verstummte, von dem unnatürlichen Streit zwischen dieser Erinnerung und ihrem Vorsaz überwältigt. Sie nahm nun mit ihrem finstern Unglücksgesellen Abrede; er musste um das gefängnis herumschleichen, seine höllischen Gehülfen hatten bei jedem Posten Aufpasser; und gegen Mittag wusste er genau das Gemach, worin L*** festsass, die Zahl seiner Mitgefangnen, seine Kleidung selbst. Er beschrieb der gierig horchenden Sara jeden Umstand; und wie der abscheuliche Zeitpunkt erschien, war sie an der Spize einer Rotte, die in jene wohnung des Schrekens eindrang. Um sie her jauchzte der blutdürstige Haufen, jauchzte convulsivisch aus ihm selbst die sich sträubende Menschheit, und wollte das Aechzen der Erschlagenen, durch die er seinen Weg bahnte, überjauchzen. Mit jedem Schritt in der entweihten Freistatt des Gesezes ersann die Verzweiflung des Verbrechens neue Gräuel, um sich gegen die eben begangenen zu betäuben. Flüche, wildes Geschrei, schallendes Gelächter tobten um Sara, die schweigend mit gezüktem Dolch, im Ausdruk des bittersten Grimms vor ihnen herging – und immer starrer ward ihr Grimm durch die Abscheulichkeiten, die ihre Sinne bestürmten und abstumpften, und hielt ihre schaudernde Seele zusammen. Vor ihr stürzten die Unglücklichen, Erbarmen flehend, nieder; hoch stand sie mit erhabnem Angesicht unter dem wälzenden wogenden Gewühl der Mordenden und der Sterbenden, liess ihr Auge kalt über die Erschlagnen hingleiten, und spähte nur nach ihrem Opfer. jetzt drängten sich die Henker gegen seine tür, deren Eingang die arme Schlachtopfer zu erschweren gesucht hatten; die schwachen Bollwerke stürzen ein, sie fliegt auf, die Gefangnen innerhalb treten in einem halben Zirkel zusammen, entschlossen ihr Leben teuer zu verkaufen – in ihrer Mitte steht L***. Sara, mit fliegendem Haar, das weisse Gewand vom Blut der Erschlagnen, über welche sie schritt, beflekt, hebt den Arm, hebt das Eisen, das sie für diesen augenblick rein bewahrt harte. – Du bist mein, ruft sie, nur ich darf dich richten! – und stürzt auf ihn zu. Sara, Sara! erschallt plözlich eine bekannte stimme aus dem Mordgewühl um sie her – es ist Teodors stimme! Nur diese, nur die stimme der natur vermochte noch in dem durch Rache verwilderten Herzen wiederzutönen; bei der leisen unerwarteten Anregung brach die Kraft ihrer gespannten Nerven: und Sara sank sinnlos unter den Geschlachteten nieder.
Joseph hatte sich nicht von seiner Heldin entfernt; wohin er sich auch in seinem blutigen Geschäft wandte, hatte er sich immer wieder gegen die Seite hingedrängt, wo sie fürchterlich und bewegungslos stand; jetzt hörte er ihre dumpfe, erschütternde stimme ihres Verderbers Todesurteil rufen, und in eben dem Nu sah er sie stürzen. Er eilte zu ihr, riss sie auf vom blutigen Boden, und dem Unmenschen fluchend, den sie, wie er glaubte, nicht früh genug ereilt hatte, trug er sie von dem abscheulichen Schauplaz hinweg. Erst spät kam Sara in einem Hof des Gefängnisses wieder zu sich. Ihr erster laut rief ihren Bruder. Sie fragte ungestümm, mit irrendem blick, ob ihr Bruder gerettet sei? Erstaunt und verwirrt fordert Joseph Erklärung, sie weiss ihm keine zu geben, rafft sich auf, fliegt durch die schaudernden Zuschauer, durch die brüllenden Mörder, dringt wieder in das gefängnis, findet Blut, Leichen, Gewinsel – aber ihr Opfer und ihr Retter von der Blutschuld waren nicht unter den toten, nicht unter den Sterbenden. War es eine Täuschung gewesen? War es des Bruders Geist gewesen, der sich zwischen sie und noch grössere Gräuel stellte? war sein zerrissner Leichnam so entstellt, dass sie ihn nicht unterscheiden konnte? oder hatte er sie gerettet? – Zitternd, L*** zu erkennen, und ihren Bruder umsonst zu suchen, blikt sie unter den toten umher. Nur Teodors stimme im Ohr, ruft sie sich selbst zu: Sara, Sara! als würde der Ruf jenes Echo erwecken – umsonst, die toten bleiben stumm!
Um der Menschheit willen, deren Genius damals sein weinend Angesicht verhüllte, um unsers Mitgefühls willen bei den früheren Leiden der noch schuldlosen Sara, lasst mich schweigen, wo ich keine Worte habe, für die Finsterniss ihrer Seele, für den Wechsel von Wut und Schmerz, in welchem sie ein unnatürliches Dasein hinschleppte. In ihren wilden, düstern Stunden gab Marta schonend auf sie Acht, und tröstete Nanni, die vor Weinen verging, über den Traum der Unglücklichen, der ihren Geist mit so blutigen Bildern gefangen hielt. War sie ruhiger, so nahte sie sich ihr mit freundlicher Furchtsamkeit, sang ihr vor, und schmeichelte ihr bittend, bis sie einen augenblick Ruhe oder Nahrung genoss. Raimond und Tirion waren nun nach der Gränze gewandert, und Joseph blieb allein bei den Weibern zurück. Aber er lebte ganz in seinem fanatischen Taumel, und nur Sara's Interesse mochte ihn auf Augenblike herausreissen. Seit jenem entsezlichen Tage war es ihr einziges Bestreben gewesen, Nachricht zu erhalten, ob L*** gefallen sei, und ob Teodor noch lebe. Es gelang endlich Joseph durch seine unermüdeten Nachforschungen, ihr ein Mittel anzuzeigen, wie sie dies erfahren könnte; und sie wusste sich bei einem von den Männern, welche die ächten Septemberlisten besassen, Eingang zu verschaffen. Ihre Stimmung, ihre Sprache, ihr ganzes Wesen fiel auf; man erkannte in ihr einen Stoff, den man einst für gewisse Plane würde benutzen können; ihre Bitte wurde gewährt, und es ergab sich aus den geheimen Registern, dass Teodor wirklich mit L*** auf der Liste der zum Tod bestimmten Gefangenen gestanden hatte, dass