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sie wieder zu sich kam, die bittern Tränen, die sie jenen Märtirern weinte, deren Blut eben geflossen wardenn als Märtirer, als triumphirende Märtirer waren sie ihr erschienengaben Stof genug, den grausamen Mutwillen zu üben. Man warf ihr hönisch ihren Schmerz vor, man schwazte von Verrat, von Aristokratismus, und wie sie mit dem Stolz der Unschuld antwortete, führte man sie vor den nächsten revolutionairen Sektionsausschuss. Dort ward sie vom Unwillen und von der Erbitterung über die abscheuliche Behandlung endlich zu der unüberlegt trozigen Behauptung hingerissen, dass sie nicht einmal zu tadeln sein würde, wenn sie alle die elenden Beschuldigungen verdiente, denn vor dem zehnten August hätte man keine Opfer mit dem Gesang der Freiheit auf den sterbenden Lippen fallen gesehen. Schweigen deke Martens Grab, und das Grab der vielen Unschuldigen, aus deren Blut Frankreichs Glück entspriessen möge! Die Freiheit, die Tugend des kommenden Geschlechts sei der Lohn ihres TodesMarta sah ihre traurige wohnung, ihre verlassnen Freundinnen nicht wieder; das richtende Eisen leitete sie zu ihrem Gatten, zu ihrer erlössten Nanni, und einst zu Josephs geläuterten Geist. – – Nun war Babet allein, schreklich allein, denn seit den lezten Niederlagen am Rhein hörte sie nichts von Matieu, und nebst Sara's fast lebloser Gestalt waren nur die Geister ihrer Verwandten ihre tägliche Gesellschaft. Auch musste sie sich immer mehr einschränken, denn gewissenhaft sparte sie für Sara die kleine Summe, die Marta teils bei ihr vorgefunden, teils aus dem Verkauf ihres Silbers, ihres Gerätes, und einiger Kostbarkeiten die sie besass, gelösst hatte. So lange Marta gelebt hatte, war nie die Rede davon gewesen, Sara nach ihrer Provinz zurückzuschiken; jetzt wusste Babet kaum Bertiers Namen, und es war ihr bekannt, dass die Rebellen in dem land hausten, wo dieser letzte Freund der verlassnen Sara wohnen müsste; übrigens hatte sie, so gut wie Marta, Sara's frühere geschichte immer nur sehr unvollkommen gewusst, aus Raimonds Reden, und aus ihren Handlungen, denn erzählt hatte sie nie etwaswillig trug sie also die durch namenloses Elend geheiligte Unglückliche. Der Zufall erleichterte ihr indessen diese Last: eine wohlhabende Landmannsfrau aus einem benachbarten dorf, deren Sohn ehemals in Tirions Würzladen gedient hatte, wollte bei ihrer Anwesenheit in der Stadt Marten besuchen; von der Lage des jungen Weibes, von Martens Tod gerührt, nahm die guterzige Alte jene nebst Sara zu sich auf das Land, räumte ihnen ein Stübchen ein, und schafte Babet Arbeit. Sara, die seit ihrer Krankheit in einem kleinen engen Quartier in einem Winkel von Paris eingesperrt gewesen war, schien in der Landluft aufzuleben, aber dieses neue Erwachen ihrer Geister war ihrem zerrütteten Gehirn gefährlicher als die tote Dumpfheit, in welcher sie bisher gelegen hatte. Eine heftige Unruhe fing an, sie umherzutreiben; so wie sie vorher zu halben Tagen sinnlos hinstarrte, so irrte sie nun mehrere Stunden nach einander durch den Garten, durch das Feld, rastlos wie von einem unsichtbaren Feind getrieben, ohne Klage, von innerem Feuer still glühend. Babet sprach ihr umsonst zu, sie schien niemanden zu verstehen; schloss man sie aber ein, so erstikte sie fast vor Angst, und glich einem Vogel, der in ein Zimmer verlaufen, jedes helle Flekchen für freie Luft ansieht, und sich das arme Köpfchen gegen die Glasscheiben zerschlägt. Sie rannte dann unablässig im Zimmer umher, mass die Fenster mit ihren Augen, suchte den Ausgang an jeder Leiste des Getäfels. So wie man sie herausliess, ward sie ruhiger, wandte ihren troknen Mund gegen die Gegend wo die Luft herwehte, und schien sie mit ihren aufgeborstenen Lippen zu trinken. Einmal begegnete sie einem Bataillon Freiwillige, die nach der Hauptstadt zogen; sie sezte ihren Weg bei der hohen Mittagsonne fast neben ihnen fort, und schien sie nicht zu bemerken; wie sie aber bei ihrem Einzug in das Dorf ihre Trommeln zu rühren anfiengen, tat die arme Sara einen fürchterlichen Schrei, und stürzte durch die Strassen, Teodors und ihres Kindes Namen wechselten in ihrem mund ab, sie rief nach dem grab ihres Kindes, glaubte allentalben es zu finden, und in diesem Zustand von wilder Heftigkeit ward sie nach Haus gebracht. Der Anfall liess ein Fieber zurück, dessen Krisis der Todesschlaf war, aus welchem sie bei Matieu's Ankunft erwachte, und worauf ihre Vernunft so wunderbar wiederhergestellt ward. Sara's Geist war nun geheilt, aber ihr Herz war gebrochen, ihr gesellschaftliches Dasein zerstörtkein Band fesselte sie mehr an die Menschen; Babet selbst war für sie fast eine Fremde, und seitdem sie alles, was während ihrer Krankheit vorgefallen war, erfahren hatte, war sie in verschlossner Verzweiflung unaufhörlich bloss damit beschäftigt, das traurige schicksal von Tirions Familie mit an die schwarzen Fäden des ihrigen zu spinnen. Aber mit dieser düstern Untätigkeit war ihr Verhängniss noch nicht erfüllt, und die Umstände stürzten sie bald in einen neuen Strom von begebenheiten.

Matieu hatte sein junges Weib von neuem verlassen müssen; ihre Liebe war so feurig wie ehemals, während einer ängstlichen Trennung hatte sie sich zu kühneren Schritten für die Zukunft vorbereitet, der Schuz, dessen sie damals genoss, war ihr noch dazu durch das schicksal entrissen, und das treue Weib zitterte nicht mehr vor den Gefahren, welche das entflohne Mädchen bedroht hattenfest beschloss also Babet, ihrem Gatten in den neuen Kriegen zu folgen. Die Geister waren damals zu einer solchen Höhe gespannt, dass alle Begriffe