fürchten, sondern frei zu ihr zu sprechen. Sara war nicht ohnmächtig; was in ihrer Seele vorging, war unaussprechlich – eine plözliche Umschaffung ihres moralischen Wesens! der Geist der Liebe entschwebte ihrem betäubten Gehirn, und der Dämon des Verderbens zog in dieses Herz ein, wo bis heute nur sanfte und wohlwollende Gefühle gewohnt hatten. Die Schöpfung eines feindseligen Schiksals war in ihr vollendet, seufzend entfloh ihr guter Engel, und irrte einsam umher, bis die geläuterte Seele wieder zu ihm kehrte. Sie wies mit völligem Bewusstsein die Hülfsleistungen von sich, und trat nun vor die Gräfin mit einer Hoheit, einer Kälte, die jeden, welcher dieses holde Gesicht ehemals kannte, mit Schauder erfüllt hätte. Mit kalter fester Hand ergrif sie beide hände der erschroknen Frau, und fragte mit ehern hohler stimme: Sind Sie L***'s Gemahlin? – Ohne den Eindruk, den die Sonderbarkeit des Augenbliks auf die Gräfin machte, würde sie auf eine so befremdende Art schwerlich eine eigentliche Antwort erteilt haben; und auch jetzt drückte sich der Stolz des Weibes und der Frau von stand bei ihr aus – ernstaft zurücktretend erwiderte sie: mich dünkt, mein anblick und alles was Sie umgiebt, macht die Frage unnötig. – Sara's Augenbraunen zogen sich finster zusammen: "Als seine witwe sehen Sie mich wieder!" sagte sie, in dem vorigen Tone und ging langsam aus dem Zimmer.
Bei ihrer Rückkehr fand sie Nanni vor ihrer Schwester kniend, um den Kopf des Kindes zu halten, das in heftigen Zukungen auf Martens Schooss lag. Mit freundlicher Angst suchte diese den schreklichen anblick vor Sara zu verbergen, und bat sie, sich zu schonen, da der unvorsichtige Ausgang ihr vielleicht schon geschadet haben könnte. – Er tat gut! sagte Sara mit ihrer Grabesstimme, und stellte sich vor das Kind, das sie mit starren Augen betrachtete. Sollte es wohl sterben? fragte sie nun. Hoffentlich; antwortete Marte, mit einer stimme, die von Tränen erstikt wurde. Nun, dann ist's auch so recht! sprach Sara, und blieb stehen. Marta erstaunte: das Kind lag neun Stunden in diesem Zustand, Nanni sang Todtenmetten und flocht Rosmarinkränze, Sara ging in starrer Fühllosigkeit im Zimmer umher, sah zuweilen finster auf das Kind, und ging wieder umher. Die Kleine hauchte ihren lezten Atem aus; Sara wartete eine Weile, stand betäubt, hielt ihr Herz mit beiden Händen fest, und rief schaudervoll: nun er! Und dann – dann! – wild klopfte sie in die hände, und schlug ihre blizenden Augen aufwärts.
Dieses Betragen fiel Martens weichem und gesundem Gefühl so auf, dass Sara's Zustand ihr sehr bang zu machen anfieng. Sie bat sie, diesen Abend zu ihnen herunter zu kommen. Sara willigte hastig ein. Die verschlossne Tätigkeit, mit welcher sie alle ihre Geschäfte verrichtete, der harte schneidende Ton ihrer Antworten auf alle fragen die man an sie tat – jede ihrer Bewegungen zeugte von der schreklichen Veränderung, die in ihr vorging. Gegen das Nachtessen kam Tirion mit einem Mann, den sie nicht kannte, nach haus. Er fragte hastig nach seinem Schwager, mit welchem er, sogleich nach dessen Eintritt, eine kurze, aber wie es schien leidenschaftliche Unterredung hatte. Bald trat er zu den Weibern, und indem er sich mit seinem finstern Wesen an Sara wandte, Bürgerin! sagte er; wenn Sie das scheuen, was Rache und Recht hier zu sprechen haben mögen, so erlauben Sie meiner Frau, Sie auf Ihr Zimmer zu führen. Ich kenne Ihre Meinungen nicht, und schone Ihr Geschlecht. – Sara hatte die Männer mit einem wilden, forschenden blick betrachtet: Rache und Recht kennt und braucht auch das Weib, antwortete sie kalt; Rache und Recht geben mir allein noch Denkkraft – ich bleibe bei euch! – Eine hohe überfliegende Röte vertilgte die angeborne Zarteit von ihren Zügen; kühn blikte ihr Auge; von ihrer Stirne fielen die dunkeln Loken zurück, indem sie ihr Haupt erhob, und den Arm drohend strekte, als fasste er einen Dolch. Die Männer standen betroffen. Tirion runzelte finstrer die Stirn: ein neues Opfer der Verräter! rief er aus. Was willst du aber unter uns? sezte er hinzu, indem er sich wieder zu ihr wandte; du bist Mutter. – Sara schauderte: Ich war Mutter! Und am Tag der Rache schoss der Vater meines Kindes die Kugel ab, die des zarten Geschöpfes Leben zerstörte. Ich hielt mich für seine Gattin, und nun habe ich das Weib gesehen, die seinen Namen führt, vor welcher er mich verbarg, wie eine Verbrecherin. – Sie schwieg, als stiege eine blutige Erscheinung vor ihr auf. Sie sah im geist ihres Vaters Schloss brennen, sie sah ihren Vater vor sich stehen, wie er in jener fürchterlichen Nacht L*** den Helfershelfer seiner Feinde nannte, sie sah ihn, wie bei eben diesem Namen der Tod ihn ergriff; sie sah den alten Bertier, wie er weissagend ausrief: wer sein Vaterland verrät, wird auch die Unschuld verraten! O hätte nur hier ihr treuloses Gedächtniss nicht geschwiegen! hätte es ihr auch zurückgerufen, wie er damals sagte: so lange du nur sein Opfer, nicht seine Mitschuldige bist, wirst du nicht erliegen! Aber das schicksal riss sie gewaltsam fort; zerstört hatte das erlittne Unrecht jedes weiche Gefühl ihrer Seele, und aus der Vergessenheit traten nur die Bilder wieder vor ihren Geist,