vor Angst dem Erstiken nahe, und ihr Zustand rührte Sara so innig, dass sie einen augenblick ihre eigne Lage weniger empfand, und auf Nanni's kalte hände weinte. Nanni fühlte ihre Tränen, besah ihre Hand, und sagte schluchzend: Seitdem kann ich nicht weinen! Marta sagt oft, wenn Henriot endlich aufwachte, würde ich vor Freude weinen. Es währt aber so lange! sezte sie sehnsuchtsvoll hinzu, könnte ich nur sein Bett finden! wie ich ihn zulezt schlafen legte, stand es dort – da! – Sie stand auf, nahm das Licht, suchte im ganzen Zimmer umher; endlich kam sie wieder zu Sara, und rief hofnungslos: O es ist nirgends – nirgends zu finden!
Sara hatte jetzt eine Art von Aufschluss über das traurige Geschäft, bei welchem sie das arme geschöpf einige Zeit vorher schon belauscht hatte; aber folgendes ist die zusammenhängende geschichte ihres Unglücks, die sie nur zerstükelt erfuhr. Armand, der Vater der drei Geschwister, war Pachter auf einem grossen teil der Güter des Grafen von**, die in dem jezigen Departement der Charente lagen. Er hatte gelegenheit gehabt, in früheren Jahren einige Bildung zu erhalten, er hatte ein wohlhabendes Mädchen geheiratet, stand also besser als die meisten Landbauern seiner Gegend, und gab seinen Kindern eine sorgsame Erziehung. Marta, die älteste, heiratete einen Seemann, mit welchem sie nach la Rochelle zog; Joseph folgte dem Gewerb seines Vaters, und die zärtlichste Bruderliebe verband ihn mit Nanni, der jüngsten, einem damals blendend schönen Mädchen, deren schwärmerisches Gefühl keinen andern Gegenstand hatte, als ihren Bruder. Den Grafen von ** nötigten seine Verschwendungen, sich für eine gewisse Zeit auf seine Güter zurückzuziehn; hier warf er ein gnädiges Auge auf Nanni, bei der er sich in diesen Umständen einen ganz angenehmen Zeitvertreib versprach. Bei den ehrwürdigen grundsätzen von Tugend und Pflicht, die sie von ihrem Vater überkommen hatte, konnte er sie weder von diesem kaufen, noch sie selbst, ohne ihr Herz in das Spiel zu ziehen, verführen. Aber Nanni war für ihren Stand zu gebildet, und der Elende war in diesen Künsten ein Meister; ihr Herz empfieng also die ersten Eindrüke der Liebe mit unbefangenem Zutrauen. Schwüre und Versprechen von seiner Seite, Unerfahrenheit und glühende Jugend von der ihrigen, bereiteten ihren Fall. Der alte Armand schöpfte Verdacht, und forderte seinen Abschied, um, wie er noch hofte, sein Kind einer Beschimpfung zu entziehen, für welche kein Gesez ihn rächte. Eh sein Gesuch bewilligt war, nahm ihn ein Schlagfluss hinweg; in der Betäubung des ersten Schmerzens entdekte Nanni ihrem Bruder ihren Zustand; dieser reizte durch stolzen Ungestümm die Rache des vornehmen Verführers; der Graf machte Chikanen über die Pachtrechnungen des Vaters, die er doch selbst aus Unordnung, seit vielen Jahren zu berichtigen sich geweigert hatte; und die Kinder wurden fast des ganzen väterlichen Nachlasses beraubt, und aus dem Pachtof gestossen. Marta war mit ihrem mann, wegen einer kleinen Handelsspekulation, nach England gereist; die Familie ihrer vor vielen Jahren verstorbnen Mutter war ihnen fremd geworden – kurz, manche unglückliche Zufälle trafen so zusammen, dass ihnen in der harten Jahrszeit keine Zuflucht übrig blieb, als die Hütte eines alten Jägers, welche in der Gegend von Saint Hyppolite mitten im wald lag. Joseph fühlte die Schmach die dem Andenken seines Vaters, das Unrecht, das seiner Schwester angetan war, in einem so hohen Grade, dass er auf die abenteuerlichsten Anschläge verfiel, um sich an dem Grafen persönlich zu rächen. Einsamkeit und halbe Ausbildung hatten seinen Kopf zu überspannten Begriffen gestimmt; er wollte in Seedienste gehen, und hofte sich durch die schnellen Fortschritte seiner Geschiklichkeit so weit zu bringen, dass ihm der Mörder seiner Ehre im Zweikampf würde Rechenschaft geben müssen. Nanni's Verzweiflung, und ihre völlig hülflose Lage vermochten ihn, die Ausführung seines Plans bis auf das Frühjahr zu verschieben. Sie gebahr einen Knaben, bei dessen ersterm Weinen Joseph einen feierlichen Schwur, sich und ihn zu rächen, ablegte; und seine Bitterkeit hatte bei der grausen Abgeschiedenheit seiner wohnung, bei dem beständigen Kampf gegen herannahendes höchstes Elend, nur zu viel Nahrung. Indessen teilte der alte Jäger sein tägliches Brod redlich mit ihnen, und Joseph half es ihm auf der Jagd verdienen; aber auch diese Stütze wurde ihnen bald entrissen, der Alte kam in einer rauhen Winternacht, wahrscheinlich, weil er nicht nüchtern aus Saint Hyppolite zurückkehrte, im Schnee um. Von Gram und Mangel an hülfe ermattet, lag Nanni seit ihrer Niederkunft krank; Joseph ging umsonst in die benachbarten Dörfer, um Arbeit zu finden; wegen der eben sehr harten Witterung brauchte man keine Taglöhner, und als Knecht sich zu verdingen, erlaubte ihm der Zustand seiner Schwester nicht. Ihr Jammer stieg auf's höchste, Nanni's Kopf fing an zu leiden, sie gab sich alles Unglück Schuld, und wünschte sich und ihrem kleinen Henriot den Tod. Der Hunger, den sie öfters litt, würkte noch mehr auf ihr Gehirn, und an einem unseligen Tage, dem dritten dass Joseph gefastet hatte, und wo Nanni das letzte trokne Brod ass, ohne dass ihr schmachtendes Kind Nahrung an ihrem Busen fand, ging Joseph mit der Flinte in den Wald, um, was auch daraus werden möchte, Speise zu finden; das ungefähr brachte ihn in ein Gehege, das zu den Gütern des Grafen von ** gehörte, er erlegte dort ein Reh, sah sich entdekt;