jenem Zeitpunkt zurückrief – hier hatte sie mit ihrem kind übernachtet, dort bei jenem heiter gelegnen Pachtaus hatte sie sich frische Milch für die Kleine geben lassen; dort hatte eine freundliche Wirtin es an ihrer Brust schlafen sehen, und das schöne Kind und die zärtliche junge Mutter gesegnet. Aber bald kamen sie an Stäten, wo der gegenwärtige Jammer die Bilder entflohner Seligkeit verdrängte – sie eilten grausend über Schlachtfelder, und umsonst fragte sie in den zerstörten Dörfern nach einem Bissen Brod, umsonst in den mit Blut durchströmten Strassen verödeter Städte nach einer Herberge. Bleiche Gesichter, Töne der Verzweiflung, finstre Blike schrekten sie von Ort zu Ort. Ueberall wo sie rasteten, von Bildern des Elends, von fürchterlichen Erzählungen empfangen, eilten sie nach Saumür, wie verscheuchte Vögel, die verspätet dem drohenden Nordwind entfliehen wollen, und von Schneefloken verfolgt, über öde Felder und entlaubte Haine flattern.
Menschenalter werden verfliessen, eh sich die schaudervollen Spuren jener Verwüstung verlieren, und das gegenwärtige Geschlecht wird aussterben, ohne dass Glaube an Freiheit, Treue und Frieden in den durch alle Schreknisse gefolterten Seelen der elenden Einwohner sich niederlasse. Der Strich, wo Sara's ehemalige Heimat lag, war seit dem Anfang des Vendeekriegs gerade am unausgeseztesten und grausamsten mitgenommen worden. Saumür selbst war wechselsweise der Royalisten und der Patrioten Grab gewesen; jetzt bei der Ankunft der beiden Freundinnen besezten es die Patrioten, obgleich nur mit sehr wenigen Truppen. Hier wollte Sara mit ihrer Gefährtin ausruhen, um neue Kräfte zu ihrer traurigen Wanderschaft zu sammeln, und aus der Gegend, nach welcher sie hinwollten, Erkundigungen einzuziehen. Hier, in einem kleinen abgelegenen Haus – denn das allgemeine Mistrauen, der gegenseitige Verfolgungsgeist machte ihnen die behutsamste Entfernung von allem was sie mit Menschen zusammenbringen konnte, zur notwendigkeit – hier hörte Sara zum erstenmale wieder, gleich einer dunkeln Geistersage, L***'s Namen. Vertieft in finstre Betrachtungen über ihr eigenes schicksal, das so fürchterlich mit der Verwüstung um sie her einstimmte, war sie lange nur mit halbem Ohr gegenwärtig, wie die armen Leute, bei denen sie eingekehrt war, von den Leiden, von den Abscheulichkeiten erzählten, die seit mehreren Monaten sie der Reihe nach belagerten. Sie sah zu einem Fenster hinaus, über die Stadtmauer weg, auf die Hügel, die im vorigen Jahr ihr die letzte Aussicht auf ihre Heimat entzogen, und erblikte von fern schon Schuttaufen, wo damals freundliche Dörfer, unter Eichen und Kastanienbäumen verstekt, ihr auf jedem Schritt die Wiege ihrer Kindheit vormahlten. Endlich ward sie aber durch Babets unruhige Blike aufmerksam gemacht, und noch mehr durch die Hofnungen, welche ihre Wirtsleute, eine heimlich royalistische Familie, durch ihr eigenes Geschwäz erhizt, immer weniger verstekt äusserten, bis sie endlich mit der lebhaftesten Schwärmerei von einem der Anführer ihrer Partei wie von einem Halbgott sprachen, der zum Erlöser der unterdrükten Gläubigen gesandt wäre. Noch war sein Name nicht ausgesprochen; Babet war nur betroffen, unter diese Partei geraten zu sein, und Sara beobachtete mit schmerzlichem Mitleiden den finstern Fanatismus, die unterdrükte Wut, die nagende Furcht vor Elend, in den Worten dieser Unglücklichen. Je mehr Teilnehmung sie bei Sara zu bemerken glaubten, desto näher rükten sie zu ihr, und erzählten ihr, oder zischelten, wo sie sich geheimnissvoller dünkten, jedoch immer noch hörbar, unter sich, von den Wundern der Heiligen zum Besten ihrer Sache, von ihrer festen Zuversicht, dass der grosse Held sie endlich retten würde, und mit dunkeln Winken gaben sie zu verstehen, dass sie alle für die Sache der Kirche Erschlagenen lebendig wieder in ihre Heimat einziehen zu sehen erwarteten. – Hat man euch schon gesagt, fragte jetzt der Sohn vom Haus, ein achtzehnjähriger Jüngling, dessen plumpe starre Züge durch rohe Begeisterung ein zukendes Leben erhielten – hat man euch gesagt, wie in den Trümmern von C** jeden Abend eine feurige Kugel auf dem Gewölbe niedersinkt, wo man seine Gattin und sein Kind ermordet hat, und wie in der stillen Mitternacht eine Gestalt, die einem frommen Einsiedler gleicht, auf dem Stein, wo sie fielen, eine Messe liest? Oft wollten die Ruchlosen ihn stören, aber nie konnten sie durch den unsichtbaren Kreis dringen, den die Heiligen um die geweihte Stätte ziehen. – Der fromme Schwärmer schwieg schon lange, schon lange lauschten die andern mit Ehrfurcht noch auf den Nachhall der schon hundertmal gehörten Erzählung: Sara sass zwischen Erstaunen, Unwillen, und dem leisen Aufbrausen erstikter Rachgier geteilt, wie sie in dem Helden, dem Erlöser des volkes, dem Halbgott, ihren Verderber erkannte. Denn war noch daran zu zweifeln? Er hatte ein ganzes Volk zu seinen Füssen – wer wusste besser als er, Herzen zu gewinnen? Und in C** war es ja gewesen, wo die wilden Krieger Sara's Schmach an seinem weib, an seinem kind gerächt hatten. – Nun fing ein andrer aus der kleinen Gemeinde an: wo des holden Knäbleins Blut floss, da sprang ein klarer Wasserquell hervor, aber zu der Stunde wo der Geist die heilige Messe sagt, strömt jedesmal helles Blut daraus in den Forellenbach am fuss des Felsen. Als er ihren Tod erfuhr, gelobte er, ihnen dort eine Kapelle zu bauen; und der heilige Vater will sie in den Kalender sezen, denn wie leztin die Katolischen sagten, die sich über den Fluss stahlen, so soll ein Tropfen von dem fliessenden Blut aus der Quelle, Wunden und schwere Krankheiten heilen. – – Krampfhaft zog es Sara's mütterlichen