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von Gesez und Pflicht von dem Gesichtspunkt jedes einzelnen abhiengen, und nie kämpften wohl so verschiedne Gefühle in den Herzen braver Streiter, als bei dem schreklichen Bürgerkrieg, zu welchem Matieu mit seinen vom Rhein zurückkehrenden Waffenbrüdern berufen war. Tief trauernd ergriffen so manche gute, für Freiheit glühende Bürger das Schwert, um ihre Brüder selbst der Freiheit zu opfern; aber mit innerem unaussprechlichem Grimm betrachteten sie oft das Blut der teuern Opfer, das an ihren Schwertern klebte, wie sie wahrnehmen mussten, dass man sie zu Werkzeugen der Grausamkeit, des Verrats, der satanischen Selbstsucht, der tiefsten Greuel gebrauchte. Doch stritten sie mutig fort, unwandelbar auf das Ziel blikend, und kaum der zehnte teil der tapfern Schaar kehrte späterhin von dem grab ihrer Landsleute, von den rauchenden Brandstätten zurück, um unmutig für den traurigen Ruhm, verirrte Unglückliche geschlachtet zu haben, das dumpfe, zweideutige Zujauchzen der unterdrükten Nation zu empfangen! – Als sie dahin zogen, waren sie indessen weit entfernt, die wahre Beschaffenheit der Dinge in jenem Fabellande zu kennen, und bei einer Unternehmung, wo es, wie mancher sich gern überredete, bloss darauf ankommen würde, durch den Mut und durch alle übrigen Tugenden der Freiheit, einen von tükischen Priestern und stolzen Grossen erregten Hauszwist beizulegen, fand Matieu ungleich weniger Bedenklichkeiten, seine Babet mitzunehmen, als auf einen Feldzug gegen fremde Feinde. Er hätte sich daher gleich bei seinem Abmarsch von ihr begleiten lassen, wenn ihr gutes Herz und seine Menschlichkeit es ihnen damals erlaubt hätten, die noch sehr schwache Sara allein zurückzulassen. Auch bis sie nicht vollkommen genesen war, konnte es Babet nicht über sich gewinnen, sie mit ihrem Entschluss bekannt zu machen, den sie ohnehin der guten Alten, von welcher sie so gastfrei aufgenommen worden war, verschweigen musste. Nunmehr aber, wie sie ihr endlich ihr Vorhaben entdekte, forschte sie schonend, was ihre eignen Plane wären. Sara hatte seit der Rükkehr ihrer Vernunft schon oft in die Zukunft geblikt; aber diese stand finster, wesenlos, wie ein weiter öder Raum vor ihrem trüben Auge; keine Gestalt der Vergangenheit schwebte neben ihr dahin, keine winkte ihr dort, sie alle dekte das Grabsie alle, denn jene stimme, die auf dem Kirchhof ihren Verstand zerstört hatte, hielt sie jetzt für eine Erscheinungsie alle, denn an Roger zu denken, war die einzige lebendige, schmerzhafte Seite ihres Herzens, die einzige die kaum hörbar nach hoffnung tönte, und vor der hoffnung schauderte die vom schicksal zertretene zurück! Endlich aber stieg Bertiers ehrwürdige Gestalt in der leeren Ferne auferst kaum sichtbar in dem Entsezen vor der Erinnerung an glückliche Tage zerfliessend, doch bald hatte sie sich klarer ausgebildet, und jetztjetzt hörte Sara jene Worte des tugendhaften Greises wieder: So lange du nicht seine Mitschuldige bist, wirst du nicht ganz erliegen! – Schuldig, zehnfach schuldig war sie durch unbändige leidenschaft, durch den höchsten Grad des menschlichen Unglücks, durch die Zerstörung aller weiblichen Verhältnisse; aber Seine Mitschuldige war sie nie geworden, nie treulos an ihm, nie Verräterin am Vaterlandund wiewohl sie mit tiefem Gram sich tot fühlte für diesen grossen Namen, tot für jedes hohe Gefühl, so sehnte sie sich doch aus der öden Verlassenheit nach einem angewiesenen Pfad durch ein unglückliches Dasein, das sie nicht enden durfte, nachdem es die natur so sorgsam erhalten hatte. Sich in Bertiers arme zu retten, ward erst zum Gedanken bei ihr, dann zum Entschluss, und endlich zum wehmütigen Bedürfniss. Babet war sehr damit einverstanden, bis sie sich erschroken besann, dass die Rebellen hauptsächlich in jener Gegend ihre Fortschritte gemacht hätten. Allein sie riet ihr umsonst an, zu warten bis die Ihrigen es dort wieder sicher gemacht haben würden; Sara bestand auf ihren Entschluss, wie ein matter Pilger eigensinnig lieber auf hartem Fels unter dem Schuz der Gesträuche ruht, als sich der Gefahr aussezt, während des kurzen weges zur nächsten Herberge zu verschmachten. Wenn er lebt, sagte sie, so nimmt er die müde Unglückliche auf, und ich diene ihm wo er auch leben magund ist er dahin, so kann ich ja dort dem Tod mich entgegen sehnen wie hier, so habe ich meine Pflicht getan, und noch einmal versucht, mein Elend zu lindern. – – Sie kamen überein, die Reise zusammen anzutreten; wenige Tage vor der dazu bestimmten Zeit erhielt Babet einen Brief von ihrem Mann, worinn er ihr meldete, dass sein Haufen gegen Saumür rükte, und sie bat, ihren Weg ebenfalls dahin zu nehmen. Diese Nachricht war den beiden Freundinnen sehr willkommen, Babet versprach nun, bis *** mit Sara zu gehen, und dort, bei dem alten Bertier, ihre Verwandlung in einen Streiter des Vaterlands vorzunehmen. Die gute Alte erfuhr von dem Zwek der Reise nur was Sara betraf, und das billigte sie von ganzem Herzen; auch konnte sie es nicht tadeln, dass Babet sie begleiten und bei ihr bleiben wollte, um ihrem Matieu näher zu sein.

Mit unaussprechlich wehmütigem Gefühl betrat nun Sara denselben Weg zurück, den sie im vorigen Jahre nach Paris gekommen war. Oft erkannte sie deutlich, dass ihr Gehirn schon durch Wahnsinn gegangen sein musste, um nicht von allen Erinnerungen, die diese Reise aufregte, zerrüttet zu werden. Sie wandelte wie ein Geist neben ihrer treuen Gefährtin; schweigend, ohne Tränen, sanft und ernst liess sie ihren blick auf manchem Gegenstand haften, der ihr kleine Scenen aus