Geistes gehört mit zur Schönheit der ganzen Schöpfung. Alles schön und am besten machen kann das Menschengeschlecht nie, noch weniger ein einzelner Mensch; und in dieser Zeit, in diesem land, wo die lezten Bande der Gesellschaft vom Laster gelöst werden" – Schnell verlosch hier der glänzende blick des alten Mannes; er kehrte von dem schaudernden Bild des Jahrhunderts wieder zu der Lehre zurück, die er dem aufblühenden Enkel gab. – "Aber glaube mir, Sohn, jede Bemühung etwas Gutes zu tun pflanzt dir dein verheissenes Paradies, sie ist ein Stein zum Gebäude; und siehst du es auch nie fertig, so kannst du doch einst zu deinem Enkel sagen, wie ich zu dir: ich hinderte den Bau niemals!" Dieses menschlich weise Geschwäz war für Rogers gutes Herz mehr gemacht, als für seinen gewaltigen Sinn. Wenn er – um in der Allegorie seines Grossvaters zu bleiben – so manchen tauglichen Stein herbeischleppen sah, den der Baumeister verwarf, oder ein schlechter Arbeiter verkleisterte, ja wenn er alle Augenblike wahrnahm, das Gebäude könnte nach der Anlage unmöglich bestehen, sondern müsste krumm und schief und der Welt zum Spott ausfallen, bis es endlich gar über die saubern Künstler zusammenstürzte; so ward es ihm heiss vor der Stirne, er sann und mass seine Kräfte, und fragte furchtsam den freundlichen Ahnherrn: ob es nicht besser sein möchte, die ganze Gaukelbude umzureissen? Lächelnd über den Feuereifer des Jünglings sagte dieser: Und wenn der Schutt nun da läge, wo wohnte man dann, und wer hälfe dir wiederbauen? – Vater, die natur gab jedem geschöpf die Freiheit sich seine wohnung zu wählen, und sendet nur Sonne, Tau und Regen, damit es habe was es zu seinem Gedeihen braucht; warum sollte der Mensch nicht frei leben, wie sein Sinn ihn leitet? Und was braucht er andre Geseze, als die ihn sein bestes Gedeihen lehren? – Roger, mein Sohn! antwortete Bertier mit Ernst, fehlte dir je die Freiheit rechtschaffen zu sein? Von der Tugend führt nur Ein Scheideweg – in's Grab; und kein Missbrauch der Menschen versagte jemals der Seele die Wahl zwischen Rechttun oder Sterben, und ich – hier nahm er seine Müze zwischen seine gefalteten hände, und beugte sein weisses Haupt – Dank sei es meinem gnädigen Gott, ich entging acht und siebenzig Jahre der furchtbaren Wahl. – Tief gerührt drückte der wakere Jüngling des ehrwürdigen Greises hände an seinen Mund, und lenkte heiter in seinen stillen Lebensgang wieder ein.
So lohnend das Gefühl erfüllter Pflichten für den alten Bertier war, so mochte er Rogern doch nicht zu eben der dornenvollen Bahn anführen, die er durchwandert hatte; er hatte ihm vielmehr immer das Landleben als die einzige noch übrige Freistätte eines unabhängigen Gemüts; und den Akerbau als diejenige Beschäftigung, die den Menschen zum nüzlichsten Bürger macht, geschildert. Er hatte ihn einige Reisen machen lassen, um an Ort und Stelle praktische Kenntnisse zu erwerben, und als ihn der oben erwähnte Vorfall in seinem amt von Saumür vertrieb, freute er sich, seinen Liebling in den Würkungskreis, den er für so wohltätig hielt, selbst einzuführen. Es waren nun seit Antoinettens Tod einige Jahre verflossen, und hatten das Band zwischen Sara und Teodor immer fester geknüpft. Der Bruder glaubte die kleine Abgeschiedne zu versühnen, indem er seiner übrig gebliebnen Schwester alle Liebe widmete, die er Antoinettens Liebe bedürfendem Herzen versagt hatte; und Sara vereinigte den ganzen Schaz ihres innigen Zutrauens, ihrer sorgenden schwärmerischen Herzlichkeit, den ihr armes Pflegkind sonst geteilt hatte, auf ihren teuern Teodor. Einsam und friedlich floss ihnen die Zeit dahin, und ihr tätiger Geist, ihre empfängliche Fantasie füllte den Mangel an begebenheiten, bei welchem sie ihre erste Jugend verlebten, überflüssig aus. Mit wehmütiger Freude sah Seldorf diese beiden Geschöpfe, in denen alle seine Pflichten, alle seine Bande an das Leben vereinigt waren, wachsen und sich vervollkommnen. Sonst war der Schimmer von Heiterkeit, der sich in der lezten Zeit vor Antoinettens Tod über ihn verbreitet hatte, mit ihr wieder verschwunden; ihr Grab verschloss zwar den lezten, erbitternden Zeugen seines Unglücks, aber die stumme tote konnte nicht wie die lächelnde Leidende sein vergiftetes Herz mit der Vergangenheit aussöhnen.
In dieser Stimmung fand der Besuch des neuen Nachbars die Seldorfsche Familie. Das Gerücht, das in der ziemlich menschenleeren Gegend von ihr verbreitet war, konnte Bertier keinen Aufschluss weiter geben, und liess ihn höchstens etwa auf einen in Ungnade gefallenen oder verarmten Grossen raten. Zu bekannt mit dieser Art Menschen, um etwas vortrefliches zu erwarten, und viel zu brav, um unberechtigt das Böse vorauszusezen, ging er, in Begleitung seines Enkels, aus blosser altergebrachter Höflichkeit zu Seldorfs. Solche Menschen waren aber früh genug über einander verständigt. Der anblick von Seldorfs Kindern, die einfache und stille Güte in dem Betragen des Vaters gegen sie, Teodors lebhafte Bereitwilligkeit den Eindruk zu empfangen, den Rogers Bekanntschaft auf ihn machte, Sara's schüchterne Höflichkeit gegen den Jüngling, ihre kindlich-ehrerbietige Freundlichkeit gegen den braven Alten – alles flösste diesem gar bald achtung und Zutrauen ein. Freimütig empfahl er seinen Roger Seldorfs Güte, und forderte die beiden jungen Männer auf, nähere Bekanntschaft mit einander zu machen, um wo möglich Freunde und Gespielen zu werden. Sara errötete in diesem augenblick, und mit einem dunkeln Gefühl von Eifersucht trat sie näher zu Teodor, welcher, Rogers Hand drükend, ihn voll Eifer bat, den Gedanken, den sein Grossvater