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Gatten! – Sie hatte mit Anstrengung, mit sichtbarer Spannung gesprochen, ihr verklärtes Auge war gegen Himmel gerichtet; sie drückte mit einer Hand das Haupt ihres halbknienden Gatten an ihre Brust, mit der andern zeigte sie in die Höhejetzt sank sie zurück, ihr Gesicht entstellte sich. – Da rief die fromme Marte, auf Joseph und ihren Mann deutend; auch diese segne, mutige Märterin! Segne sie, dass sie recht tun in ihrer Rache, und dich wiederfinden mögen vor Gottes Tron! – Unwillkührlich sanken die Umstehenden auf die Knie; die Scheidende strekte beide arme mühsam aus, und liess sie erstarrt sinken. Alles schwieg, und der augenblick wo dieses Opfer der Mutterliebe in das Land des Friedens einging, besiegelte die blutigen Entschlüsse in den Herzen der Ueberlebenden.

Sara war von nun an in einen Strom geraten, der sie unaufhaltsam mit sich fortriss. Raimond wäre noch das einzige menschliche geschöpf gewesen, von dem ihr in diesem augenblick Rettung hätte kommen können, aber es war zu spät, und ihn selbst hatte der nämliche Strom schon gefasst. So waren alle Zufälle gegen sie verschworen gewesen. Roger hatte, in der Meinung dass Sara noch bei seinem Grossvater sein müsste, alle Entdekungen, die er in Rüksicht auf L*** gemacht hatte, nach seiner Heimat berichtet; und da der Briefwechsel zwischen den Patrioten jenes Departements und der Hauptstadt damals aufgehalten wurde, so erhielt er keine Nachricht von seinem Grosvater, und Sara's Abreise aus dem haus des alten Bertier blieb ihm unbekannt. Von einem neuen Ankömmling aus Saumür hatte er erst die Vorfälle bei der Bundesfeier des vierzehnten Julius, und L***'s Anwesenheit in der dortigen Gegend erfahren; mit jeder Falschheit unbekannt, und zu allem geheimen Nachforschen zu unbiegsam, war es ihm bis jetzt nicht in den Sinn gekommen, L*** nachzuspüren: zufrieden, die Nachricht seiner Heirat eingezogen zu haben, mit welcher er Sara zu retten hofte, hatte er ihn voll Verachtung ganz aus den Augen gelassen. Roger konnte der Tirannei und dem tod trozen, er konnte für seine gerechte Sache eine Welt zum Kampfe herausfordern, er konnte den Verbrecher mit eigner Hand schlachten; aber ihm nachgehen, ihn lange ausforschen konnte der einfache Jüngling nichtnicht um des Vaterlandes willen, wie viel weniger also um seiner selbst willen! So konnte Sara wohl vor ihm verborgen bleiben, ob er es gleich wirklich gewesen war, dessen stimme sie bei dem fest, das Raimond seinen Landsleuten gab, in ihrer Nähe gehört hatte. Seitdem er indessen wusste, dass L*** sie bei seinem lezten Aufentalt in der Gegend von Saumür gesehen haben müsste, war er unruhiger geworden, und fürchtete mit brennender Eifersucht, was wirklich geschehen war. Er bewachte nun L***, und fand ihn täglich überall, und blikte ihm überall mit der offenen Verachtung in's Auge, die seine Redlichkeit dem Verrat zugeschworen hatte. Suchte er ihn auf, so war es seine Absicht, ihn auszuforschen; hatte er ihn gefunden, so schien es ihm, als könnte der Verräter ihm doch nicht entgehen, und das Ausforschen war bald rein vergessen. Auch hielt es bei L***'s Behutsamkeit, selbst für ein geübteres Auge, schwer ihn zu erraten; und überdem trat nun der entscheidende zehnte August ein, durch welchen L*** ausser Stand gesezt sein musste, Sara weiter zu verfolgen, und Roger genötigt war, Paris zu verlassen. Noch immer ohne Nachrichten von seiner Heimat, wagte er es aber vor seiner Abreise, sich seinem Landsmann Raimond zu entdeken, einem feurigen Kopf und warmen Freund der Volksklasse, die er als Arzt in einem Stadtospital von Jugend auf beobachtet hatte. Er bat ihn, auf welche Art es immer gehen möchte, seinem Vater Nachrichten von ihm zukommen, und Sara von dem was L*** beträfe, unterrichten zu lassen. Wie Raimond diese zuerst sah, hatte er den Vorsaz, sie von dem schreklichen Pfade, auf welchem er sie traf, zurückzureissen; er wollte sie seinem weib zuführen, deren Tod er nicht so nah glaubte. Allein in eben der Stunde, wo er diesen Plan entworfen hatte, starb sie; und ihr Tod schien seinem gespannten Gehirn ein Zuruf, Sara ihrem schicksal folgen zu lassen. Sein Weib, seine unschuldigen Kinder waren durch einen traurigen Zufall unter den Opfern des zehnten Augusts gewesen; die lezten Worte dieses sterbenden Weibes, die ihn zehn Jahre mit seltner Innigkeit geliebt, ihm in mancher drükenden Lage das schönste häusliche Glück gewährt hatte, schienen ihm ein Spruch der Weihe, der seine Laufbahn bestimmteund Sara war verlassen wie er, sie war zehnfach elender wie er: warum konnte sie das schicksal nicht zur Rächerin ihres Geschlechts ersehen haben? Er folgte der unerklärlichen Gewalt, welche die ungeheure Menschenmasse von Paris damals in unsichtbaren Banden gefesselt hielt, und einen teil zu Anstiftern der entsezlichsten Gräuel, einen andern zu Werkzeugen des Mords, und die ganze zahllose Menge zu stummen und geduldigen Zeugen der schaudervollen Grausamkeit machte. Wenn der Gesichtspunkt einmal verrükt ist, aus welchem man die Menschen gewöhnlich betrachtet, wenn die Moralität der Handlungen durch ausserordentliche Umstände einmal unsicher geworden ist, können Grundsäze der friedlichen Ruhe nicht mehr über die Frevler richten. Gesez und Recht mögen sie ergreifen; aber die Menschen müssen mit heiligem Schauder auf sie bliken, als stünde das Zeichen Kains auf ihrer Stirne, oder wie die mildere Vorwelt jene Unglücklichen betrachtete, die von den Unrechtstrafenden Göttern in die Gewalt der Erinnyen gegeben waren.

Auf diese Weise war der