letzte warnende Zuruf durch Rogers Namen, wie ihn Raimond vor ihr aussprach, in Sara's betäubten Ohren verhallt, und er hatte nur neuen Durst nach Rache erwekt. In den wenigen Stunden, die sie nach diesen gewaltsamen Auftritten allein zubrachte, schritt sie, wie von bösen Geistern getrieben, umher, und durchdachte ihr durch L*** zerrüttetes schicksal; und je schärfer sie sann, desto klarer erkannte sie seinen tief angelegten Plan, sie zu hintergehen, verstand die berechnete Zweideutigkeit seiner Aeusserungen, die ihn sogar vor dem Vorwurf schüzen sollten, dass er sie hätte betrügen wollen. In ihr unbegränztes Zutrauen eingewiegt, durch ihre Unkunde des Bösen sicher gemacht, durch den Wert der Opfer von der Gröse, der Allmacht ihres Gözen immer mehr durchdrungen, hatte sie ihren Vater betrogen, ihre jungfräuliche Würde verloren, Rogers Treue von sich gestossen, Bertiers Fürsorge verschmäht und endlich den einzigen Lohn ihrer Leiden, ihr geliebtes Kind, dem Tod in die arme geworfen. Von diesen Betrachtungen, die ihr Gehirn versengten, rief sie Joseph zu den Versammlungen seiner gefährten ab, wo sie allgemeine Schmach, allgemeines Elend um Rache schreien hörte; und so löste sich ihr ganzes Wesen in Hass und Wut.
In diesen höllischen Zusammenkünften wurde ein teil der Gräuel verabredet, welche die ersten Tage des Septembers 1792. auf ewig zu den schwärzesten machen, die jemal die Jahrbücher der Freiheit geschändet haben. Sara ward bald in den Schrekensgeheimnissen eingeweiht, insoweit wenigstens Rache und blinder Fanatismus dabei mitwürkten; denn die noch verhassteren, geheimen Triebfedern der Politik, der Herrschsucht, des Eigennuzes entgingen ihrem leidenschaftlichen blick. Wenn indessen noch etwas ihr einen geheimen Schauder vor dem Pfad einflösste, auf welchem sie wandelte, so war es die Gemeinschaft mit einigen Weibern, die sie bei jenen Beratschlagungen antraf. Diese entarteten Geschöpfe hatten Mord und Aufruhr zu ihrem Gewerbe gemacht, weil sie nur darin erlangten, was der Mensch von der Wiege an bis zum grab sucht: einen Plaz im gesellschaftlichen Dasein. Wenn sie aber Sara als ihres gleichen ansahen, und diese sie im stolzen Grimm von sich schleuderte, so sehnte sie sich um so schreklicher nach den Opfern der reinen Rache, zu welcher die Herabwürdigung ihres Geschlechts, selbst in diesen Furien, sie aufzufordern schien. Seitdem ihr Wille und ihre Kräfte zurückgekehrt waren, hatte sie vorzüglich gestrebt, L***'s Aufentalt zu erforschen, und so blutig ihre Absicht war, so fühlte sie sich doch noch so menschlich, ihm der ihren Glauben an Tugend, Liebe und Treue vernichtet hatte, nur das Leben rauben zu wollen. Sie verschloss anfangs ihren Plan in ihrem innersten Herzen, aber noch war dieses Herz an Wut und Rache nicht gewöhnt; die feindseligen wilden Gefühle pressten es quälend zusammen, und schrekten ihren Geist mit den entsezlichsten Bildern, bis die Menschen, mit welchen der Zufall sie in Verbindung gebracht hatte, sie aus diesem unbestimmten Zustand emporrissen. Joseph erbot sich zum Gehülfen ihrer Rache, und sie trug ihm auf, L***'s Schlupfwinkel ausfindig zu machen. Treu und eifrig befolgte er ihre Befehle, denn ein dunkles Gefühl fesselte ihn an das unglückliche Weib. Liebe war dieses Gefühl nicht: bei dem völlig zermalmten Streben nach andrer achtung, unter welchem dieses Schlachtopfer gemissbrauchter Geseze seit Jahren schon ächzte, war Liebe unmöglich. Aber er hatte immer zärtlich an Schwester Nanni gehangen, er war um Nanni's willen vernichtet, und nun schien ihm Sara wie ein höheres Wesen in seine Rache einzuwürken; sein Wille ward dem ihrigen dienstbar, und ob er gleich nicht lieben konnte, so fesselte ihn doch auch die Macht der Schönheit an sie – denn schön stand Sara noch im schreklichen Abgrund, unter den Verworfnen gross und furchtbar, wie Medea, wenn sie von den Unterirdischen umringt, Befehle erteilte, die ihre eigne Gotteit enteiligten, und ihr menschliches Herz mit Jammer erfüllten.
Am Morgen des zweiten Septembers erschien Joseph vor ihr, und rief ihr frohlokend zu, der Verräter sei gefunden, und für sie und das Volk falle er noch heute zum gerechten Opfer; er sei im Karmeliterkloster unter einer Menge andrer Gefangnen, und, wie sie alle, der schreklichen Volksrache preis gegeben. jetzt erst vernahm Sara bestimmt und zusammenhängend den Plan dieses Tages. Sie schauderte vor der fürchterlichen Tat, die sie nicht mehr abscheulich nannte; aber der Gedanke dass er, den sein Verbrechen ihr zugeeignet hatte, fallen sollte ohne die Hand, die ihn träfe, zu kennen, ohne es um diese Hand verdient zu haben, füllte sie mit Eifersucht und Unmut. Lange wälzten sich die wildesten Fantasien in ihrem Gehirn – dort wo er war, konnte sie ihn nicht befreien, retten wollte sie ihn nicht, und selbst dass er zum tod bestimmt war, milderte ihr unbewusst das entsezliche des Mords, den ihre Seele dachte. Sie sah ihn vor sich in seinem ganzen Zauber, sie hörte die stimme, die sie in den Abgrund des Elends gezogen hatte, und liebte ihn noch einmal, um ihn zu ihrem eignen Opfer zu ersehen. Nein, rief sie glühend und zitternd vor dem schreklichen Entschluss, nein, so sollst du nicht fallen, grösster, unmenschlicher Verräter! das Herz, für das ich meine Seligkeit verkaufte – das Herz ist mein, und meine Hand muss es durchbohren. O, ich weiss ja was Mord ist! ich sah jenen Unglücklichen bluten, und verging nicht; und damals glaubte ich mich geliebt – damals war ich Weib, Mutter. – – Sie