da ihm aber die Schlupfwinkel von der Jagdgränze an bekannt waren, gelangte er glücklich bis zur Hütte. Bitter triumphirend wirft er die Beute vor Nanni's Füsse, die er an dem Heerd vor einem grossen Feuer sizend findet. Sie winkt ihm verwirrt, still zu sein – die Vernunft der Armen war unterlegen; was ihre eigentliche Absicht gewesen war, konnte man nicht erraten, ihr blutendes Kind zeugte bloss von ihrer Tat. Sie hatte ihm die Kehle abgeschnitten, und glaubte nun, dass es schliefe. Der unglückliche Bruder schaudert – ein natürlicher Sicherheitstrieb gibt ihm ein, den kleinen Leichnam vor der Hütte zu vergraben, indess Nanni in ruhiger Abwesenheit des Geistes sich schlafen legt. Kaum war er mit dem traurigen Geschäft zu Ende, so sah er die Hütte von Menschen umringt; man war dem Wilddieb auf die Spur gefolgt, und er wurde nun auf dasselbe Gut, wo sein Vater ehrenvoll gelebt hatte, in's gefängnis geschleppt. Nanni wäre vor Hunger und Raserei gestorben, hätte sich ihrer nicht einer von den Häschern erbarmt, dem sie in guten Tagen, in ihres Vaters Haus, manches Glas Wein gereicht hatte. Dieser nahm sie zu sich, bis er bald darauf gelegenheit fand, sie nach la Rochelle zu ihrer Schwester zu schiken, die eben nach einem vorteilhaft beendigten Handel aus England zurückgekommen war. So oft Nanni auch von ihrem schlafenden kind sprach, so liess doch ihre unverkennbare Verstandesverwirrung, und die Stumpfsinnigkeit, vielleicht sogar die Guterzigkeit derer, die sie umgaben, keinen Argwohn aufkommen; und ihre Schwester benuzte diese Fantasie, deren Grund ihr freilich bald klar werden musste, um sie in der Unwissenheit oder Vergessenheit der noch fürchterlicheren Wahrheit zu erhalten. Man liess sie dabei, ihr Kind schliefe, und sein Tod habe ihr geträumt; alles, was nachher sie schmerzhaft berührte, oder die Erinnerung des Geschehenen wieder in ihr weken konnte, reihte sie an diese idee, und gab es sich für Traum aus. Ihren armen, durch sein schicksal ergrimmten Bruder hatten Gram und Elend in den wenigen Monaten so entstellt, dass er bei seinem Eintritt in's gefängnis, auf sein Verlangen vor den Grafen gelassen wurde, ohne dass man ihn für den Sohn des lezten Pachters erkannt hatte. So wie er vor ihm stand, warf er ihm mit wütender Bitterkeit vor, der Mörder seines eignen Kindes zu sein, und drohte ihm, dass früh oder spät keine Macht auf Erden ihn vor der gerechten Strafe schüzen sollte. Der kleinmütige Wollüstling schauderte, als er von dem blutigen Auftritt hörte, aber er schäumte über die Kühnheit des jungen Menschen, und er bewies ihm hönisch, wie er sich durch das geständnis von Nanni's Verbrechen in seine Gewalt gegeben hätte; die Reihe zu drohen wäre an ihm, sagte er, und er rühmte sich seiner Milde, wenn er ihn und seine Schwester nicht einer weit schreklicheren Ahndung überlieferte, als seine Wilddieberei nach sich ziehen würde. Bei diesem niederträchtigen Misbrauch der Macht vergass der Unglückliche seiner wehrlosen Lage, unsinnig fiel er den Grafen an, der vielleicht ein Opfer seiner Wut geworden wäre, wenn man ihm auf sein Geschrei nicht zur hülfe geeilt wäre. Seine Sache war nun sehr verschlimmert, der gang des Rechtshandels blieb indessen unbekannt, wie so manches Werk der Finsterniss in jenen zeiten; allein der Richterspruch verurteilte ihn, auf der Stirne gebrandmarkt zu werden, und zu vierjähriger Galeerenstrafe. Tirion, Martens Gemahl, sah sich nun in seiner Frau, durch die schändende Strafe die ihr Bruder erlitt, selbst entehrt; aber zu redlich und edel, um es den unglücklichen Schwestern entgelten zu lassen, verliess er la Rochelle, und trat in der Hauptstadt einen Spezereihandel an. Der Kummer seiner Frau, Nanni's Wahnsinn, der zwar sanft blieb, aber für unheilbar erkannt wurde, das fürchterliche schicksal seines Schwagers, den er sehr geliebt hatte, ein von seinem früh getriebnen Seeleben sich herschreibender Hang zur Freiheit – alles traf zusammen, um ihn an der grossen Revolution, welche ein Jahr nach dem Unglück, das seine Familie betroffen hatte, ausbrach, einen schwärmerischen Anteil nehmen zu lassen. Er hatte sich ein Bild von Freiheit und Gleichheit gemacht, das seinen Begriffen angemessen war; diese Vorteile seinem Vaterland zu verschaffen, war sein Ziel, und er verfolgte es mit einer Starrheit, die bei jedem Schritte, über die Mittel es zu erreichen, gleichgültiger werden musste. Anfangs schien ihm jedes Opfer zur Sühne für Nanni's zerrüttete Vernunft, für des redlichen Josephs gebrandmarkte Stirne zu fallen; bald wog er jedes gegen die Tausende ab, die der ränkevolle Widerstand der Feinde der Freiheit vernichtete; endlich lieferte er selbst die Unglücklichen unter das Beil, weil er bei jedem hofte, dieser würde die Zahl der Ruhestörer schliessen! – Im Frühjahr 1791 hatte Joseph seine schändliche Strafe auf der Galeere abgebüsst. Mit einem durch und durch vergifteten Herzen, mit einem Gehirn, das die Langeweile, und die heisse Sonne des mittelländischen Meeres ausgetroknet hatte, das unter seinen Mitgefangnen die verzerrtesten Züge der alten Sklaverei, der durch den Misbrauch der Geseze erniedrigten Menschenwürde, der abscheulichsten Unsittlichkeit aufgefasst hatte, durchbettelte er Frankreich. Menschen hatten ihn, den Unschuldigen, gebrandmarkt, und jetzt scheuchte dieses Zeichen die Menschen von ihm, als hätte Gottes Finger es seiner Stirne aufgedrükt. Mit glühendem Freiheitssinn, und dürstend nach Recht betrat er den Boden, der nun der Freiheit und Gleichheit geweiht sein sollte, und dennoch flohen seine Brüder die Gemeinschaft