu menschenfreundlich, um jemand zu vergessen, drehte sich gegen den Nachtrab von kleinen Ohnehosen herum, die nicht aus Paris, sondern aus Flachsenfingen waren und als bettelnde Soldatenkinder ihn begleitet hatten: "Meine Kinder," (sagt' er und sah nichts an als sein stehendes Heer) "heute ist für euren Generalissimus und euch der merkwürdige Tag, wo er drei Dinge tut – Ich dank' euch erstlich ab, aber meine Reduktion soll euch so wenig wie eine fürstliche hindern, zu betteln – zweitens bezahl' ich euch den rückständigen Sold von drei Jahren, nämlich jedem Offizier das Traktement von zwei Siebzehnern, weil man jetzt die Gage erhöhet hat- drittens lauft morgen wieder her, ich lasse den sämtlichen Regimentern Hosen anmessen."
Er kehrte sich gegen den Kaplan und sagte: "Man sollte lieber Sachen verschenken als Geld, denn die Dankbarkeit für dieses wird zugleich mit diesem ausgegeben, aber in einem Paar verehrten Hosen hält der Dank so lang wie sein Überzug selber."
Das Schlimme dabei wird nur sein, dass der flachsenfingische Fürst und sein Kriegkollegium sich zuletzt in die Hosen mengen, da beide unmöglich verstatten können, dass regelmässige Truppen mehr auf als in dem leib haben, nämlich etwas. In unsern Tagen sollt' es endlich dem dümmsten Montierungund Proviantkommissar einleuchten – aber in der Tat gibt es kluge –, 1) dass unter zwei Soldaten der hungrige stets dem satten vorzuziehen sei, weil schon von ganzen Völkern bekannt ist, dass sie desto tapferer sind, je weniger sie haben – 2) dass, so wie in Blotzheim4 unter zwei gleich tugendhaften Jünglingen der ärmere gekrönt wird, ebenso