1795_Huber_041_80.txt

. Sie sank endlich erschöpft auf einer steinernen Bank, an der tür eines bürgerlichen Hauses nieder. Gedankenlos sass sie in anscheinender Ruhe, als der ungewohnte Ton von Kinderstimmen in ihr Ohr drang. Sie blikte auf, und sah einen Knaben und ein Mädchen von sieben bis neun Jahr vor dem haus spielen. Der Knabe hatte sich eine Nationalfahne gemacht, die er hoch emporschwang, und ein Kriegslied dazu sang; das Mädchen baute mit Steinen am Boden. Wie der Knabe ein Paarmal das Refrain seines Liedes gesungen hatte, welches Triumph über den Tod des Tirannen ausdrükte, sah das Mädchen, das ältere von den beiden Kindern, auf, und sagte mit einem sanft traurigen Wesen: Henri, es ist nicht recht, dass du so jauchzest, da die Mutter weint, und der Vater so ernst von uns ging. – Ach, sprach der Bube leichtin, ich singe das Siegeslied über den Fall des Tirannen, das die Bürger gestern beim Trinken sangen. – Lieber Henri, weisst du nicht, wie der Vater neulich sagte: bei einem toten Feind jauchzt nur der Feige? Er ist ja nun tot! Lass auch dein hässliches Jauchzen. – Der Knabe war näher zu seiner Schwester getreten, und sah sie nun fragend an: wer ist tot? – der Tirann, von welchem du singstder arme König! wie die Trommel so fern tönte, ward er ja geköpftder arme König! spottete Henri nach; man sieht wohl, dass du eine Aristokratin bist. – Henri! sagte das Mädchen, errötend vor Zorn, und warf ihre Steinchen zusammen; das ist nicht recht von dir, dass du mich schimpfest. Dass der König tot ist, geht mich nichts an; aber die Mutter sagt, wenn er denn auch ein Verräter gewesen wäre, seine Kinder wären doch arme Waisen, und wir sollten Gott bitten, dass ihr Unglück das Heil des volkes gründen möchteund Henri, sprach sie in Tränen ausbrechend, die Mutter sagt, mit Hass im Herzen könnte man Gott um nichts bitten. – Henri nahm ängstlich ihre hände, bat, versicherte, er wollte ja dem kleinen Kapet nichts tun, er wolle ja Gott für ihn bitten; die Kleine liess sich lange nicht versöhnen. Endlich ward aber doch aus ihrem Streit ein kindliches Geschwäz, indem die Schwester ihrem Henri von dem Jammer einer Familie erzählte, wo der Vater vor kurzem hingerichtet worden wäre. Sie sagte, nun müsste der kleine Kapet auch so weinen, wie die Kinder dieses armen Mannes, undsezte sie schluchzend hinzuwenn nun unser Vater auch so fortgerissen und gerichtet würde? – der Knabe richtete sich schnell auf; sein offenes Auge blizte unter Tränen: O nie, nie! er ist ein Patrioter kann im Kriege fallen; aber dann weinen wir nicht, dann starb er für die Freiheit. – Die Kleine schüttelte den Kopf, und weinte still fort. Der Uebergang, den dieses kindische Gemisch von natürlichem Gefühl und nachbetendem Heroismus in Sara's Wesen hervorbrachte, war nur bei der dumpfen Abspannung möglich, zu welcher ihre Nerven gesunken waren. Sie war aufgestanden, und hatte sich dem Mädchen genähert, ihr selbst unbewusst füllten Tränen der Teilnahme an ihrem Kummer ihre Augen, sie streichelte des Kindes Wangendas weiche geschöpf weinte, durch fremdes Mitleid gerührt, noch heftiger; und von einem anblick, dessen sie so entwöhnt war, hingerissen, sass jetzt Sara neben ihr, tröstete sie, rief den Bruder herbei, und versöhnte ihn mit der Schwester, die ihn wiederum um Vergebung bat, als wäre ihre Heftigkeit weit schlimmer gewesen, wie das Wort, durch welches er sie erregt hatte. Während dieses Gesprächs trat ein noch ziemlich junges Weib, mit einem Säugling im Arm aus dem haus. Es war die Mutter dieser Kinder; wie sie eine Fremde mit ihren Kindern beschäftigt sah, ging sie näher hinzuohne alle Erklärung entstand nun ganz natürlich zwischen diesen Menschen ein scheinbarer Einklang von Empfindungen. Sara's Tränen waren eine wohltätige Erschlaffung ihres gepeinigten Gehirns, die guten Kinder, die sie zuerst veranlasst hatten, weinten jetzt aus blinder Teilnahme mit, und bei ihrer Mutter brauchte es keiner grossen Anregung, um ihre Traurigkeit zu erneuernsie drückte den Schmerz aus, den so manches stille Herz in dieser unermesslichen Stadt heute so tief empfand; eben den Schmerz glaubte sie auch in Sara's Tränen zu lesen, und fühlte sich dadurch zu der schönen Fremden hingezogen. Der Säugling schmiegte sich unterdessen schmeichelnd an die Mutter, und wie diese sich nicht mit ihm abgab, bog er sich zu der Fremden, spielte mit einem Bande an ihrer Kleidung, blikte mit heitern Kinderaugen an ihr hinauf, und legte seine kleinen hände lächelnd an ihr Gesicht, als wollte er ihr beweisen, was er tue sei Zutrauen und Liebe.

Hier zersprang die harte Rinde, die sich um Sara's Herz gebildet hatte. Im Gewühl der Menschen war sie des Anbliks der Menschheit entwöhnt worden: hier lachte sie ihr zum erstenmal wieder in ihrem reinsten, sanftesten Abdruk entgegendas war ihres Kindes rührender blick, so berührte seine schwache schmeichelnde Hand ihre Wangen! Ihr Herz brach fast unter dem gewaltsamen Zuströmen so fremdgewordner Empfindungen. Schluchzend, tief atmend riss sie das Kind an sich, drückte es gegen ihre Brust, vergass sich und die Vergangenheit in dem dunkeln Bewusstsein, wieder einmal Weib zu sein. Die Mutter sah ihr befremdet,