1795_Huber_041_85.txt

noch durch eine schleunige Heirat, in welche die Eltern unter diesen Umständen vielleicht gewilligt hätten, um ihren einzigen Sohn bei sich zu behalten, ihren Geliebten entehren wollen. Sie entschloss sich, an seiner Seite zu fechten, seine Lorbeern zu teilen, oder neben ihm zu fallen. Matieu liebte zu zärtlich, Patriotismus und Bewunderung von Babets Mut spannten seine Einbildungskraft zu hoch, als dass er sogleich alles Bedenkliche dieses Vorhabens übersehen hätte: er liess sie voll Entzüken den Marsch an seiner Seite antreten. Noch aber hatten sie Paris nicht erreicht, so fühlte er, was durch die Nähe des Mädchens und durch ihre Verkleidung, seinem Mut und seiner Liebe drohte. Der redliche junge Mann zitterte, so oft bei den Waffenübungen die Kameraden über die schwachen Glieder des kleinen André lachten; er fühlte seine Brustschmerzen, wenn sie im Eifer zu lernen, das schwere Gewehr gegen ihren zarten Busen stiess; schlaflos lag er neben ihr auf der Streu, gepeinigt, dass er neben ihr lag, und noch mehr, dass zehn bis zwölf andere junge Bursche sie umgaben; tranken sie unter einander, so gab jeder Tropfen, den sie schlürfen musste, jeder ausgelassne Scherz der wilden Kameraden, jede ihrer Spöttereien über den jüngferlichen André, ihm einen Stich in's Herz. Wie er zu seiner Baase Marta kam, hatte er gelegenheit, ihre sanfte häusliche Sorgfalt für Nanni, deren von Jammer vergiftetes Leben in einer langsamen Auszehrung erlosch, ihren rührenden Kummer über Josephs immer mehr verwildernde Fantasie zu beobachtenund noch entging ihm ein teil ihres Verdienstes, denn sie verbarg Sara vor seinen Bliken, weil diese in der damaligen Zeit zu heftig erschüttert war, um unter Menschen zu erscheinen. Was er aber sah, flösste ihm den Wunsch ein, seine mutige, treue Geliebte in den Händen dieser vortreflichen Frau zu lassen. Er führte Babet zu ihr; seine Bitten, seine Schwüre, und vorzüglich die Angst, die das arme Mädchen schon jetzt unter dem lärmenden Haufen seiner Kameraden ausgestanden hatte, erschütterten ihren Entschluss. – Martens Vorschlag, nur als Matieu's rechtmässiges Weib zurückzubleiben, besiegte vollends ihre Schwärmerei; das Band ihrer Ehe ward von dem Gesez geknüpft, und Matieu zog allein mit seinen Waffenbrüdern an den Rhein. Babet teilte nun die menschenfreundlichen Geschäfte ihrer Baase, und besonders ihre sorge für Sara, deren trauriger Zustand sie um so lebhafter interessirte als die Gattung ihres Unglücks und der wilde Heroismus ihrer Rache mit der kühnen Begeisterung ihrer eignen Liebe in einiger Berührung standen. Sie ward in kurzem der treuen Marta, über deren Haupt jedes häusliche Unglück zusammenschlug, eine unentbehrliche Gehülfin. Seit zwei Monaten hatte die gute Frau nicht die mindeste Nachricht von ihrem Gatten; doch wusste sie ihn am Rhein, und sein lezter Brief war aus einer kleinen Festung in der dortigen Gegend gewesen. Die anfangs sehr übertriebnen Gerüchte von dem Unfall, der die republikanischen Truppen am 2. December in Frankfurt betroffen hatte, und von dem mannichfaltigen Verrat, der sie dort der Wut des Feindes preisgegeben haben sollte, hatten sie zwar erschrekt; indessen hatte sie nach allen Erkundigungen, die sie einzog, geschlossen, dass die Garnison jener kleinen Festung bis dahin nicht gewechselt hätte. Die grosse Unordnung, die in allen Kriegsgebieten herrschte, schnitt alle bestimmten und regelmässigen Nachrichten aus der Gegend ab, und Martens sanftes Herz überredete sich in frommer Ergebung, dass ihr Mann in Mainz eingeschlossen sein möchte. Gegen Ende des Winters trat eines Abends ein verstümmelter Kriegskamerad, der vom Rheine kam, in Martens traurige wohnung. Er fand sie mit Babet bei dem Krankenlager ihrer Schwester Nanni, die dem Tod sanft entgegen lächelte; denn in dem verhältnis wie ihre Lebenskraft verlosch, kehrte die Helle ihres Geistes zurück, die Würklichkeit schied sich von ihren schauderhaften Träumen, und ihre sehnsucht nach dem grab mehrte sich mit jedem deutlich gewordnen Bilde der fürchterlichen Vergangenheit. Der Soldat kündigte ihnen seinen Namen an, und schien vorauszusezen, dass sie diesen kannten: es war mir nicht genug, sagte er zu Marten, bloss geschrieben zu haben; ich bin vom Hospital zu Landau hieher geeilt, um auch bei meiner Rükkehr in mein Vaterland, meines braven Kameraden lezten Auftrag selbst auszurichten, – Marta erblasste: heiliger Gott, was macht mein Tirion? – Der Soldat ward betreten; sein Brief war nicht angekommen. Gute Frau, sagte er bewegt, hätte ich das gewusst, ich wäre vorsichtiger gewesen. Tirion fiel in Frankfurt, unter den Säbelhieben der wütenden Hessen. Ich hatte ihn wenig gekannt; wenn wir uns aber Abends auf der Wache manchmal trafen, sah ich ihn immer traurig sizen, während dass unsre frohen Landsleute schwärmten; und gerade so war es mir auch um's Herz, denn wie er an euch dachte, so war ich bei meinem weib und vier lieben Kindern. Das machte uns bekannter; und wie an dem abscheulichen Morgen unsre braven Krieger von ihren elenden Anführern verraten, umherirrten, begegnete ich ihm auf der Strasse, focht mit ihmaber ohne Gewehr, mit dem blossen Säbel bewafnet, ohne Anführung und Befehle, von den feindseeligen Einwohnern umgeben, fielen meine Landsleuteeuer guter Mann stürzte verstümmelt an meiner Seite, – mein armes Weib! rief er, und wie er den lezten Hieb auf dem Kopf empfieng, ächzte er mir noch zu: Grüsst meine Marta – – Nanni blikte mit glänzendem Auge zum Himmel, als erkennte sie dort des Bruders Geist; Babet lag schluchzend neben dem Bett auf den Knien