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, und betete angstvoll, dass Matieu noch leben möchte; Marta sass mit gefalteten Händen, ein Bild des Kummers und der Ergebung: still rannen ihre Tränen an den kalten Wangen herab, nur bei dem lezten Gruss des blutenden Gatten seufzte sie krampfhaft auf; der Krieger selbst hielt die Hand über den Augen, – nur die elende Sara sass dumpf nachsinnend in einem Winkel des Zimmers, und hörte nichts von dem schmerzvollen Bericht. – Ich entkam, fuhr Tirions Kriegsgefährte fort; kurz darauf schlugen wir uns im feld gegen die Deutschen, da nahm eine Kanonenkugel meinen Fuss mit weg, – ich wurde geheilt; sobald ich meine Krüke führen konnte, eilte ich hieher. Nun habe ich seinen lezten Willen erfüllt. Gott tröste euch! Wäre euer Mann im feld gefallen, ich sagte euch: sein Tod war schön; aber soauf der Schlachtbank! – Gott tröste euch, und gebe uns treue Anführer! Geduldig werden noch Tausende fallen wie er, Tausende verstümmelt zu ihren Weibern heimkehren wie ich, um unsre Freiheit zu sichern, – aber so geopfert, so verraten zu werden. – – Er warf noch einen blick auf die traurige Gruppe, und indem er ging, sagte er für sich: Gutes Weib, wenn du dieses sähest, du würdest nicht über mein abgeschossenes Bein jammern. – – Noch schwerere Prüfungen standen der guten Seele bevor. Die fürchterlichen Scenen, in denen ihr Bruder verwikelt gewesen war, hatte sein ohnehin so schwarzes Blut in einem so unnatürlichen Grad erhizt, dass er in einen Zustand von Raserei verfiel, der alle Umstehenden mit Entsezen erfüllte. Die Schreknisse der Septembertage verfolgten ihn wie Furien, und peitschten sein belastetes Gewissen. Erstarrt und schweigend sahen die Nachbarn und Freunde den Ausbrüchen seiner Wut zu, und flüsterten dann unter einander von der Rache des erzürnten himmels, welche mehrere von den verführten Werkzeugen jene Abscheulichkeiten auf eine ähnliche Weise ergriffen hatte, – und wenn sie die satanischen Verführer noch im hohen Gepränge geheuchelter Tugend und Vaterlandsliebe daherfahren sahen, so ahndete ihr gestärkter Glaube an Vorsehung auch für diese eine richtende Zukunft, oder schauderte vor der Hölle, die troz der eisernen Stirne schon jetzt in dem finstern Abgrund ihres Herzens lauern möchte. Bang erwekte das Angstgeschrei des unglücklichen Bruders die arme Nanni aus dem matten Schlummer, der sie in dieser lezten Zeit umhüllt hatte, bis Joseph endlich unter den rächenden Dolchen der Erschlagnen, die sein brennendes Gehirn ihm vormahlte, sich windend, den gemarteten Geist aufgab. Nanni folgte ihm bald nach, sanft hinüberschlummernd, und in ihrem inneren Bewusstsein nun hell überzeugt, dass sie bald mit ihrem Henriot von allen schreklichen Träumen erwachen würde. Unter der Witwe Trauer und des jungen Weibes ängstlicher Furcht vor gleichem Unglück, unter der Pflege ihrer armen Freundin, die nun der einzige Gegenstand von Martens und Babets Sorgfalt war, und den Handarbeiten mit welchen sie sich bei ihren eingeschränkten Umständen fortalfen, ging der Winter dahin. In dieser ganzen Zeit schien Sara nur selten auf einen flüchtigen augenblick ihre Freunde zu kennen; sie sass meistens stumm und fast bewegungslos, und man würde sie für ein steinernes Bild angesehen haben, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein leichter Schauder über ihre Glieder geschlichen wäre. In lichteren Zwischenräumen arbeitete sie maschinenmässig und gedankenlos neben den beiden Weibern; Nanni's Abwesenheit bemerkte sie gar nicht; wenn sie die Weiber viel weinen sah, schien sie sich besinnen zu wollen, fuhr mit der Hand über ihre troknen Augen, und besah sie dann mit geistloser Verwunderung. Nach der politischen Revolution, die im Mai und Junius des Jahres 1793. ein nach Freiheit dürstendes, heldenmütig um Freiheit kämpfendes, und nur durch die Zauberformeln der Freiheir zu unterjochendes Volk, der eisernen blutigen herrschaft des finstersten, frechsten, unbegreiflichsten aller Tirannen zuführtenach dieser Revolution geriet Marta an einem Morgen wo einige ausgezeichnete Patrioten von der gestürzten Partei hingerichtet wurde, durch ein Geschäft in die Gegend des blutigen Schauplazes. Die Sache für welche ihr Gatte gefallen war, für welche der Gemahl ihrer geliebten Babet stritt, war ihr zu teuer geblieben, als dass ihr der gang der öffentlichen Angelegenheiten, so weit ihr stiller einfacher Sinn ihn zu verfolgen wusste, hätte gleichgültig sein können; und der Fall der milderen Partei hatte sie tief bekümmert. Durch ein trauriges ungefähr verspätete sie sich, und fand sich unversehens in den wilden Haufen verwikelt, der zum Richtplaz strömte; blass und zitternd eilte sie, sich durchzudrängen und ihren Rükweg zu suchen, aber ihre Verwirrung diente ihr schlecht, sie stiess auf den Zug, der die Verurteilten begleitete, und ausser sich von Schreken und Angst, ward sie wieder nach dem Richtplaz fortgerissen. Ihr Abscheu verratendes Wesen zog die Aufmerksamkeit einiger elenden Spionen der blutgierigen Anstifter dieses Schauspiels an; ihre rechtliche Kleidung, ihr Anstand liess nicht vermuten, dass sie den empörenden anblick aufgesucht hätte; mit boshaftem Mutwillen umringte man sie, versperrte ihr den Ausgang, und die weiche, gute Marta musste halb entseelt der Todesscene beiwohnen. Wie diese mutigen Opfer des Schiksals sich ihrem lezten augenblick nahten, und indem sie mit lauter stimme den Gesang der Freiheit anstimmten, ihre Unschuld besiegelten, und durch den lezten Gedanken ihrer fliehenden Seele tausend neue Jünger der Freiheit aufriefen, da konnte Marta nicht mehr widerstehen; sie fiel bei der heiligen Hymne ohne Bewusstsein den Umstehenden in die arme. Man brachte sie fort, einige von den schadenfrohen verworfenen Buben folgten ihr nach, um jede ihrer Bewegungen zu bewachen. Ihre ersten Worte als