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, und ehrerbietig fragte: Bürger betraten wir nicht vor drei Monaten zusammen diese rühmliche, gefährliche Laufbahn? – Sara erkannte ihre treue Babet; mit der freudigsten Bewegung, die sie seit dem lezten Röcheln ihres Kindes gefühlt hatte, reichte sie ihr die Hand, und ging mit ihr in die Verschanzung, wohin ihnen Matieu, der neben Babet gesessen hatte, sogleich folgte. Sara hatte nichts zu sprechen; Babets herzliche Freude, ihres Mannes redlichen Glückwunsch über ihren ehrenvollen Dienst erwiderte sie bloss mit der Frage: liebt Ihr euch noch? – Die beiden drükten sich die händeWenn man so oft in Gefahr ist, mit einander zu sterben! rief MatieuWenn er so oft sich vor mich stellt, den Tod statt meiner zu empfangen! sagte BabetSara seufzte tief; sie wurden gestörtauf Morgen! sagte Sara, und gab Babet ihre Hand. – Morgen Abend sage ich dir noch einmal was du jetzt hörtest, oder unser Tod hat es dir wiederholt! antwortete Babet, und umschlang ihren Geliebten. –

Kalt und stürmisch brach nun der Morgen an. Die Truppen versammelten sich, und erhielten das Zeichen zum Angrif des feindlichen Tages. Der gestrige Schwur schien von dem ganzen Heer abgelegt, mit einer so hartnäkigen Tapferkeit trozte man der unerhörten Gegenwehr des Feindes! Sara's kleiner Haufen stampfte den Boden, denn sie standen weit hinter dem ersten Angrif zurück; und nur der furchtlose Tod der vorderen Reihen tröstete sie mit der hoffnung, dass es auch für sie noch siegen oder sterben! gelten würde. Durch den Rauch unterschied Sara in einer kleinen Entfernung Matieu und Babet, die ihrem blick begegnete, und ihr freundlich zunikten. jetzt erhielten sie den Befehl vorzurüken, Sara sah die Beiden, auge an Auge hangend, den ersten Schrit tun, im nächsten augenblick riss eine Kugel sie beide niederBabet wankte, Matieu umschlang sie, sie stürzten, die Reihe schloss sich, und schritt über sie fort, dem gleichen schicksal entgegen.

Auch noch diese! tönte es schmerzlich in Sara's Brust; und sie führte nun die Ihrigen vorwärts, und es war ihr, als habe nun ihre Stunde geschlagen: Tod drohte ihr von allen Seiten, Tod verbreitete sie nach allen Seiten. Bald waren die Vorteile der neueren Kriegskunst hier unnüz, Mann gegen Mann focht auf Leben und Tod den schreklichen Kampf aus. Plözlich erblikte Sara das grosse weisse Panier nahe vor sich, und durch den dünner werdenden Haufen der Feinde ein schwarzes Gerüst mit wallenden Flörendie Märtirerkrone zu den Füssen des Gekreuzigten auf dem hohen Sarg! Sie tat einen lauten Schrei; eine Reihe von Leiden verschwand aus ihrem Gedächtniss; Sieg oder Tod! rief begeistert das unglückliche Weib, und stürzte fort, den Leichnam des Geliebten zu erobern. Sieg oder Tod! übertäubte es das Geheul des Schmerzes und der Wutund den Sarg umwehten dreifarbige Fahnen, und Sara hielt betäubt das herabgerissene weisse Panier.

Die Rebellen, mit ihrem Heiligtum aller ihrer Kraft beraubt, flohen von allen Seiten, und mit unaussprechlichem Schmerz belastet, folgte Sara dem Triumphzug ihrer Siegsgefährten, finster lächelnd, dass sie noch hätte zweifeln können, ob ihr widersinniges schicksal sie zwingen würde, seiner Leiche zu folgen. Den folgenden Tag wurde der Sarg, mit vielen erbeuteten Fahnen, Reliquien, Heiligenbildern, auf dem behaupteten Schlachtfeld verbrannt. Der tapfre Haufe, dem man den Sieg verdankte, schloss den nächsten Kreis um den Holzstoss, und Sara's zitternde stimme erstarb in dem rauschenden Hymnus der Menge, da sie die lezten Ueberreste dessen der ihr alles gewesen war, der sie dem Glück und der Menschheit entrissen hatte, in rötlichen Flammen emporlodern sah. – Nun lernte sie sich nach und nach wie einen abgeschiednen Geist betrachten, den ein wunderbarer Götterspruch verurteilte, auf dieser Erde die Schuld seiner Menschheit zu büssen. Hätte sie noch ein Glück zu verlieren gehabt, so würde sie es lächelnd hingegeben haben; denn sie fand den Schmerz ihres Herzens nun so kindisch! Es war ja zum Schmerz geschaffen! – Diesen Ideengang hätte sie schwerlich ohne einen Rükfall in ihren Wahnsinn ertragen, wenn nicht alle Umstände, die sie umgaben, sie so völlig aus ihrer ursprünglichen Bestimmung gerissen hätten. Nun ging sie jeden Tag mit einer Art von Neugierde Scenen des Elends entgegen, und im Elend fand die arme eine geheime Labung für ihr Herz. Sie hatte den Abscheulichkeiten, die man verübte, wie dem Spiel höherer Wesen mit dem verirrten Geschlechte der Menschen zugesehen. Sie hatte geschlachtet, wie ihre blutbelasteten gefährten, wo ein unumgänglicher Befehl sprach, ihr empörtes Herz bitter verhöhnend, und sich als willenloses, blindes Werkzeug betrachtend; sie hatte gerettet, so oft ihr gegen den unbewehrten flehenden Feind freie Hand gelassen war. Man gönnte jetzt den Truppen, welche die meisten Mühseligkeiten bestanden hatten, so weit es die Umstände gestatteten, einige Ruhe, indem man sie vom Mittelpunkt des krieges hinweg, in jene abgelegnere Gegenden zog, wo die unglücklichen Feinde, von ihren Sammelpläzen abgeschnitten, von allen Hülfsmitteln entblösst, in den öden Wäldern und Morästen wie wilde Tiere gejagt wurden. Der tausendfache Jammer, den diese abscheulichen Maasregeln hervorbrachten, bot Sara tausend Veranlassungen, zu helfen und zu retten. Oft ging sie, mit einigen Kriegsgefährten, die zu menschlich fühlten, um unbarmherzigen Feindeshass mit Tapferkeit zu verwechseln, in feuchten kalten Nächten auf die Menschenjagd; und sie brachten halb verhungerte Kinder, Jungfrauen und Weiber, als ehrenvolle Beute zurück,