1795_Huber_041_92.txt

Sara Zeit gehabt, sich mit den unentbehrlichsten Handgriffen ihrer neuen Lebensart bekannt zu machen, als das unerhörte Waffenglück der Royalisten die republikanische Armee zwang, das ganze südliche Ufer der Loire zu räumen, und nach den blutigsten Niederlagen eine neue Anstrengung der Nation abzuwarten, um dem überall sich vervielfältigenden Feinde die Spize zu bieten. Sara kämpfte nicht für ihr Leben, sie kannte also keine Furcht; die Namen Freiheit, Vaterland, schallten dumpf und bedeutungslos, wie aus Gräbern, aus ihrer verödeten Brust zurücksie kannte also eben so wenig die Uebereilung der Schwärmerei. Sie ging ruhig in den Streit, betrachtete den Tod in allen seinen Zügen, und wenn er sich ihr nahte, hatte sie ihm seine Schwäche so abgesehen, dass sie ihn wie einen verratenen Ueberfall von sich schüttelte. Ihre Kameraden nannten sie anfangs den finstern Jungfernknecht, weil ihr schweigender Ernst bei ihrer unter Mannskleidern sehr jugendlich und zart scheinenden Gestalt, ihren Spott erregte. Aber nach dem ersten Gefecht sagten sie ihren Offizieren, dieser Knabe müsse schon in Mutterleibe gefochten haben; er sehe den Kugeln nach als spielte er Federball. Und nun hiess Sara bald der tapfre Verrier; die schwärmenden Jünglinge bei der Armee verhiessen ihm Unsterblichkeit in den Jahrbüchern der Republik, und wenn er fiele, eine Stelle im Panteon, und sie ward nach einem der blutigsten Tage, auf dem Schlachtfeld selbst, von ihren Kameraden zum Rang ihres Kapitains erhoben.

Ohne dass sie sich dessen bewusst war, da sie jeden hellen Gedanken in die innersten Tiefen ihres Herzens zurückdrängte, hatte sich Sara doch wohl bei ihrem unnatürlichen Entschluss die Waffen zu tragen, L*** als ihren Gegner gedacht; es war nicht so wohl der Wunsch, ihn Arm gegen Arm, Schwert gegen Schwert, vor sich zu haben, als ein düstres Verlangen, in seinem anblick ihre Seele wieder aufleben zu fühlen, wenn es gleich zur Rache, oder zur Verzweiflung wäresie ahnete in diesem augenblick einen Ausweg aus dem unbestimmten Stillstand ihrer Gefühle. Auch wusste sie diesen sonderbaren Menschen, dessen charakter, ja dessen Dasein selbst immer etwas fabelhaftes behalten hat, sehr oft in ihrer Nähe. Unzählige male hörte sie seinen Namen von den Unglücklichen, die unter ihren Streichen fielen, inbrünstig anrufen; und wo die Haufen der Patrioten flohen, war er fast immer Anführer der Feinde. Oft drang sie, Verderben verbreitend, ungestümmer vorwärts, weil sie dort sein weisses Ross sich bäumen zu sehen meinte; aber immer war es, als entzöge ihn eine Wolke ihrem blick, sobald sie sich ihm näherte; und dann mischte sich ein Tropfen Wildheit in ihr kaltes Blut, und nicht mehr wie ein Todesengel, der mit höheren Befehlen gerüstet, die Sterblichen vernichtet, sondern mit der schreklichen Feindseeligkeit, die Menschenleben gegen eigenes Elend aufwiegt, tödtete sie L*** in jedem bewafneten Gegner, und indem sie so über Leichen schritt, wie der Fuss des gleichgültigen Wanderers in welken Blättern rauscht, hatte sie oft sich selbst gleichsam nur durch ein Wunder erhalten. Ihr war jedes Elend, jede Verirrung beschieden, die den Menschen nur treffen können; aber mit der schreklichen Genugtuung, die ihr trauriger Wahn verfolgte, wollte das schicksal sie doch verschonen, und L***'s bleiche, blutige Gestalt sollte nicht mit unter den Erscheinungen sein, die ihre Fantasie marterten. In der Schlacht bei Laval, wo L*** den Sieg, den er erfocht, mit tödtlichen Wunden erkaufte, ward sie gleich bei'm ersten Angrif von dem Schlag eines mit Eisen beschlagenen Stoks niedergeworfen, und sie wäre den Feinden in die hände gefallen, wenn ihre Leute nicht das äusserste gewagt hätten, um ihren tapfern Kapitain zu retten. Man schleppte sie vom Schlachtfeld hinweg, und wie sie wieder zu sich kam, fand sie sich unter den Händen des Wundarztes im Hospital zu Angers. Das eiserne Ende des Stoks hatte ihre linke Schulter gestreift, und den Hinterteil des Kopfs so heftig verlezt, dass der Wundarzt anfangs mit schreklichen Operationen drohte, welche aber, da ihr Blut so kalt und ruhig wie ihr erstorbner Geist dahinfloss, entbehrlich wurden. Wie ihr Bewusstsein zurückkehrte, und sie zugleich den Schmerz an ihrer Schulter empfand, erschrekte sie der Gedanke, dass diese Verlezung entdekt werden, und bei dem Verband den sie notwendig machen würde, ihr Geschlecht an den Tag kommen möchte. Sie hatte den Mut, über vierzehn Tage lang eine Quetschung, die ihren linken Arm lähmte, und die Schulter bis zur Brust hinab mit gestoktem Blut schwärzte, für sich im Stillen zu ertragen. Das einzige Mittel, das Zufall und List ihr zu erhalten möglich machten, Salz und kaltes wasser, durfte sie sogar nur verstohlen anwenden, und sie musste sich das frische wasser, wonach ihr Fieberdurst so heiss verlangte, entziehen, um ihr darein getauchtes Schnupftuch, mit etwas Salz, das sie unter allerlei Vorwänden sich verschafte, des Nachts auf ihre Quetschung zu legen, die durch den heftigsten Schmerz in Eiterung überzugehen drohte.

Jedes neue Leiden schien ihr ein Schritt zu dem Ziel ihrer Laufbahn. Still und lauschend auf die Annäherung des freundlichen Genius, der endlich die Fakel ihres Lebens umstürzen würde, lag sie da in unsäglichen Schmerzen, und studierte die mannigfaltigen Wendungen des Todes in ihren Unglücksgefährten um sie her. Wenn ihre Gedanken in die Vergangenheit schweiften, so lächelte sie, wie alle ihre Hofnungen, alle ihre Entwürfe, sie mochten Gutes oder Böses zum Ziel haben, gescheitert waren. Sie ging alle Erwartungen ihres Lebens durch, von den guterzig frohen Aussichten