, die ihr Antoinettens Kindheit gegeben hatte, bis zu dem Tag, da wilder Durst nach L***'s Blut sie in das gefängnis vom Karmeliterkloster getrieben hatte, bis zu der lezten Schlacht, von deren Ausgang, so wie von L***'s kurz darauf in Fougeres erfolgten Tod, sie unterrichtet war; und sie fand überall nur Fehlschlagen, Blindheit, Leitung eines feindlichen Geschiks. L***'s Tod schien ihr der letzte Auftritt des Schauspiels, und sie sehnte sich nur noch nach der Gewissheit, dass auch Roger ihr vorausgegangen wäre; den Mangel an Nachricht hinüber fühlte sie wie einen lästigen Aufentalt im augenblick der Abreise. Zur Bitterkeit war sie ihrem Ende zu nahe, und zu sehr Weib, um ohne Liebe zu sterben, versöhnte sie sich in ihrem inneren mit der Gotteit, um jenseits mit Liebe zu beginnen. Aber nicht der Tod sollte den Vorhang vor ihren Augen hinwegziehen, ihr Erdenleben selbst sollte den Nebel des Irrtums, der ihre Seele verdunkelte, noch zerstreuen – sie genas, und eilte, das neu erhaltene Dasein, für welches sie keine bessere Bestimmung kannte, wiederum auf das Spiel zu sezen.
Ihre Compagnie war mit unter den Truppen, welche in der neuen Vendee zusammengezogen wurden, um die tapfre Gegenwehr von Granville, und den Abzug der Royalisten, nach ihrem vereitelten Angrif auf diesen wichtigen Plaz, zu benuzen. Auf dem Marsch dahin hörte Sara manche Umstände von L*** und seinem tod erzählen; seitdem sie aber selbst sich auf dem Krankenlager so friedlich mit dem Tod besprochen hatte, war keine Rache mehr in ihrem Herzen – sie gönnte auch ihm Ruhe im Grab, und es war ihr oft, als wäre ein Art Schleier über seinen Verbrechen gefallen, da ihn und sein Kind, und ihren hingeschiednen Engel, und alle, alle, dasselbe Element nun beherbergte. So zu einer Art von sanfter Melancholie gestimmt, und von den sehr beschwerlichen Märschen ermüdet, bezog sie ihr Quartier in der Gegend von Avranches, mit einer sehnsucht nach Stärke und Heiterkeit des Geistes für den folgenden Tag, von welcher sie sich keinen Grund anzugeben wusste. Sie legte sich sogleich zur Ruhe, und blieb ungestört bis nach Sonnenuntergang, da ein Befehl vom General anlangte, um Mitternacht einen wichtigen Posten in der Nähe des Feindes zu besezen, und die Nacht dort zu kampiren. Gleich darauf stürmte eine Anzahl junger Leute von ihrer Compagnie, mit lärmendem Gelächter, und dabei einer gewissen Indignation in ihren Zügen, zu ihr herein, und sie hatte Mühe, einen augenblick Stillschweigen zu erhalten, während dessen sie ihnen den eben angekommenen Befehl mitteilen konnte. Kapitain, sagte ein junger Mensch, der im Hospital neben ihr verwundet gelegen hatte, und später wie sie wieder hergestellt, mit sanfter Güte von ihr gepflegt wurde, wofür er mit herzlicher Dankbarkeit an ihr hieng – Kapitain, weisst du, dass wir nicht mehr mit Menschen, nicht mehr mit Rebellen, mit Verrätern streiten? Weisst du, dass Proteus L***, mit dem wir, als er Held, Prophet, und sogar halber Pfaffe war, schon so viele Not hatten, nun auch als Heiliger gegen uns steht? Da haben sie eben eine ganze Heerde solcher Unsinnigen in die Ewigkeit geschikt; die haben sich alle darauf todtschlagen lassen, in drei Tagen hätten sie die Ehre uns wiederzusehen, die Ueberreste ihres grossen Helden brauchten nur ihre Leichname zu berühren, so ströme neues Leben in sie, wie bei'm Schall der Posaune. Und kurz und gut, L*** tut Wunder, und unsre Kameraden balgen sich nun wer weiss wie lange, um seinen Sarg zu erobern, den die Wahnsinnigen mit sich herum schleppen, und mit unerhörter Wut verteidigen. – jetzt sprachen alle auf einmal, und von der lächerlichen Seite des Gegenstands zu der wichtigeren übergehend, legten sie einander gegenseitig den Schwur ab, dieses Pfaffenblendwerk bis morgen zu zerstören, oder in dem Versuch zu sterben – Kapitain, rief der erste; du hörst den Schwur! du führst uns, und wir dringen vor; man sagt ohnehin, diesmal werde es Sieg gelten oder Tod – – Tod oder den schändlichen Heiligen! tobten sie alle, und Sara stand betäubt und starr, und empfieng fast ohne Bewusstsein den Schwur in ihre kalte Hand. Nun liess sie der tolle Haufen mit ihrem aufgeregten Herzen allein – also nicht einmal im grab sollte das feindselige verhältnis enden? Dem sie lebend, Schwert gegen Schwert, Arm gegen Arm zu begegnen gewünscht hatte, vor dessen Sarg schauderte sie jetzt zurück. Umsonst rief sie ihre Vernunft auf, dies Gefühl zu bekämpfen; als die Zeit heranrükte, war die sehnsucht, morgen nicht wieder zu kehren, die einzige klare Empfindung ihrer zerissenen Seele geblieben.
Die Nacht war trüb und regnigt, feuchte Wolken zogen vom Winde getrieben über die Flur, und nur selten loderten die Wachtfeuer matt aus dem Nebel auf. Verrier lagerte sich bei einer Grube, in welcher einige Bündel Rebstöke brannten, um ihn herum standen oder lagen mehrere seiner Kameraden, hinter ihm im Finstern waren deren zwei, die vertraulich zusammen zischelten. Nach einer Stunde trat der eine an das Feuer, das er schürte, und bat Verrier und die Umliegenden, ihm und seinem Kameraden ein Pläzchen zum Wärmen zu räumen. Indem er Verrier anredete, schien er zu stuzen, und sprach bei'm Niedersizen leise und lebhaft mit dem andern; dieser wandte sich plözlich gegen Sara, die aber nicht Acht auf ihn gab, bis der junge Soldat vor sie trat