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aber gerührt zu, als der Knabe aufsprang, und fröhlich rief: der Vater! der Vater kommt! indem er einem Nationalgarden entgegen lief, der im Hintergrunde der Strasse sich von seinem Haufen trennte, und auf sie zukam. Das Weib liess den Säugling in Sara's Armen, und ging zu ihrem Mann, der seinen Kindern liebkosend an der tür stehen blieb. – Du musstest ihn morden sehen! sagte sie schmerzlich, indem sie sich an ihn lehnte. Er richtete sie auf, reichte ihr sein Gewehr, seine Patrontasche, und sagte ernst und gütig: liebes Weib, du folgtest sonst meinem Rat, du hieltest mich für den Weiseren; willst du dich in dem wichtigsten Zeitpunkt unsers Lebens von andern stimmen lassen? – Sie weinte ungestümmer bei dieser Zurechtweisung, und nachdem er ihr eine Weile vergebens zugesprochen hatte, schien er noch ein leztes Mittel versuchen zu wollen, indem er herzlich nach dem jüngsten kind fragte, und heiter und sanft ihren Arm nahm, um mit ihr hineinzugehen und es zu sehen. Nun zeigte sie es ihm in Sara's Armen: Sieh, da ist es bei einer guten fremden Frau; die kost ihm schon lange, und weintdie magst du nur auch trösten! – der Mann betrachtete jetzt Sara, und wie diese sich aufrichtete, stuzte er, sein Gesicht drückte sogar Schreken aus; er blieb stehen, und fragte leise: wie kommt dieses Weib zu euch? – die Kinder erzählten nun schwazhaft, wie sie sich zu ihnen gesezt, wie sie so herzlich mit der Kleinen geweint hätte, und am Schluss ihrer lebhaften, verwirrten Erzählung näherten sie sich Sara, und wollten sie zum Vater führen. Aber dieser hatte unterdessen seine Frau beiseite gezogen, und kaum hatte sie ausgehört, was er ihr mit einem ziemlich heftigen und leidenschaftlichen Ausdruk zu sagen schien, so stürzte sie pfeilschnell auf Sara zu, riss ihr den Säugling vom ArmFurie, rief sie erbost, wolltest du auch des Kindes Blut trinken? Geh, und vergifte meine armen Kinder, mein Haus nicht mit deiner Gegenwart. – Sara wankte; die beiden älteren Kinder prallten erschroken zurück; der Säugling hieng schreiend an der Mutter, die ihn heftig an sich drückteda trat der Mann hinzu, nahm den Knaben und das Mädchen bei der Hand, und sagte missbilligend zu seinem weib: ist sie nicht elend genug durch unsern Abschen vor ihr? Geht hinein, lasst siearmes Weib, was machte dich so unmenschlich? rief er noch, indem er einen traurigen blick auf sie warf, und in das Haus eilte. Die tür ward verschlossen, Sara blieb allein! – man floh sie also, als wäre ihr anblick vergiftend; der Mann hatte also ihre Taten genannt, und durch diese erschien sie diesen schmeichelnden Kindern, diesem weichen weib, wie ein Ungeheuer! – Sara betrog sich nicht; der Mann hatte bei der Hinrichtung seinen Posten in ihrer Nähe gehabt, er hatte sie unter ihren abscheulichen Gefährtinnen erblikt, und sie nach ihrer Handlung wohl mit denselben verwechseln könnennun fand er schaudernd seinen Säugling an dem Busen des Weibes, die ihr blutiges Schnupftuch an eben diesem Busen verbarg!

Von diesem augenblick an war Sara vernichtet; sie fühlte sich gebrandmarkt, ausgestossen von den Menschen, unfähig ihr Antliz aufzuheben vor ihnen; aber diese, die sie von sich gestossen hatten, konnte sie nicht hassenhassen konnte ihr einmal erweichtes Herz nicht mehr! Sie warf sich in unaussprechlicher, dumpfer Verzweiflung auf die Bank. Die Nacht brach ein, und vermehrte noch mit ihrem Dunkel das Grauen ihrer Seele. Sie irrte, an diese Gegend wie gebannt, umherschaudernd vor der Rükkehr nach Haus, wo Joseph und seine Gesellen versammelt waren, schaudernd vor der Stille ihrer Zimmer, wo sie die Bilder der Vergangenheit mit kalter Bitterkeit abzuwehren, nicht mehr die Kraft in sich fühlte, und mehr noch schaudernd vor den gewöhnlichen Tummelplätzen der wütenden Parteien. Unter dem Gewühl von quälenden Vorstellungen, mahlte sich dann und wann des Säuglings Lächeln, mit ihres Kindes Bilde verschmolzen, vor ihren Augen; sie fühlte seinen sanften Atem an ihrem Hals, sie sah seinen hellen blick, das fremde Kind und L***'s Tochter wurden Eins in ihrer Fantasieund sie weinte endlich laut nach ihrem kind, das Grab ihres Kindes schien ihr endlich der einzige Flek in der ungeheuern Stadt, der sie gastfrei aufnehmen würde. Sie eilte durch die Strassen, und suchte den Kirchhof, wo sie so oft die Bitterkeit ihres Herzens auf dem Erdhügel, der das unschuldige Schlachtopfer dekte, genährt hatte; und von Finsterniss umflossen, sank sie endlich sinnlos, und von Jammer erstarrt, dort nieder.

Es mochte schon tief in der Nacht sein, als ein neuer Zufluss von Leben die Würkung der Winterkälte, des feuchten Bodens und ihrer tödtlichen Erschöpfung überwand, und sie aus diesem schreklichen Zustand erwekte. Der Himmel war mit finsterm Gewölke bedekt, dessen zerrissene massen nur selten eine trügerische Dämmerung auf die Gegenstände umher fallen liessen. Anfangs sezte sich Sara, ganz unbewusst wo sie war, auf das Fussgestell eines alten Grabmals, und starrte das schwarze Gebäude vor sich an, das sie erst nach einigem Nachsinnen für eine Kirche erkannte. jetzt flimmerten ein Paar Sterne über dem gotischen Dach, und in dem dunkeln Gewirr von Gestalt und Chaos, das vor ihren Augen schwamm, unterschied sie einige morsche Denkmäler des Todes. O mein Kind! seufzte sie