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Busen zusammen, da sie L** und sein Kind, und ein andres als das Kind ihrer Liebe nennen hörte, da sie vernahm, wie der vielseitige schwarze Betrüger die Wunder der Religion zur Verherrlichung dieses Kindes aufgeboten hatte, wie er das Blut dieses Sohnes rächen wollte, er, der Mörder ihres Kindes! Sie hätte sich beinahe verraten, indem sie heftig fragte: und wo ist dieser Held? warum verteidigte er nicht sein Kind, seinen Heerd? – Etwas befremdet antwortete man ihr, dass er damals gegen die Seeseite mit seinen Haufen gestanden, und durch die frommen Priester wohl gewusst hätte, wie sein Weib und sein Sohn zum Besten des volkes fallen müssten.

In einer unaussprechlichen Verwirrung von Gefühlen, begab sich Sara mit ihrer Freundin auf ihre kammer, und nun fachte die ungebildete, feurige Babet ihre leidenschaft durch ihre ungestümme Teilnahme noch an. Ihr kriegerischer Geliebter hatte sie Priesterlist und Aberglauben als die schändlichsten Fesseln, welche ihre Nation gedrükt hätten, betrachten gelehrt; und alles was eben von L*** erzählt worden war, beschuldigte ihn, sich mit der frechsten Heuchelei dieser Kunstgriffe zu bedienen. Heftig rief sie: er opfert ein ganzes Volk, wie er das Weib, das ihn anbetete, geopfert hat! – Sara blieb schweigend und in sich gekehrt; das Licht in welchem L*** ihr jetzt erschienen war, erfüllte ihre Seele mit so viel Abscheu, dass ihr ganzes schicksal ihr um so schreklicher vorkam, je tiefer der Göze sank, zu dessen Opfer sie geworden war. Sie fühlte sich immer mehr vom Menschengeschlecht geschieden, sie fühlte sich immer mehr ein Spiel des grausamsten Zufalls; unsicher, welche neue unerwartete Wunden ihr der nächste augenblick schlagen würde, sah sie ihm untätig entgegen, und sezte Babet durch ihre finstre Ruhe in Erstaunen. So viel sie durch ihre behutsame Erkundigungen herausgebracht hatte, war der Strich Landes, welcher bis *** vor ihnen lag, und von da bis **, ein Raub der grausamsten Verheerung. Seit einigen Wochen vollzogen höllische Ungeheuer den unseligen Beschluss, die Schlupfwinkel der Rebellen zu zerstören, an jedem menschlichen Wohnplaz, wo ihr Durst nach Unheil sich lezen konnte, und so hielten sie die fürchterliche Nachlese von Greueln und Untaten, wo die Rebellen schon ihre blinde Wut gestillt hatten. Sara schmeichelte sich, dass Bertiers bekannte Freiheitsliebe sein Haus vor den Strafgerichten dieser Partei geschüzt haben würdeja, sie die an der Vorsehung verzweifelte, glaubte sogar, noch instinktmäsig, so weit an Menschlichkeit, dass sie hofte, sein ehrwürdiges graues Haupt würde selbst den Fanatismus der Rebellen entwafnet haben. Auf jeden Fall folgte sie dem Trieb, der sie dahin rief, und wich jeder Möglichkeit, sich auch hier getäuscht zu finden, furchtsam aus. Ungeduldig, sich von Menschen zu entfernen, deren Religion Verrat an ihren Gegnern zur Pflicht machte, verliessen sie Saumür schon am folgenden Tag, und nahten bald der Gegend, wo Sara, wie ehmals ein von den Göttern Verfolgter im delphischen Tempel, aus Bertiers Mund die Weisung für ihr künftiges Leben erwartete. Kaum bezeichneten ihr noch Hügel und Felsen den wohl bekannten Weg, denn alles was Menschenhand zerstören kann, lag zertrümmert am Boden. Verbrannt strekten die Bäume des Walds ihre Zweige empor, oder lagen in Asche zerfallen über dem Weg, oder bedekten mit ihren zerschlagnen Aesten halb verscharrte Leichname. Rauchende Brandstätten sagten ihnen, wo ehemals Dörfer gestanden hatten, und stiessen sie irgendwo noch auf eine bewohnte Hütte, so scheuchte der anblick von Menschen die elenden Bewohner heraus. Die Felder lagen zerstampft von den wilden Rossen, zerzaust das Getraide von den Wagenrädern, die Weinberge von Kugeln aufgewühlt. Schwerer und schwerer wurde Sara's Herz. Endlich nahm man sie wenige Stunden von *** in einem Städtchen auf, von welchem Sara sich erinnerte, dass Bertiers Geschäfte ihn sonst öfters hinriefen. Sie merkte bald, dass ihre Wirtsleute und der ganze Ort dem Betrug der Priester entgangen waren, und bei allem Jammer über das gränzenlose Elend, es dennoch der Knechtschaft vorzogen, mit welcher ihnen der Sieg der Katoliken gedroht haben würde. Hier konnte also Sara nach dem schicksal von *** fragen. Sie hatte unterwegs genug gesehen, um in der schaudervollen Beschreibung, die man ihr von dem schicksal dieser Commüne machte, keinen neuen Zug zu finden; aber sie ward dadurch zur Verfinsterung des lezten Strahls, der ihrem Pfad leuchtete, vorbereitetsie erwartete nun Bertiers Tod, denn wie konnte der achtzigjährige Greis diese Greuel wohl überlebt haben? Mit unglaublicher Schnelligkeit wog sie gegen einander ab, was sie jetzt noch sein könnte, und was mit ihr werden möchte, wenn die hoffnung verschwände, die sie hieher geführt hatte. Zum erstenmal, seitdem sie den Entschluss gefasst hatte, sich in Bertiers arme zu werfen, erklärte sie sich selbst, dass ein dunkles Verlangen in ihr auf Ruhe, weibliche Bestimmungauf ein Wesen, das sie mit Liebe umfasste, hindeutete. Lebte Bertier, so war sie noch einmal Weib, Tochterarme, arme Sara! – Im tiefsten Winkel ihrer zerrissnen Brust sprach eine öde, furchtsameach eine nach menschlichem Dasein sich sehnende stimme Rogers Namenschaudernd vor der Ahnung von Glück wandte sie sich wieder zu den guten Leuten, die indess ihr Gespräch mit Babet fortgesezt hatten; und wie der gemarterte Kranke, sein Uebel dem Messer darbietet, und vom nächsten augenblick Genesung oder Tod erwartet, fragte sie: überlebte der ehrwürdige Bertier das Unglück seiner Landsleute? – Bertier? Ihr kanntet ihn? Er fiel