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männlicher aufrichtend behandelte er sie. Er sagte ihr endlich selbst, dass sie fürchterliche Unglücksfälle zu beweinen hätte; aber, sezte er hinzu, Ihr wunderbar wiedergekehrter Verstand, Ihr neugeschenktes Leben fordern Sie auf, die Vergangenheit zu überwinden, und das können Sie nur durch Ruhe, und durch Mässigung Ihres Gefühls, bis Ihr Körper wieder Kräfte gesammelt hatSo freundlich und tröstend sprach er ihr noch einige Augenblike zu, und wandte sich dann gegen die Alte, die er nach Babet fragte. Sogleich fing sie an, mit lebhafter Treuherzigkeit ihm zu erzählen, wie nichts auf der Welt, wenn es nicht der Zustand gewesen wäre, in welchem das arme Weibauf Sara deutendgelegen hätte, sie hätte abhalten können, um die jungen Leute zu sein, denn denkt nur, Bürger, Matieu ist zurück! Er ist mit der lezten Abteilung der Mainzer Garnison angekommen, und ist frisch und gesund, und wird nun nach der Vendee marschiren. – Indem trat Babet selbst mit ihrem mann herein; diese vier Menschen bildeten nun eine einfach häusliche Gruppe, Babet hatte ihre herzliche Freude über die achtung, mit welcher der Doktor ihren Helden behandelte, der ihm seine fragen über den Feldzug mit vielem Anstand beantwortete. Sie blieb neben Sara, und schien halb verlegen halb furchtsam, sie unterhalten zu wollen, und war doch nur mit ihrem Matieu beschäftigt. So hielt sie denn Sara's hände, und erzählte mit neuen Freudentränen: er war vier Monate eingesperrt; sieben Monate habe ich nicht gewusst, ob er noch lebte, oder schon längst unter freiem Himmel schlummerteach es fielen so viele arme Bürger! es weinen so viel unglückliche Weiber! – und heller flossen der guten Babet Tränen, bei dem Gedanken, dass auch sie dieses los hätte treffen können. Plözlich erinnerte sich Sara, dass Roger auch in der Gefahr wäre, aus welcher Matieu nur eben zurückkehrtelebt Roger? fragte sie, ohne zu überlegen, ob auch hier jemand Rogern kennte. – Roger? wiederholte Babet befremdet, und blikte fragend auf ihren Mann; Matieu hat ihn vielleicht gekanntwer ist Roger, liebe Sara? – Hier erwachte neues Bewusstsein in der Unglücklichen, und neues Gefühl ihrer Lage. Sie erkannte sich nun unter Fremden, und diese Entdekung, denn das war es für ihren Geist, erschrekte sie, wie ein Kind, das sich plözlich allein sähe. – Wo ist Marte? Nanni? – wo sind sie? wo ist Joseph? fragte sie verwirrt, und machte eine angestrengte Bewegung, sich aufzurichten. Sie hatte so laut gefragt, dass der Arzt sich erschroken gegen das Bett wandte, und ihr von neuem zusprach, sich nicht durch Angst und Unruhe zu schaden. Aber sie fuhr fort, mit Ungestüm nach ihren alten Bekannten zu fragen, und wo sie wäre, und wer Babet wäre? – der Arzt besann sich einen augenblick; dann sezte er sich zu ihrem Bett, und hob freundlich an: liebes Kind, Babet ist Martens Nichte durch ihren Mann; Marta liebte Sie zärtlichund wie sie starb – – denn es soll Ihnen nicht länger verhehlt sein, Marta ist ihrem guten Mann, der als braver Soldat fiel, nachgefolgt! Und bei ihrem tod übertrug sie ihrer Nichte und dieser redlichen alten Frau die sorge für Sie! Nanni und Joseph waren ihr schon vorausgegangen; ihnen allen folgte Ihre brave Freundin willig nach, denn sie wusste, dass Sara in guten Händen blieb. – – Sara hatte ihn still angehörtalso tot? alle tot? – Ja mein gutes Kind, antwortete der menschenfreundliche Arzt, bang auf den Eindruk lauschend, welchen diese traurigen Nachrichten auf die erschöpfte Maschine machen würden. Sie blieb ruhig, ja sie war nun viel ruhiger als vorher; ausser dass sie ein Paarmal die Lippen bewegte, wie eine person, die mit sich selbst beschäftigt ihre Gedanken in einzelnen Worten ausbrechen lässt, schwieg sie den übrigen Abend ganz still, und blieb es auch die folgenden Tage, während deren ihre Kräfte so zunahmen, dass sie bald von ihrem Lager aufstehen und anfangen konnte, sich in der warmen Sonne zu erquiken. Nach vier bis sechs Wochen war ihre Gesundheit fester, als sie jemals gewesen war, und ihr Geist hatte sich so erholt, dass man ihr nach und nach alles, was sich in jenem schreklichen Zeitpunkt zugetragen hatte, beibringen konnte.

Bald nachdem Marta ihre unglückliche Freundin wieder unter ihre Pflege bekommen hatte, war Tirion's Schwestersohn, der junge Matieu, auf seinem Durchmarsch mit einer Abteilung neuer Kriegsvölker von den westlichen Seeufern, zu ihr gekommen. Die herzliche Aufnahme, die er hier fand, und seine eigne Unruhe, bewogen ihn, der guten Frau anzuvertrauen, dass ein Mädchen, als Kriegskamerad verkleidet, ihn begleitete, und dass die Gefahren, denen die Ehre und das Leben dieses geliebten Mädchens, jeden augenblick ausgesezt wären, ihn Tag und Nacht verfolgten und quälten. Seine Babet war eine arme Waise, die Matieus Mutter, ihre weitläuftige Verwandte, erzogen hatte; sie liebten sich von früher Jugend, aber der Eigensinn seiner Eltern hatte sich einer Verbindung zwischen dem wohlhabenden Matieu und der armen Babet entgegengesezt. Von jugendlichem Eifer für das Vaterland zu streiten, begeistert, wäre er schon als Freiwilliger an die grenzen geflogen, wenn ihn Babets verlassner Zustand nicht zurückgehalten hätte; als aber jetzt der Befehl des Konvents ihn rief, hatte Babet, die mutige zärtliche Babet, weder zurückbleiben,