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und übergaben sie in dieser oder jener kleinen Stadt den mitleidigen Bürgern, die sie mit reiner Menschlichkeit aufnahmen, pflegten, verbargen, keinen Verrat von Geschöpfen befürchtend, an welchen sie Bruderpflichten erfüllten. Wenn die Unglücklichen, mit Speise erquikt, ihre Retter segneten, wenn die zitternden Mädchen ihren Dank auf den Händen der gerührten Krieger weinten, wenn die hülflosen Kinder, in Sara's Mantel gehüllt, an ihrem, unter der Verkleidung, von mütterlichen Erinnerungen klopfenden Busen erwärmt, ihre kleinen arme um ihren Hals schlugen, und bis ein schüzendes Dach erreicht war, oft an ihrer Schulter einschliefenda konnte Sara wohl zu Augenbliken ihres Schiksals vergessen, oder mit feierlicher Rührung in den Wegen selbst, die es sie zu diesem Genuss geführt hatte, einen wunderbaren und hohen Sinn ahnen. Der schöne Bund blieb unentdekt, der wohltätige Ungehorsam ungestraftBosheit entgeht dem Verrat nicht, Mitschuldige selbst werden Verräter; aber selbst der Bösewicht verrät die Tugend selten, wenn sie nur seinen Vorteil nicht schmälert.

Sara's militairische Bestimmung führte sie auf einige Zeit nach Nantes. Im Mittelpunkt dieser grossen, jetzt von den Feinden nicht mehr beunruhigten Stadt, gingen damals Greuel vor, die ihr, welche seit Monaten in den blutigsten Scenen des Bürgerkriegs lebte, bisher unbekannt gewesen waren. Sie sah mit ihren tapfern gefährten einige von den unmenschlichen Gerichten, an denen ein grosser teil von Europa vielleicht noch zweifeln würde, wenn nicht seitdem die Revolution selbst diese Untaten vor ihr Tribunal gezogen hätte. Während ihres Aufentalts in Nantes erhielt man die Nachricht, dass in der Gegend von C** sich wieder einzelne Rotten von Rebellen sehen liessen, denen verschiedne zerstörte Schlösser, und unter andern auch dieses Stammschloss ihres berühmten Anführers, zum Schlupfwinkel dienten. Eine Anzahl Truppen, wozu auch Verriers Haufen gehörte, wurde beordnet über die Loire zu gehen, um die disseits befindlichen Kriegsvölker zu verstärken. Die armen Menschen, welche durch die unerbittliche Grausamkeit ihrer Gegner und ihr rettungsloses Elend jetzt mehr wie durch die anhänglichkeit an ihre Partei, bei dem Aufruhr erhalten wurden, waren in der unwirtbaren Jahrszeit bald bezwungen und aufgetrieben. Nur C** blieb übrig, das man in der ganzen Gegend noch immer für einen Sammelplaz der Rebellen hielt; unter Menschen, denen das Abenteuerlichste immer das Glaublichste war, trug man sich noch mit manchen Sagen, die mehr oder weniger mit den schauderhaften Mährchen zusammenstimmten, welche Sara vor einigen Monaten in Saumür gehört hatte. Die Nähe dieser Ruinen hatte für Sara etwas ahnungsvolles, dem sie mit Wohlgefallen nachhiengals ihr Glaube an Glück und Menschheit noch blühte, waren diese schwarzen Steinhaufen das unbekannte Eden, in welches ihre Träume sie zu versezen pflegten; dort als L***'s Gattin zu leben, dort sein Kind zu erziehen, diese Ueberbleibsel alter Tugenden und Vorurteile mit den sanften Farben der Freiheit, der Gleichheit, und der allgemeinen Glückseligkeit zu verjüngen, war damals so oft die frohe Aussicht ihres liebevollen Herzens. jetzt keimten Moose aus den umgestürzten Trümmern, und Geister der Erschlagenen waren ihre einzigen Bewohner! Sara's schicksal, das sie mit unbarmherzigem gleichem Schritt der Erfüllung zuführte, liess den Auftrag, diese verdächtigen Ruinen zu untersuchen, auf sie fallen; ein kleiner Haufen wurde mit ihr beordnet und zog nach dem Schloss, dessen weitläuftiger Bezirk auf jeder zugänglichen Stelle, jedoch ohne allen Erfolg, durchstrichen wurde. Man fand in keinem der noch vorhandnen Gemächer, in keinem der vielen Gewölbe, die mindeste Spur irgend eines lebendigen Wesensnichts als ausgebrannte Mauern über der Erde, Moder und Verwesung und verschüttete Leichname unter derselben. Sara schritt bei dieser Nachforschung vor den andern her, selbst einer der nächtlichen Erscheinungen gleichend, von welchen die sie begleitenden Landleute ohne Unterlass erzählten. In einem der Höfe, am Eingang eines verfallenen Turms, der dicht am Abhang eines Felsen gebaut war, führten sie die Bauern vor einen grossen Stein, der vom Gesimse der Warte herabgefallen schienhier, sagten sie, erschlug man seine Gattin und sein Kind; und nun erfolgte fast die nämliche Litanei von Zeichen und Wundern, mit welcher ihre frommen Wirtsleute in Saumür sie unterhalten hatten. Hier war es, wo jede Mitternacht die feurige Kugel niedersank, und mit einem dumpfen Donner zerfloss; dieser Stein war es, wo die Quelle entspringen, wo jede Nacht der Eremit Messe lesen sollte. Unwillkührliches Entsezen ergrif Sara an dieser Stelle; aber halb aus Wohlgefallen an den schreklichen Bildern, die hier sie umgaben, halb weil es ihre Pflicht war, jede Vorsicht zu gebrauchen, beschloss sie, einige Nächte mit den Ihrigen in diesen Ruinen zu wachen. Ihre ungeduldigen Landsleute bequemten sich ziemlich ungern, die harten Winternächte in diesen unwirtbaren Trümmern zuzubringen; und wie die ersten vier und zwanzig Stunden verstrichen waren, ohne dass man das mindeste wahrnahm, lagen sie ihrem Kapitain an, sie nach dem nächsten Fleken zurückgehen zu lassen. Selbst von der Unnötigkeit eines längern Aufentalts überzeugt, gab Sara ihre Einwilligung. War es aber eine dunkle Ahnung, dass ihr Geschäft hier doch noch nicht vollbracht sein möchte, oder war es Liebe zum Wunderbaren, die in uns wächst, je mehr unser Weg von der gewöhnliche Bahn abweicht, oder hieng sie bloss jener bei unwiderruflich Unglücklichen so natürlichen Freude an Gräbern und Gegenständen des Jammers nachgenug sie tat einigen von den jüngern Männern, die auf ihren menschlichen Zügen in die Wälder disseits der Loire ihre Begleiter gewesen waren, den Vorschlag, noch eine Nacht mit ihr auf dem schloss zu wachen; er wurde