1795_Huber_041_91.txt

ein frühes Opfer der Rasenden die von C** herstürmten; bei seinen weissen Haaren haben sie ihn in die Kirche geschleift, und dort ermordet, weil er einige Tage vorher eben da zwei wütende Priester ergriffen hatte, die sich am Altar vor dem tausendfach von ihnen beleidigten Gesez retten wollten. Er war der Vater des volkes! Er warnte uns oft vor den Ränken, mit denen man uns umstrikte, er lebte nur für uns, seitdem sein Sohn in das Feld gezogen war, seitdem eine Pflegtochter, die er zärtlich liebte, ihn verlassen hatteJa, fiel der Wirt, ein Alter mit redlichem Gesicht, dem Sprechenden in's Wort; wie ich bei der lezten Ernte dort war, fragte ich nach dem guten alten Herrn, der sonst sein Nachbar gewesen war, und da erzählten mir die Leute vieles von seiner Tochter, die der Bürger Bertier so gut wie an Kindesstatt angenommen hatte, und wie ich mit ihm sprach, sagte er: Gott hat mir sie genommen, dass ich gar keine Freude mehr auf Erden hätte als unsre Freiheit! – nun, dort wird er sie haben, denn jeder, der nach ihm gemordet wurde, und jeder, der für die Freiheit starb, wird es ihm dort sagen, wir tun und leiden alles, um sie unsern Kindern zuzusichern – – Der Alte hatte in einfacher Begeisterung gesprochen, und ein matter Strahl von hoffnung goss Leben auf die bleichen, von Schreken entstellten Gesichter um ihn her; aber Sara hörte nichts; wie er die Frage ausgesprochen hatte: kanntet Ihr ihn? hatte sie sich matt auf einen Stuhl niedergeseztDer letzte Lichtstrahl war geschwunden, und sie fand sich in besinnungslosem Dunkel.

Die treue Babet sah die ganze Hülflosigkeit ihrer Freundin; doch glaubte sie, dass Sara in Bertiers Sohn, dessen man eben erwähnt hatte, noch einen Schuz haben könnte, und sie forschte begierig nach ihm. Schon nach dem Föderationsfest, hiess es, sei der brave Roger nach den grenzen gegangendie lezten Nachrichten von ihm hatte man aus Mainz gehabt. Bei dem Namen Roger spann Babet in ihrem Kopf einen luftigen Plan für ihre verlassne Sara, denn eben diesen Namen erinnerte sie sich von der armen, nur erst aus dem Todesschlummer Erwachten gehört zu haben, und seitdem hatte Sara manche Frage wegen des Schiksals der Föderirten bei der Armee getan. Roger war in Mainz gewesen, ihr jugendlich hoffendes Herz zweifelte nicht, dass er die Belagerung überlebt hätte, und mit seinen Waffenbrüdern in der Vendee sein müssteschon überredete sie sich, er könne gar Matieu's Zeltkamerad sein, denn Bertiers Sohn war edel und brav, und mit allen solchen Männern war ihr Matieu bekannt. Sara war verwaist, ohne Schuz, ohne Zuflucht auf Erden, ohne Zukunftwas wurde aus ihr in dem verheerten land, wenn ihre Freundin, ihrem Entschluss treu, zu dem Haufen ihres Mannes stiess? Und der Entschluss war bei jeder eingeäscherten Hütte, bei jedem trauernden gesicht ihr als heilige Pflicht erschienenaber Sara sollte ihn teilen, sollte, ausgeschlossen von jeder Bestimmung, diese ergreifen. Mit lebhafter Freude über diese Ideen wekte sie Sara aus ihrer gedankenlosen Starrheit, sezte ihr alles was sie gedacht hatte stürmisch aus einander, und drang heftig in sie, ihrem gefährlichen Umherirren ein Ziel zu sezen, und mit ihr zur Armee zu gehen. Sara war auf den Punkt gekommen, wo bei Neulingen im Unglück tobende Verzweiflung anfängt, das von den Schlägen des Schiksals gestählte Haupt hingegen, mit kalter Geringschäzung der Gefahr, jedem Winke des Zufalls folgt. Hätte ihr Babet einen Dolch gereicht, und gesagt: hier endet deine Verpflichtung zu leben! – sie würde ihn eben so gleichgültig in ihr Herz gedrükt haben, als sie jetzt diesen Vorschlag anhörte, und antwortete: auch das, wenn dieser Arm es vermag! –

Babet sorgte nun für alles was zu der Verwandlung erforderlich war, und nach zwei Tagen standen sie und Sara, unter dem Namen André und Verrier, bei derjenigen Abteilung der Armee, mit welcher das Corps der Mainzer Garnison, wo Matieu diente, kombinirt war. Nach der ersten Feier, der ersten rührenden Freude des Wiedersehens, befragte Babet ihren Mann auf das genaueste wegen Rogers; aber Matieu hatte nie etwas von ihm gehört, er konnte in Mainz gewesen sein, aber schwerlich während der Belagerung; übrigens war er selbst bei dem geschlagenen Corps von einigen Tausenden gewesen, das sich erst kurz vor der Blokade in die Festung geworfen hatte, und dennoch konnte Roger schon längst vorher zu andern Unternehmungen gebraucht worden sein. Sara hatte bei Babets froher Gewissheit, dass sie Rogern unter ihres Mannes Kameraden finden würden, den Wiederwillen empfunden, den jede hoffnung ihr einflösste. Matieu's Antworten veränderten keinen ihrer Züge, nur wie sie Babets betrübte, und über die Fehlschlagung halb unwillige Mine sah, schlich ein trübes Lächeln über ihr kaltes Gesicht: lass die toten ruhen, gute Babet, sagte sie sanft; je mehrere mir schon voran sind, desto eher darf ich den langen Zug beschliessen! – Da ihr Entschluss von Babets heitern Erwartungen unabhängig gewesen war, so änderte diese Täuschung nichts daran. Von dem geheimnis ihres Geschlechts war ausser Matieu und Babet niemand unterrichtet; auch ward es ohnedem durch die Vorfälle des krieges gesichert, die sie auf lange Zeit von den zärtlichen Eheleuten trennten, und sie sah ihre treue Babet nur wieder, um auch an ihr den Willen ihres alten Schiksals zu erkennen.

Kaum hatte