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mit ihm. In einem andern Zeitpunkt wäre er ein gemeiner Mörder geworden, um sich an dem Menschengeschlecht zu rächen; jetzt geriet er bald unter Menschen, von denen er die tröstende Nachricht erhielt, dass die Revolution noch nicht vollendet wäre; er gelobte in ihrer Mitte, erst bei dem Blut des lezten aus der verfluchten Caste, die sein Leben vergiftet hatte, seinen Dolch abzutroknen, und sie liessen ihn seine empörte leidenschaft in die grosse Masse niederlegen, aus welcher die Wunder und die Gräuel des ausgehenden Jahrhunderts hervorgähren sollten. Seitdem war er blosses Werkzeug des Todes, er hatte keinen Gedanken mehr als Rache; aber von dem augenblick an, da sich das Gefühl der ersten Blutschuld in seinem Herzen niederliess, hatte er fest beschlossen, die letzte, die er als die endliche Gründung der Freiheit erkennen würde, mit seinem eignen tod zu versiegeln. Zufällig erfuhr er seines Schwagers Aufentalt in Paris, und suchte ihn sogleich auf. Welch ein Wiedersehen für Nanni, und die gute einfache Marte! Ihm war der jüngsten fortwährende Verstandeszerrüttung unbekannt, und die Heftigkeit, mit welcher er von seinem vierjährigen Elend sprach, die wiederholten Schwüre, dass Nanni's Verführer seiner Rache nicht entgehen würde, die Verzweiflung, in welcher er mit der Stirne gegen die Wand stiess, als Nanni, um sie freundlich zu küssen, die Haare daran heraufstrich, und zum erstenmal die eingebrannten Lilien erbliktedas alles trug dazu bei, Nanni's Zustand seitdem um vieles schlimmer zu machen. Und so hatte sie, bis zu diesem augenblick, der Sara's und dieser unglücklichen Familie Schiksale auf eine Weile in einander verwikelte, ihr trübes Dasein fortgeschleppt.

Marte kam mit der Nachricht zurück, dass Tomas, eine halbe Stunde eh sie nach ihm gefragt hätte, in Verhaft genommen, und nach den Gefängnissen der Abtei gebracht worden wäre: ich habe, sezte sie hinzu, aus Besorgniss für den guten Menschen mich nach seinem Herrn erkundigt, aber diesen hat seit gestern niemand gesehen, das ganze Haus ist in der äussersten Angst, und die Gräfin hat Wache vor ihrer tür – – Sara erstarrte, und fragte Atemlos: wer? wer hat Wache? – die Gräfin L***, antwortete Marte, und sezte mit ahnender Schonung hinzu: seine Mutter oder Schwester. – O nein, nein! rief Sara, und wollte aus dem Bett stürzenaber diesem neuen Schreken, der entsezlichen Ungewissheit, die nun bei ihr begann, erlagen ihre Kräfte, und sie sank steif und leblos in Martens arme. Ihr zwischen Todesschwäche und Fieberfantasie abwechselnder Zustand war mehrere Tage verzweifelt, und die gute Marte musste alle ihre Tätigkeit anwenden, um sich unter ihrer und ihres Kindes Pflege, und der sorge für ihren eignen Haushalt zu teilen. Erst nach vierzehn Tagen kehrte ihr Bewusstsein zurück; als sie aus dem langen Schlummer erwachte, in welchem ihr Geist gelegen hatte, erkannte sie wohl, dass das Kind ihrer Liebe, dieser Zeuge ihres nunmehr vernichteten Glückes, dem grab entgegen schmachtete. Die arme Kleine hätte vielleicht die Gefahr ihrer Wunde überstanden, wenn nicht die Veränderung ihrer Nahrung, da Angst und Krankheit Sara's mütterliche Brust schnell ausgetroknet hatten, und selbst die Milch, die sie noch in der schreklichen Nacht des zehnten Augusts die Unvorsichtigkeit gehabt hatte, ihr zu reichen, ihre Säfte verderbt hätten. Der Zustand ihres Kindes, und das fürchterliche Rätsel ihrer eignen Lage gaben Sara's Nerven bald eine solche Spannung, dass ihre Kräfte wie durch ein Wunder aufzuleben schienen. Sobald sie sich stark genug fühlte, schlich sie sich, Martens sorgende Wachsamkeit betrügend, aus dem haus, und fand Mittel, sich bis nach L***'s wohnung hinzufragen. Sie wollte selbst unverzögert den lezten Zug aus dem Kelch des Unglücks tun. Sie fragte nach dem Herrn des Hauses, und mit zweideutig verlegnem Wesen sagte man ihr, er sei abwesend. Sie forderte nun, die Gräfin zu sprechen: sie fühlte ihren Mund troken, wie sie eine person ihres Geschlechts bei L***'s Namen nannte. Sie musste lange im Vorzimmer warten, alles um sie her verkündigte Luxus und grossen Ton; ein jeder, der vorüberging, blikte auf sie, wie auf eine Bittende, Untergeordneteund sie war in L***'s Haus! Ihr Zustand war unbeschreiblich. Sie wusste nicht, was ihr bevorstand, nicht was sie tun würde, nicht ob sie es wirklich ausdachte, dass sie im nächsten augenblick vor L***'s Gemahlin stehen würde. So oft die tür der inneren Zimmer aufging, fühlte sie ihr Herz zusammengezogen, und so oft sie in ihrer Erwartung getäuscht war, hob sich ihre gepresste Brust freier, um gleich nachher desto schmerzlicher wieder zu stoken. Endlich wurde sie von einem zierlich gekleideten Kammermädchen abgerufen, und durch ein glänzendes Zimmer in ein Kabinet geführt, wo die Gräfin sie erwartete. Nicht zitternd, aber von Spannung fast erstarrt, trat sie herein, warf einen blick auf die Gräfin, und mit einem lauten Schrei, ihr Gesicht mit beiden Händen bedekend, sank sie auf den Bodenein junges Weib hatte vor ihr gestanden, schön, stolz, kalt und neugierig auf die Unbekannte blikend, nachlässig einen Spizenmantel zusammenziehend, der ihre nahe hoffnung, Mutter zu werden, darum nur reizender entdekte. – –

Sara ward aufgehoben, man sezte sie in einen Sessel, reichte ihr Salz, Riechfläschchen; die Gräfin selbst trat näher zu ihr, und ermahnte sie herablassend, sich nicht zu