bereitete den Männern, welche den ganzen Tag unter den Waffen gewesen waren, ein kleines Mahl. Diese sassen indess am Heerd, und während dass Frau Tirion im Hin- und Hergehen ihrem Mann die Vorgänge des Tages abfragte, blikte Joseph, ihr Bruder, finster in das Feuer. Sara blieb neben ihrem kind, ängstlich auf Tomas Rükkehr harrend; Nanni sass in ihrer stillen Zerstreuung, und arbeitete. Wenn Joseph von Zeit zu Zeit in die stube kam, richteten sich ihre Augen mit einem seelenvolleren Blike auf ihn, und ihr Lächeln ward bedrükender; er hingegen schien dann finster hinauszugehen. Einmal sezte er sich hin, einige Papiere in einem Tischkasten zu suchen; Nanni legte ihre Arbeit aus der Hand, stellte sich neben ihn, und winkte Sara gleichsam verstohlen, indem sie die Haare von seiner Stirne strich, und sie lebhaft küsste. Der junge Mann fuhr bei dieser Liebkosung auf, rief heftig ein Paar unverständliche Worte, und stürzte, seine Papiere zusammenraffend, mit verbissnen Zähnen hinaus. Nanni seufzte, schüttelte den Kopf, und nahm ihre Arbeit wieder. Sara war nicht fähig, diese kleinen Bewegungen zu deuten, ob sie gleich mechanisch darauf merkte: ihr Körper fing an, einer Erschütterung, die gegen vier und zwanzig Stunden anhielt, zu unterliegen, ihre Nerven wurden von einem brennenden Fieber gespannt. Die Veränderungen in ihrem Aussehen entging der Frau Tirion nicht, sie fühlte ihre glühenden hände und Wangen, sie bat sie freundlich, sich auf dem Bett niederzulegen. Wie Sara sich heftig weigerte, fragte sie mit bescheidner Teilnehmung: kann ich denn niemand zu Ihnen rufen? kennen Sie keinen Menschen? – Nein, nein! rief Sara in der schreklichsten Bewegung, und bedekte ihr Gesicht mit den Händen. Die Frau beruhigte sie, sagte ihr, sie wollte zusehen, ob ihre Zimmer fertig wären, und sie dann mit dem Bedienten hinaufbringen; Sara hörte kaum etwas mehr, jeder augenblick vermehrte ihr Uebel. Auch war Marton nirgends zu finden, und Tomas kehrte nicht wieder. Wie die Nacht vollends einbrach, brachten sie die guten Menschen selbst auf ihr Zimmer; die Männer mussten wieder unter die Waffen, und Frau Tirion machte Anstalt mit Nanni bei Sara und ihrem kind zu wachen. Die Angst und die Stärke des Fiebers überwanden Sara's bisherigen Entschluss, sich niemanden anzuvertrauen. Sie fragte tausendmal nach Tomas, und bat endlich Frau Tirion flehend, ihn aufsuchen zu lassen. – Und wo das? – Sara nannte ihr L***'s wohnung. Es war fast zehn Uhr, der Weg war lang, aber die gute Frau schien ihre Angst zu teilen, sie übernahm selbst Sara's Auftrag, und ging, nachdem sie ihrer Schwester auf das dringendste eingeschärft hatte, sie nicht zu beunruhigen, und sie sorgsam zu pflegen. Nanni tat Anfangs auch pünktlich darnach; aber Sara, deren Gehirn in der bangen Stille, welche diese Nacht hindurch in Paris herrschte, noch mehr erhizt wurde, fing selbst an, mit ihr zu sprechen, bat sie zu singen, und fragte sie nachher, ob Joseph ihr Gatte oder ihr Bruder wäre? – Gatte? wiederholte Nanni lächelnd, und schwieg. Sara glaubte, sie hätte sich nicht deutlich genug ausgedrükt, und sie fragte wieder, ob der dessen Stirne sie geküsst hätte, ihr Mann wäre? Nanni schien unruhig zu werden, und sagte, wie halb im Vertrauen: Nein, nein! Ich weiss nicht wo er ist, Joseph will ihn ja ermorden. – Wen? rief Sara erschroken und teilnehmend. Die Unglückliche gab noch viele unverständliche Antworten, aus denen nur deutlich war, dass ihr armer verwirrter Kopf Sara für ganz unterrichtet von ihrem schicksal hielt. Sara fand eine ihrer bangen Stimmung angemessene Zerstreuung in dieser Unterhaltung, und sie machte, indem sie teilnehmend darin fortfuhr, die arme Nanni immer zutraulicher. Auf die Frage, ob sie schon lange in der Hauptstadt wäre? antwortete sie traurig: Fast seitdem ich nicht aufwachen kann! – Weil dieser Begrif von Schlafen und Träumen es hauptsächlich war, der alle ihre Gedanken zu verwirren schien, so fragte Sara sie freundlich um die Ursache dieses langen Schlafs. – Sie wissen es also gar nicht mehr, wie ich aus Hunger einschlief in der kleinen Hütte im Wald? Und mein Henriot wekte mich immer, weil er auch hungerte, und schrie; und endlich träumte ich, Henriot müsste ja doch sterben, weil ich kein Brod hatte, und Joseph gar nicht wiederkam; und da schnitt ich meinen armen Henriot in seinen kleinen Hals, bis er auch schlief; und wie ich denn da neben ihm sass, und mich am Feuer wärmte, kam Joseph wieder, und rief: da bringe ich zu essen, meine Nanni! und hatte ein ganzes Reh, und das blutete wie mein Henriot; aber wie er den sah, war er sehr böse – und hernach mussten wir alle im Keller wohnen, und der arme Joseph stiess sich vor die Stirn, wie er meinen Henriot wieder aus der Erde graben wollte; davon hat er noch das Mal, das ich heute küsste; aber im Traum halte ich's immer für ein Brandmal, das ihm der grausame Graf hätte aufdrüken lassen, weil er das Reh schoss – und er wollte doch sein Kind damit vom Hungertodt retten! – Nanni hatte höchst abgebrochen geredet, als suchte sie bloss fürchterliche Erscheinungen, die an ihrem blick vorübergingen, zu beschreiben und zu nennen; jetzt schien sie