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fröhlich genehmigt, und Sara brach mit einem sonderbaren heitern Mut, und zugleich mit einem unerklärlichen Schauder, dahin auf. Wenigstens wusste sie, dass mit ihren heutigen gefährten Rache und Mutwillen gegen den wehrlosen Feind das Unternehmen nicht befleken würde. Sie lagerten sich ihrer zwanzig, einige Stunden nach Sonnenuntergang, in einem Gemäuer am Eingang des ersten Vorhofs, dessen Torgewölbe so verschüttet war, dass man nicht anders als von der entgegengesezten Seite, oder über eine der Breschen, in das Innere des Schlosses dringen konnte. Dieser Ort mochte ehemals die wohnung des Torwärters gewesen sein, und er war von allen Gebäuden des Schlosses noch der unversehrteste. Hier hatten sie über die Schuttaufen hin die Aussicht auf den Turm, wo der fabelhafte Stein lag, und näher vor sich auf den Eingang eines Gewölbes, in dessen Tiefe ein verfallner Brunnen war, der am Fuss des Felsen in das Tal floss. Verriers Begleiterso wenig eine so grosse Anzahl Menschen durch feinere Gefühle ganz zusammenhängen konntenhatten doch schon alle das Glück des Wohltuns, und den Stolz der Tapferkeit geschmekt, sie hatten zusammen dem tod getrozt und das Leben von Unschuldigen gerettet, in beiden Fällen ihren braven Kapitain an ihrer Spize: sie hatten also einen menschlicheren, aber auch strengeren Begrif von ihrer Pflicht als Krieger und Patrioten. Selten war ihnen eine so stille Nachtwache geworden wie die heutige, und wohl niemals hatten die Umstände sie so feierlich gestimmt. Es war eine wunderbar milde Nacht für die Jahrszeit; mit Sternen übersäet, flimmerte der Himmel durch einen leichten Nebelflor; die Luft wehte stossweise, als bemühte sie sich umsonst, den verhüllenden Schleier durchzureissen. Tiefes ödes Schweigen umgab die treuen Kriegsgefährten, sie hörten jedes Gewürm in dem Gemäuer neben ihnen, sie vernahmen das Rollen jedes Steines, der vom Regen losgeweicht bei den leichten Windstössen von den morschen massen herabbrach. Sara stand am Eingang des Gebäudes, ihr blick irrte unablässig auf dem öden Schauplaz umher, und ruhte nur von Zeit zu Zeit auf der Gegend des Turms, bei'm Opferaltar ihrer ehemaligen Feinde. Immer weicher und sanfter ward ihr Herz, die lezten Spuren von Bitterkeit schienen sich an dieser Stätte zu verlieren; sie fühlte sich nur in dem allgemeinen Strudel der menschlichen Schiksale mit fortgerissen, und hätte sie so bei dem blutigen Felsstük gestanden, sie hätte mit der Versöhnung Tränen ihn rein gewaschen! –

Mitternacht mochte sich jetzt nahen. Zwar verkündete sie keine Gloke aus den verwüsteten Dörfern rings umher, diese verstummten längst; statt dem Landmann ihr stündliches: Gedenke an den Tod zuzurufen, schleuderten sie jetzt, in Kanonen und Mörser umgestaltet, Vernichtung in seine friedliche Hütteaber einzelner Hahnenruf tönte durch die Stille, und heller flimmerten die Sterne in ihrer nächtlichen Höhe. jetzt hörte Sara zu ihrer Linken ein dumpfes Geräusch, wie aus der Tiefe des Brunnenkellers. Sie zog leise einen ihrer gefährten zu sich, um mit ihm zu lauschen. Bald sahen sie aus dem Bergschlund eine Gestalt in Eremitenkleidung hervorschleichen, eine schwere Last auf dem haupt, die sie tief keuchend zu tragen schien. Ein Schauder überlief alle, ihr Anführer nahm die Stellung eines Menschen, der einen Angrif erwartet; mechanisch wollte ihre physische Kraft ihr aushelfen, da ihr Geist erstarrte. Die Erscheinung wandelte über den Hof, schien über dem Schutt zu schweben, und schon glaubten sie die Zuschauer verschwunden, als sie im andern inneren Hof wieder hervortrat, und gegen den Stein wankte. Hier hob sie ihre Last vom haupt, und verbarg sich einen augenblick im inneren des Turms. Bald kam sie wieder heraus, und bükte sich neben dem Felsstük, wo in dem augenblick ein blutig feuriger Schein aufstieg, der, in einen schwarzen Rauch aufgelöst, die Gegenstände mit Nebel umzog. Dortin! flüsterten die Krieger sich jetzt leise zu, und schlugen Feuer, um Fakeln, die sie mitgebracht hatten, anzuzünden. Sara wies ihnen ihre Posten an, und rief ihnen feierlich zu: Tod den Verrätern, und Schuz den Hülflosen! – Schuz den Hülflosen, antworteten alle, und unerbittliche Strenge den Rebellen! – Sie folgten ihrem Kapitain, der einige von ihnen am Eingang des Brunnenlochs stellte, und die andern um eine enge Höle, die sie jetzt, nachdem der rote Schein vor dem Fakellicht erloschen war, an der Stelle des Steins entdekten. Sara stieg durch die Oefnung hinab, die sich bald erweiterte, und sie fand sich in einem Gewölbe, das von einer Lampe erhellt war, und worinn eine Menge Waffen aufgehäuft lagen. Hier sammelten sich sechs von ihren Begleitern; allein indem sie sich nach einem weiteren Ausgang umsahen, hörten sie zuerst ein Gemurmel, dann ein durchdringendes Geschrei, worauf plözlich hinter den Waffenhaufen einige Menschen hervordrangen, die mit verzweifelter Wut auf sie stürzten. Sie fochten wie Geister; ohne einen laut von sich zu geben, hieben sie vor sich zu: (Schiessgewehr schienen sie nicht zu haben, und in dem Handgemenge, zu welchem der enge Raum zwang, ward es auch Verriers Haufen unnüz) – eben so stumm empfiengen sie ihre Wunden, und stürzten zu Boden. Doch aus dem inneren des Gewölbes tönte Jammergeheul, Gewinsel, und wenn ein augenblick von Stille dazwischenkam, konnte man die klagende stimme eines Kindes unterscheiden, die aber jedesmal von lauterem Geheul bedekt wurde, so oft neue Gespenster aus dem Dunkel hervortraten, die Gefallnen zu ersezen. Sara und ihre gefährten hatten bei dem sonst so unverhältnissmässigen Kampf diesen Vorteil, dass sie mit dem Gesicht gegen die