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aber jener allein unter den wirklich Ermordeten gewesen sein musste. – L*** war, wie durch unsichtbare Geister, gerettet worden, und es fand sich bald, dass seine Existenz jenen revolutionnairen Staatsmännern nicht viel weniger zu schaffen machte, als der unglücklichen Sara. Sie hörte dort, dass ihr Verderber eben so treulos an seinem Vaterland gehandelt hatte, wie an seiner Geliebtenin dem neuen Kreis von Begriffen und Verbindungen, in welchen sie bei dieser Veranlassung geriet, schraubte sich ihr Geist, der angefangen hatte, in eine vielleicht heilsame Dumpfheit zu versinken, zu einem neuen Fieber auf, das sie immer weiter von ihrer Bestimmung entfernte.

Nun schwindelte sie eine Weile auf den Höhen des berges fort; und wahrlich, sie war unter den Handlungen des Mords am zweiten September der Menschheit näher gewesen, als unter diesen politischen Rechenkünstlern, die in dieser Zeit besonders anfiengen, ihr Zerstörungssystem zu gründen. Schon damals hörte sie über die blutigen Zwangsmittel, über das Reich des Schrekens, über die Proskriptionen, über alle die Plagen, welche späterhin vom Berge herab auf das unglückliche Frankreich gehäuft wurden, beratschlagen. Auch sie ward, mit so vielen andern, verführt, die heilige Freiheit für ihre zum teil zufälligen Symbole und Formeln aufzuopfern; auch sie trug das ihrige bei, sie in die hände ihrer abgesagtesten Feinde zu liefern, die unter der Larve von Beschüzern, mehr mit Nebenbuhlern als mit Gegnern um den Preis der Unterdrükung und der Tirannei kämpften. Sie traf auf dieser Laufbahn wiederum mit Wesen ihres Geschlechts zusammen; nur waren es hier meistens feine, zierliche, verkehrte Geschöpfe, die in die kalte Raserei dieses oder jenes Demagogen einstimmten, weil sie überhaupt eines Gözen bedurften, der sie aus Dankbarkeit an dem Weihrauch des blinden Haufens teilnehmen liesse. Wenn aber ein solches Weib die Deklamationen, die Sophismen, die Phrasen, auf welchen ihr Freund seine herrschaft über das getäuschte Volk, über Gut und Leben jedes Bürgers gründete, im sinnund herzlosen Eifer nachplappertewie verschieden war davon Sara's leidenschaftliche, aber immer wahre und innige Stimmung, ihr in den traurigsten Verirrungen immer nach sittlichen Beziehungen, nach sittlichem Zusammenhang strebender Geist, die edle und reine Glut, mit welcher sie für die Wahrheiten entbrannte, die von der unseligen List der Heuchelei mit dem verderblichsten Irrtum vermischt wurden! So zeichnete ihr angeborner Wert sie auch unter den Abarten ihres Geschlechts aus, mit denen ihr feindseliges schicksal sie in die unwürdige Gemeinschaft gebracht hatte; aber die notwendige Rache der beleidigten Weiblichkeit blieb darum bei ihr nicht aus. Wie jeder Tag ihren Kopf mit neuen politischen Tollheiten füllte, so starb jeden Tag eine Faser ihres Herzens ab; selbst die Erinnerung, Tochter, Geliebte, Weib, Mutter gewesen zu sein, äusserte sich endlich nur in heftigeren Ausbrüchen des Parteigeists auf den Tribünen der Volksgesellschaften, in den Sälen der Sektionsversammlungendenn dortin drängte sich jetzt jene Sara, deren stimme ehemals aus mädchenhafter Schaam lieblich zitterte, wenn sie einem fremden Knecht einen Auftrag ihres Vaters ausrichtete, dort stand sie jetzt, und stürmte ihrer Partei wilden Beifall zu, oder höhnte kek die schwächeren Gegner.

Der grosse Streit über das schicksal Ludwigs beschäftigte jetzt die Stellvertreter des volkes; und Sara, die am zehnten August seinetwegen gezittert hatte, weil L*** für ihn stritt, sah nun dem augenblick seines Todes ungeduldig entgegen, weil L*** auch um seinetwillen sie verraten hatte, weil Teodor um seinetwillen seinem Vater entsagt, und vor den Augen seiner unglücklichen Schwester das los der Volksverräter geteilt hatte, weil seine falschen treulosen Verteidiger die Wiege ihrer Kindheit zerstört, das Alter ihres Vaters unter Armut und Gram gebeugt hatten. Höchst erbitternd vermischte sich bei ihr das Gefühl ihres Schiksals mit jener Angelegenheit, deren Wichtigkeit selbst ihr wundes Herz beleidigte, und sie mit unmutigen Zweifeln an Vorsehung und Würde der Menschheit erfüllte. Tiefer konnte ihr moralisches Wesen nicht sinken, trauriger konnte der Abglanz der Gotteit auf ihrem schönen Gesicht nicht verlöschen, als in dieser Zeit, wo ihre Züge entweder von todter Abspannung, oder zwekloser Unruhe, Hass und Hohn entstellt wurden. Ihrer zerrütteten Seele fehlte nur noch ein Stoss, um den gespannten Faden ihrer Vernunft zu zerreissen, und diesen Stoss führte das schicksal herbei.

Das Todesurteil über den König war gesprochen: kalte, menschenfeindliche Neugierde trieb sie an, sich als Nationalgarde verkleidet zu dem Dienst im Tempel zu drängen, um seine lezten Stunden zu beobachten. Die heldenmütige Fassung, die einfache Güte, welche das ferne Europa an diesem Schlachtopfer der Politik bewundert hat, schrumpften vor ihrem bittern Hass zur elenden Alltäglichkeit zusammen. Am Tage seiner Hinrichtung stand sie unter den weiblichen Zeugen dieses schreklichen Schauspiels, und lachte bitter auf, dass, um diesen Menschen zu tödten, eine ganze Stadt im Auflauf, ein Heer unter den Waffen warund vor ihren Augen war Teodor gemordet worden, ohne dass die Ruhestätte seines Leichnams zu finden gewesen war! Sie befand sich nahe genug am Richtplaz, um die Heiligsprechung des unglücklichen Königs durch den Priester, der ihn begleitete, zu vernehmen. – Heilig! murmelte sie knirschendwas ist der Gotteit heilig? was ist es den Menschen? – Sie tauchte ihr Schnupftuch in das herabrinnende Blut: Im Blut eines noch Heiligeren will ich dich wieder rein waschen! rief sie, an L*** denkend. Ihr Kopf fing an, so vieler Wut zu erliegen; ermüdet drängte sie sich aus dem Gewühl heraus, und eilte ohne bestimmten Endzwek durch einige entfernte Strassen, wo eine bange, feierliche Stille herrschte