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Pflegmutter abzunehmen; keinem fiel ein ungeziemender Scherz ein, sie schienen ihre ganze achtung für Verrier, den braven Soldaten, auf Sara, das unglückliche Weib, übergetragen zu haben. Diese ging matt, als wäre mit der Entdekung ihres Geschlechts dessen ganze Schwäche zurückgekehrt, neben ihrem Bruder; und mit Bliken und Minen, die wohl bezeugten, dass er sich vom Leben hienieden schon losgerissen hatte, winkte ihr Teodor Mut und Liebe zu. Wenn von Zeit zu Zeit der Zug anhielt, nahte sie sich ihm, und küsste das Ende der Strike, die ihn mit seinen Unglücksgefährten zusammenfesselten. Als sie gegen Mittag ankamen, war ihnen ihr nächtliches Abenteuer, auf hunderderterlei Art erzählt, schon vorausgeflogen; Sara verlor keine Zeit, um sich einen weiblichen Anzug zu verschaffen, und in diesem, ihren Pflegsohn auf dem Arm, begab sie sich sogleich zu ihrem General. Sie gab ihm mit bescheidnem Wesen, und einem Erröten, das auf ihren durch den Kriegsdienst verhärteten Zügen den vollen Ausdruk der Weiblichkeit wiederherstellte, Rechenschaft von den Gründen, die sie bewogen hatten, die neueren Dekrete zu umgehen, durch welche ihr Geschlecht von der unnatürlichen Laufbahn des krieges ausgeschlossen war; sie gab ihm Rechenschaft von ihrer hülflosen Lage, von ihrer Verzweiflung über Bertiers Tod, als sie diesen Entschluss ergriff; sie nannte ihm die Gefechte, an denen sie, seit ihrer Aufnahme unter den Truppen, teilgenommen hatte, und forderte dann mit edelm Stolz das zeugnis ihrer Waffenbrüder auf, ob sie nicht stets als ihr Kamerad, ohne einen Schatten von Verdacht auf ihr Geschlecht, von ihnen geliebt und geehrt worden wäre? Einstimmig lautete dieses zeugnis, und das reinste herzlichste Lob aus dem mund aller. Der junge Mensch, der neben ihr im Hospital gelegen, den sie gepflegt und nie verlassen hatte, sezte unter hervorstürzenden Tränen hinzu: nur der kleinste teil von uns ist übrig geblieben, seitdem sie uns anführt, die meisten liegen im feld verscharrt; aber ich war immer an ihrer Seite, ich sah sie mit dem tod kämpfen, und weder Mut noch Ehrbarkeit verliessen sie jeder General gab ihr einen rühmlichen Abschied; doch ehe sie ging, sagte sie noch mit erstikter stimme, und die Hand auf ihr bebendes Herz gelegt: Ich höre, dass mein Bruder morgen früh zum tod geführt wirdob ich einen Versuch machte, den Rebellen zu retten, werden diese redlichen Bürger mir bezeugen! Vergönne mir, den sterbenden Bruder zu trösten! – Es ward ihr bewilligt.

Teodor und Sara brachten die ganze Nacht mit einander zu. Der Inhalt ihres Gesprächs ist leicht zu erraten. Wenn ein verunglückter Reisender mit seinem weib, seinen Kindern, mit allem, was ihm teuer ist, an eine wüste, unwirtbare Küste geworfen würde, wenn er, die ersten Tage noch von hoffnung belebt, die Geliebten in das wilde Land hineinführte, dann sie mit Bedürfnissen umringt sähe, und umsonst nach hülfe umher irrte, so würde bei dem ersten Gegenstand seiner sorge, der dem Verhängniss unterläge, sein ganzes Wesen sich empörendoch bei dem zweiten wafnet er sich mit fürchterlichem Mute, und jetzt verliert er sie nach und nach alle, durch den grausamen Hunger, oder zerrissen von wilden Tieren, oder verglühend von der Schlangen giftigem Bissda blikt er auf die übrigen, schaudert nur vor der Dauer des Kampfes zwischen ihrem Leben und dem unvermeidlichen Todendlich sizt er neben dem lezten Sterbenden, müde harrend, wie eine Mutter auf den Schlaf ihres Säuglings, um selbst zur Ruhe zu gehen! So vergingen erst seine Hofnungen, dann seine Wünsche, dann auch sein Groll gegen das UnglückEr lauscht auf den nahen Tod, wie er den lezten Geliebten aus seinen Armen windetjetzt ist auch dieser dahin, und auf seinem Grabhügel schlummert er den ersten Schlaf. Einem solchen Schlaf entgegen sehend, erzählte Sara ihrem Bruder, oder hörte abgebrochen die Hauptzüge seiner geschichte, von seiner Flucht bis zu diesem schröklichen Wiedersehen. Es war ein Gewebe von Irrtum und Schwärmerei, die, von Bosheit und Eigennuz gemisbraucht, den edlen Jüngling zu einem Pfade hinrissen, wo er, von seinem reinen Selbstgefühl verlassen, den Mut verlor, seiner Eitelkeit zum Troz, zur Wahrheit zurückzukehren. Sein Vater hatte ihn um eines Weibes willen verstossen, die seinem Herzen wie seinem geist ewig fremd blieb; und kaum hatte er ihr seine Freiheit geopfert, so suchte sie in einer fernen Hauptstadt des Auslandes ungestörte Befriedigungen ihres Leichtsinns und ihres Stolzes. ungefähr zu eben der Zeit, wie Sara nach Paris kam, kehrte er in sein beleidigtes Vaterland zurück. Hier arbeitete er, durch Verrat und Intrigue an seine Partei gefesselt, gleich einem nächtlichen Räuber, auf dunkeln und verborgnen Wegen für Menschen, die er endlich verachten gelernt hatte, für eine Sache, deren Güte ihm täglich zweifelhafter wurde. Seine Liebe für Sara war indessen nicht mit seinen übrigen Tugenden ein Raub des Parteigeists geworden, und er hörte auf seine Erkundigungen mit unaussprechlichem Schmerz den Ruin seines Vaters, seinen Tod, und Sara's schicksal, das er nach verfälschten Gerüchten als ganz schimpflich kennen lernte, indem sie aus dem Haus ihres Beschüzers, des ehrwürdigen Bertier, entwichen sein sollte, um Rogern zu folgen. Von L***'s Einfluss auf das Unglück seiner Familie hatte er keine Ahnung; und als die Geschäfte ihrer Partei sie zusammenbrachten, erlag auch Teodor dem Zauber dieses Mannes, dessen unbegreiflicher Geist in seinen Planen mit dem Bruder vielleicht einen Ersaz für seinen