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angab, nicht fahren zu lassen.

Bertiers Gespräch, in welchem Wohlwollen, gesunder Verstand, tiefe Empfindung und Erfahrung die Stelle des Welttons so reichlich ersezten, hatten auf Seldorf, der seit Jahren schon den Umgang der Menschen floh, einen ausserordentlichen Eindruk gemacht. Es war ihm bei den Menschen, mit welchen er bis dahin von Zeit zu Zeit gezwungner Weise zu tun gehabt hatte, sehr leicht geworden, seiner Abgeschiedenheit getreu zu bleiben: aber dieses graue Haupt, dieser heitre blick der so teilnehmend auf ihm ruhte, die Herzlichkeit mit welcher der Alte ein Band zwischen ihren Kindern zu knüpfen bemüht war, erwekten das lang unterdrükte Bedürfniss der Mitteilung wieder in seinem Herzen, und verleiteten ihn, aus seinem einsamen Lebensgang herauszugehen. Wie der arme Verödete zum erstenmal seinen alten Nachbar aufsuchte, sträubte sich seine angewöhnte Schwermut dagegen, und er suchte sich selbst zu überreden, als ob er bloss vermeiden wollte, dem Greis durch Vernachlässigung wehzutun. Einige Tage darauf dachte er mit Rührung an seinen freien und lebhaften Geist bei seinem hohen Alterwer weiss, wie lange dieses reine Flämmchen noch lodert? so fragte er sich selbst, und betrat unwillkührlich den Weg nach seines Nachbars Haus. Endlich suchte er ihn willig auf, und überliess sich dem Gefühl, in Gegenwart eines Weisen, der am Scheideweg des Lebens stand, seine trostlose Fassung auf Augenblike zur ruhigen Ergebung werden zu sehen.

Oft fand er den Greis, mit einem alten Schriftsteller in der Hand, in der Abendsonne sizend; vor ihnen liefen dann die jungen Leute auf einem Wiesenplan umher, und kämpften und rangen zusammen; Sara sass mit ihrer Arbeit, und sah den Spielen zu, oder war geschäftig um den Grosvater, (denn bald gaben sie und ihr Bruder dem alten Bertier diesen Namen,) und verband bei den kleinen Diensten, die sie ihm zu leisten beflissen war, alle mädchenhafte Liebenswürdigkeit mit der rührenden Ehrerbietung, welche das hohe Alter jungen unverdorbnen Herzen unfehlbar einflösst. Manchmal hörten auch die Jünglinge zu, wenn der Alte mit Entzüken von der Vorwelt sprach, die er in seinen Griechen und Römern studierte. Sein Auge blizte dann unter den weissen Wimpern hervor, und troz des bleichenden Alters färbten sich seine Wangen. Das ist, sagte er, die einzige Abschweifung von der Würklichkeit, die ich mir je erlaubt habe. Manchmal sah ich es in der Welt so bunt hergehen, dass ich mich selbst kaum mehr von den Menschen um mich her zu unterscheiden vermochte; wenn es aber nach einem Jahre von Arbeit einmal eine Feierzeit gab, und ich mich mit meinem Plutarch in meinem Kämmerchen einschloss, da gewann ich mich wieder lieb, und dachte zu meinem Trost: deine Schuld ist's ja nicht, wenn du kein Brutus, kein Cato, kein Mark Aurel geworden bist; vom weib geboren wie jene Helden, strebe ihnen nach, so weit deine Kräfte dich führen! Freilich ist sie vorbei, die Zeit wo es solche Menschen gabNach alter Sitte wagte es Roger selten, sich in die gespräche seines Grosvaters zu mischen, wenn dieser seine Worte nicht gerade an ihn richtete; indessen riss ihn hier seine Teilnahme hin, er unterbrach lebhaft: Warum sollte es aber keine solchen Männer mehr geben, da sie noch vom weib geboren werden wie damals? Warum lehren wir unsre Jugend durch Beispiele, die wir nicht nachahmen können? Warum nähren wir unsre Seele mit Idealen, die unser Zeitalter zu Undingen macht, die uns selbst zu verächtlichen Misgeburten herabwürdigen? – Warum, mein Sohn? warum wächst dieser Baumer wies hier auf einen gezognen Pfirsichbaumnicht so mächtig und stark wie die Eiche, unter welcher du mir eine Bank bauen willst? – Weil er verkünstelt ist, Vater, weil er nicht in seinem angebohrnen Erdreich steht, weil seine Zweige gefesselt und gezwungen sind, Früchte zu tragen, die unsre Gierde erzwingt, der einfachen Ordnung der natur zum Troz. Der Baum muss sich biegen und schneiden, und aus seiner Muttererde reissen lassen, weil er sich nur leidend verhalten kann; allein der Mensch .... siehst du, Vater! das Bild passt nicht; denn der Mensch kann wollenwohl, sagte der Alte ernst und bedeutend; so sorge dass nie ein Baum verstümmelt werde um deinen Uebermut zu befriedigen, wache über dich, dass du nie durch Wort und Beispiel einen Menschen verhinderst, jenen grossen Mustern zu folgen; aber vergiss nie, dass du allein nicht allen verstümmelten Stämmen ihren natürlichen Wuchs zurückgeben kannst; vergiss nicht, dass Brutus in sein Schwert fiel, weil er allein wollte wozu die Welt verdorben war. – Roger schwieg erschüttert, da neben einem Namen, vor welchem der alte Bertier sein Haupt ehrerbietig zu neigen pflegte, der seinige erwähnt wurde, er fühlte es, als hätte er einen Frevel begangen, und unterbrach mit keinem laut die Stille, während deren alle Augen auf dem begeisterten Greis ruhten: Sara war die erste, die mit schmeichelnder stimme das Gespräch wieder belebte.

Der Geist dieses alten Mannes, der bis zur äussersten Spannung aller Kräfte ausdauerte, und so wie der Widerstand noch mächtiger wurde als diese Kräfte, in die heiterste Ergebung überging, war, obschon das Widerspiel von Seldorfs Geist, doch das Vorbild der höchsten menschlichen Weisheit für Seldorfs unbefangne Vernunft. Oft verglich er die wehmütige Stille, mit welcher er auf sein vorfrühes Grab zuschlich, und den Siegerschritt, mit welchem Bertier dem Lohne jenseits entgegeneilte. Auch dieser hatte Betrug