mit sterbender stimme, und warf sich, den Schauplaz nunmehr ganz erkennend, mit ausgebreiteten Armen über den kleinen, versunknen Hügel. Sie drückte ihren zerfleischten Busen jetzt schweigend an die kalte Erde, und suchte ihre irrenden Begriffe wieder zur Verzweiflung zu sammeln. Plözlich aber vernahm sie hinter sich ein leises Gemurmel von Stimmen, erst achtete sie dessen nicht; doch bald mit den zischenden Lüften in den Mauerzaken der Kirche, bald mit dem Grächzen der Nachtvögel vermengt, erregten die Menschenstimmen Entsezen in ihrer Seele. Auf ihre Knie gestüzt, beugte sie sich, um einen aufgerichteten Grabstein, nach der Gegend hin, wo die Töne herkamen. Eine flüchtige Helle erleuchtete den teil des Kirchhofs, wo ihr Auge umherspähte – ein grosses weisses Kreuz erhob sich dort am Eingang eines Gruftgewölbes; an dessen Fuss knieten zwei Gestalten, aus eben dem Steine gebildet, die von trübem Lichte umflossen, bald von dem Schatten eines sich bewegenden Menschen bedekt wurden, bald durch das Vorübergleiten des Schattens wiederum ganz hell erschienen. Sara unterschied endlich zwei Männer, deren einer an dem Eingang der Gruft gelehnt, der andre frei neben ihm stand; sie schienen sich leise zu unterhalten – eine neue Wolke entzog sie Sara's blick, doch waren sie nur wenige Schritte von ihr entfernt, und gespannter horchte sie nun auf. Der eine fing an, lauter zu murmeln, die stimme des andern schien von Seufzern erstikt; doch jetzt schwieg jener, und Sara hörte den andern im Ton des unaufhaltbaren Schmerzens rufen: O meine verlorne Schwester! – Ihres Bruders Namen stürzte über ihre Lippen, aber er ward zu einem unverständlichem Schrei; sie raffte sich auf, eilte über die Grabhügel der Erscheinung zu – es fiel ein Schuss, und von Ueberraschung und Schwäche niedergeworfen, sank sie wieder zwischen den Gräbern hin.
Eine von den zahlreichen Wachen des Viertels war auf den Schuss herbeigeeilt; man sprengte die tür des Kirchhofs, die während Sara's Ohnmacht am Abend geschlossen worden war, man durchsuchte alle Winkel, und fand nur Sara, ohne alles Bewusstsein bei den Gräbern liegend; die Kugel war neben ihr in einen Stein gefahren, aber es liess sich keine Spur dessen, der sie abgeschossen hatte, entdeken. Nach vielen Bemühungen brachte man Sara in das Leben zurück, aber ihr Verstand kehrte nicht wieder. Sie war in eine trübe, stumpfsinnige Raserei gefallen, während deren sie kein Zeichen von Erinnerung gab, ausser einem zerreissend wehmütigen Lächeln bei dem anblick kleiner Kinder, und einem ängstlichen Zittern bei dem Ton der Trommel, welches wahrscheinlich der Würkung beizumessen war, das dieses schmetternde Instrument am 21. Januar auf ihre Nerven gehabt hatte. Hörte sie einen Schuss, so rief sie oft: Teodor, Teodor! und fuhr über ihre eigne stimme zusammen; schien sich besinnen zu wollen, und versank wieder in ihre Dumpfheit. – Da in dieser Gegend der Stadt niemand sie gekannt hatte, und sie selbst nicht im stand gewesen war, die geringste Nachweisung zu geben, hatte sie die ersten Tage unter der Aufsicht und Pflege der dortigen Sektionspolizei zugebracht; allein die treue Marta hatte sie nicht lange in fremden Händen gelassen. Vom ersten Morgen nach der unseligen Nacht, wo sie umsonst auf Sara's Rükkehr gewartet hatte, war sie in ihren Nachforschungen mit dem ängstlichsten Eifer fortgegangen, bis das Gerücht jenes abenteuerlichen Zufalls ihr die Sektion ausfindig machen half, in welcher Sara aufgehoben war. Mit den gehörigen Beweisen versehen reklamirte sie die Unglückliche, als ihre Pflegbefohlne und ihre Freundin; man übergab ihr das verlassne geschöpf, und sie führte sie in Nanni's arme, der das schicksal Vernunft genug gelassen hatte, um über die Rasende zu weinen. Der erste Ton, den Sara bei rükkehrendem Bewusstsein unterschied, war ein Schrei der Freude, der in ihr dumpfes Ohr schallte, sie wusste nicht woher, sie wusste nicht aus wessen mund. Ihr Auge öfnete sich, oder es führte zum erstenmal wieder das aufgefasste Bild ihrem lange gelähmten geist zu, und sie sah sich in einem ihr unbekannten, kleinen Zimmer, das von einem halben Lichte, wie der Strahl der Abendsonne, erleuchtet wurde. In dessen feurigstem Schimmer standen, Arm in Arm vest verschlungen, ein junges weibliches geschöpf, das sie nicht kannte, und ein junger Mann in Soldatenkleidung. Ihr Kopf schwindelte, wie in einem Traum, und sie hielt ihre Augen eine Weile wieder geschlossen. Du lebst, du lebst! hörte sie nun ein Paarmal, bald lauter, bald erstikter rufen. Sie schlug die matten Augen von neuem auf, und sah jetzt das junge Weib neben dem Mann auf den Knien, mit aufgehobnen und gefalteten Händen, mit einem von Freudentränen bedekten Gesicht; sie schien stumm, und doch mit sich bewegenden Lippen, zu beten. Der rührende anblick riss gewaltsam an Sara's schwachem Gehirn; nicht Teilnahme – denn noch war ihre Seele ein blosser Spiegel, in welchem diese Gestalten sich abbildeten, ohne einen Begrif hervorzubringen – sondern bloss die äussere Anregung ehemaliger Eindrüke, mochte Tränen in ihr Auge ziehen wollen; aber zu ausgetroknet, um Tränen zu liefern brannte ihr feuchtes Auge, und tiefe Seufzer drängten sich in ihrer Brust. jetzt sah sie eine alte Bäuerin, die wahrscheinlich neben ihrem Bett gestanden hatte, vor sie treten, und erstaunt sich gegen das zärtliche Paar wenden. – Babet, sie lebt! rief sie. Sie rief umsonst; Babet kniete, stand auf, umarmte wieder den jungen Mann, betete wieder